10.09.2011 · Die Angriffe des 11. September 2001 stürzten weder die Vereinigten Staaten noch die Weltwirtschaft in eine Rezession. Im Handel blieben die Vereinigten Staaten dagegen ein offenes Land, wenn auch mit viel mehr Schulden als jemals zuvor.
Von Patrick WelterNichts wird mehr sein, wie es war, hieß es nach den Terroranschlägen auf die Vereinigten Staaten vor zehn Jahren. Wirtschaftlich stimmt das in vieler Hinsicht nicht. Entgegen der Befürchtungen stürzten die Angriffe des 11. September weder die Vereinigten Staaten noch die Weltwirtschaft in eine Rezession. Die ökonomischen Spuren von 9/11 finden sich am ehesten noch in den Kosten, die die Kriege in Afghanistan und im Irak sowie erhöhte Sicherheitsvorkehrungen den Amerikanern brachten. Doch auch hier ist die Zeit über vieles hinweggegangen.
In den Wochen nach den Anschlägen verringerte sich die amerikanische Wirtschaftsleistung erheblich. Unter einer dicken Staubschicht der gefallenen Türme des World Trade Center blieb im südlichen Manhattan das Finanzzentrum der Welt, die New York Stock Exchange, vier Tage lang geschlossen. Fabriken stellten temporär ihre Produktion ein, weil mit dem Zusammenbruch des Flugverkehrs und wegen drastisch verschärfter Kontrollen im Land- und Flussverkehr die Zulieferung von Vorprodukten nicht mehr gewährleistet war. Die Flexibilität der Just-in-time-Produktion, die zuvor ungeahnte Produktivitätszuwächse verschafft hatte, erwies sich zeitweise als Last.
Im patriotischen Rausch versagten die Kontrollen
Politisch opportun erschien so im Herbst 2001 der Regierung von George W. Bush die Behauptung, die Terroranschläge hätten die schwache Wirtschaft über die Kante in die Rezession gestoßen. Doch das stimmt nicht. Nach dem Platzen der Internet-Börsenblase steckten die Vereinigten Staaten schon seit Jahresbeginn 2001 in einer leichten Rezession. Im vierten Quartal, direkt nach den Anschlägen, aber wuchs die Wirtschaft schon wieder. Am Jahresende erreichten die Aktienindizes an der Wall Street Werte wie vor den Anschlägen. Private Haushalte und Unternehmen stoppten nach 9/11 zwar Konsum und Investitionen, weil die allgemeine Unsicherheit ein Abwarten nahelegte. Die Starre aber dauerte nur kurz. Dann kamen der Untergang von Enron im Dezember 2001, von Worldcom im Juli 2002 und die weltumfassende Panik wegen der Sars-Epidemie. Diese Gründe für das schwache Wachstum in den Jahren nach 2001 haben mit dem 11. September nichts zu tun.
Der frühere Vorsitzende der amerikanischen Zentralbank Federal Reserve, Alan Greenspan, bekundete in seinen Memoiren seine große Verwunderung über die bemerkenswerte Widerstandskraft, die die Wirtschaft in Reaktion auf die Anschläge zeigte. Die Fed stützte mit schnellen Zinssenkungen, mit denen sie den schon zuvor begonnenen Lockerungskurs fortsetzte. Ein fiskalisches Konjunkturprogramm von 100 Milliarden Dollar aber kam 2001 schon nicht mehr zustande. Als der Kongress sich im Frühjahr 2002 endlich einigte, kam der erheblich kleinere Impuls wie so oft zu spät, mitten in die Erholung hinein. Das Programm bestand aus einem Sammelsurium an Einzelprojekten, mit denen die Kongressmitglieder ihre politische Klientel bedachten. „Weil sich alle um die Flagge und den Präsidenten scharten und der Fokus sich mit den Kriegen auf das Ausland richtete, blieben in den ersten Jahren nach 9/11 viele inländische Ausgaben unbemerkt und unangefochten“, sagt David Boaz, der Vizedirektor des Cato-Instituts in Washington. Im patriotischen Rausch versagten die fiskalpolitischen Kontrollen, die „checks and balances“ der Demokratie.
Bush und Obama teilen sich die Verantwortung
Die erhitzte Debatte in den Vereinigten Staaten kreist nicht um diese fiskalpolitischen Kollateralschäden der Anschläge, sondern um die Kosten der Kriege in Afghanistan und im Irak. „Der große Fehler nach 9/11 war, die Kriege über Schulden zu finanzieren und zugleich noch die Steuern zu senken“, sagt der Ökonom Barry Bosworth von der Brookings Institution in Washington. Die Schuld der Bundesregierung stieg seit 2001 um fast 10 Billionen Dollar, nachdem in den letzten Jahren der Clinton-Regierung noch Überschüsse erzielt worden waren und Ökonomen schon die Schuldenfreiheit prognostizierten. Der Marsch zurück in den Schuldenstaat ist aber nur zum kleineren Teil den Anschlägen des 11. September anzulasten.
Nach offizieller Rechnung wurden für die Kriege bislang rund 1,3 Billionen Dollar ausgegeben. Hinzu kommen rund 490 Milliarden Dollar erhöhter Ausgaben der Bundesregierung für die Sicherung des Heimatlandes und den Geheimdienst, wie die Wissenschaftler John Mueller von der Ohio State University und Mark G. Stewart von der Universität Newcastle in Australien berechnet haben. (Die Kosten der Bundesstaaten und der Kommunen für erhöhte Sicherheit schätzen sie auf 110 Milliarden Dollar.) Der Großteil der föderalen Schuldenlawine, die sich im vergangenen Jahrzehnt aufbaute, beruht damit auf den Steuersenkungen der Bush-Regierung und auf erhöhten inländischen Staatsausgaben, die mit 9/11 nichts zu tun haben, sowie auf den gewaltigen schuldenfinanzierten Konjunkturpaketen nach der Wirtschaftskrise von 2008. Bush und sein Nachfolger Barack Obama teilen sich darin die Verantwortung.
Andere Schätzungen der Kriegskosten in Afghanistan und Irak übertreffen die offiziellen Angaben um ein Vielfaches. Joseph Stiglitz, der Nobel-Gedächtnispreisträger für Wirtschaftswissenschaften, hält Kosten von 4 bis 6 Billionen Dollar für möglich. Stiglitz und seine Koautorin Linda Bilmes rechnen dabei indirekte Kosten ein, etwa für die Versorgung der Veteranen, die zwar finanziell ungedeckt sind, aber weitgehend erst in Zukunft fällig werden. Die spektakuläre Schätzung kann damit als Argument im politischen Streit um die jetzigen Staatsdefizite nicht herhalten.
Flugreisen wurden teurer und unbequemer
Nach Kräften mühen sich die Ökonomen zugleich darum, eine direkte Linie von 9/11 selbst bis zu der Wirtschaftskrise von 2008 zu ziehen. „Die globale Finanzkrise war zumindest teilweise Folge des Krieges“, schrieben Stiglitz und Bilmes im vergangenen Jahr in der Zeitung „Washington Post“. Weil die Vereinigten Staaten zu viel Geld für den Krieg und zu wenig Geld zu Hause ausgegeben hätten, habe die Federal Reserve die Geldpolitik so desaströs gelockert und die Regulierung der Finanzmärkte schleifen lassen. „Das ist ein bisschen sehr weit her geholt“, sagt Bosworth von der Brookings Institution. Die im Rückblick zu lockere Geldpolitik sei Deflationssorgen geschuldet gewesen, die lockere Aufsicht der Überzeugung Greenspans, dass die Finanzmärkte sich selbst regulieren könnten. Washington hätte sich der Wirtschaftskrise nach 2008 fiskalisch aber besser entgegenstemmen können, wenn es die Kriege nicht über Schulden finanziert hätte, sagt Bosworth.
Im inneramerikanischen Streit um die Kriege und die Finanzpolitik gehen andere Kosten von 9/11 beinahe unter. Auf mindestens 110 Milliarden Dollar schätzen Mueller und Stewart die Mehrausgaben privater Unternehmen für Sicherheit. Prämien für Versicherungen stiegen. Flugreisen wurden wegen der verschärften Auflagen und Kontrollen nicht nur teurer, sondern auch erheblich unbequemer. Der Produktivitätszuwachs des vergangenen Jahrzehnts lässt freilich nicht erkennen, dass diese Hemmnisse und unproduktiven Ausgaben die Wirtschaft arg belastet hätten.
Die schwerwiegendsten ökonomischen Folgen der Anschläge zeigen sich an der Grenze und in der Immigrationspolitik. Noch am Wochenende vor dem Dienstag der Anschläge hatten Bush und der mexikanische Präsident Vicente Fox sich im Weißen Haus geeinigt, die Einwanderung von Mexikanern in die Vereinigten Staaten zu erleichtern. Diese Initiative auch eines Gastarbeiterprogramms war mit den Anschlägen politisch tot. Bush versuchte zwar 2004, den Vorstoß wiederzubeleben, aber die Stimmung im Kongress hatte sich gedreht. „So wie die Demokraten sich gegenüber Freihandel verhärteten, verhärteten die Republikaner sich gegen die Einwanderung“, sagt der Ökonom Daniel Griswold vom Cato Institute.
„Wir wurden nicht zu Isolationisten“
Die Abschottung der Vereinigten Staaten durch striktere Visavorschriften und immer schärfere Sicherheitskontrollen schreckte die Besucher, darunter Touristen, Studenten und Geschäftsleute, dauerhaft ab. Noch 2000 hatten - unter Ausschluss von Mexikanern und Kanadiern - fast 26 Millionen Menschen die Vereinigten Staaten besucht. Im Jahr nach den Anschlägen waren es nur noch 19 Millionen. Es sollte bis 2010 dauern, bis die Zahl der Besucher wieder das Niveau von vor 9/11 erreichte - in einem Jahrzehnt, in dem die internationale Reisetätigkeit kräftig zunahm. „Wir haben im Tourismus und in der Attraktivität für ausländische Studenten Marktanteile verloren“, sagt Griswold. Der Verlust an klugen Studentenköpfen, die nach dem Studium als gebildete Arbeiter oft im Lande blieben, verringert die Wachstumskraft Amerikas. Neben der kriegsbedingt angehäuften Staatsschuld wird das der größte wirtschaftliche Schaden der Anschläge bleiben.
Im Handel blieben die Vereinigten Staaten dagegen ein offenes Land. Präsident Bush schloss 14 Freihandelsverträge, darunter mit vier muslimischen Ländern: Marokko, Jordanien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrein. Drei weitere von ihm ausgehandelte Freihandelsverträge warten darauf, dass sein Nachfolger Obama sie endlich dem Kongress vorlegt. Auch die Doha-Welthandelsrunde wurde im November 2001, nur wenige Wochen nach den Anschlägen, mit tatkräftiger Unterstützung der Vereinigten Staaten ins Leben gerufen. Ihr Scheitern hat mit Konflikten zwischen westlicher und muslimischer Welt nichts zu tun.
Eine hässliche Ausnahme im freihändlerischen Impetus der Bush-Jahre, der erst unter Obama verloren ging, blieb 2006 der Streit um die Übernahme des Managements amerikanischer Häfen durch die Dubai Port World. Das Staatsunternehmen aus dem des Terrorismus unverdächtigen Dubai wurde im Kongress von Demokraten und auch Republikanern vehement abgelehnt. Die Befürchtung, ein arabischer Investor könne die Sicherheit der Seehäfen nicht hinreichend garantieren, legte offen, wie die Ängste vor islamischem Terror politisch ausgenutzt wurden. Dubai Port World gab die Direktinvestition letztlich auf. Insgesamt aber hatte 9/11 einen „moderat positiven“ Effekt auf die amerikanische Handelspolitik, sagt Griswold: „Wir wurden nicht zu Isolationisten. Die Anschläge erinnerten die Amerikaner daran, dass wir in der Welt engagiert bleiben müssen.“
| Name | Kurs | Prozent |
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