05.04.2008 · Hunderte von Häusern in Clevelands Slavic Village stehen leer. Ihren Bewohnern sind die Hypothekenschulden über den Kopf gewachsen. Nun sind sie vor ihren Gläubigern auf der Flucht. Claus Tigges hat sich in der Geisterstadt umgesehen.
Von Claus TiggesAus einem stahlblauen Himmel scheint die Frühlingssonne auf Cleveland und gibt sich alle Mühe, die verbliebenen Schneereste zu schmelzen, die die Stürme des Winters zurückgelassen haben. Doch die ersten warmen Sonnenstrahlen verheißen der Stadt am Eriesee in diesem Jahr wohl keinen Aufbruch, keine Erneuerung. Im Slavic Village, einem einst von Einwanderern aus Polen, Tschechien und der Slowakei gegründeten Viertel nur wenige Autominuten südlich der Innenstadt, herrschen Zerstörung und Trostlosigkeit. Hier, an der Union Street und in den angrenzenden Straßenzügen, wird das Ausmaß der Verwüstung deutlich, die der Sturm der Hypothekenkrise in Teilen Amerikas inzwischen angerichtet hat: Häuser über Häuser, deren Fenster und Türen mit Brettern vernagelt sind, verlassen von ihren Bewohnern, weil ihnen die Hypothekenschulden über den Kopf wuchsen und sie keinen anderen Ausweg mehr sahen, als sich auf- und davonzumachen in der Hoffnung, die Gläubiger werden sie niemals finden.
Es sind nicht mehr nur ein paar, auch nicht nur ein paar Dutzend Häuser, die aufgegeben und, kaum, dass ihre Bewohner fort waren, von Plünderern ausgeschlachtet wurden. Sie haben es vor allem auf die Kupferleitungen und anderes Metall abgesehen, weil sie dafür von den lokalen Schrotthändlern ein paar Dollar bekommen. Hunderte Häuser im Slavic Village stehen inzwischen leer, weil die Zwangsvollstreckung angeordnet wurde und die Hausbesitzer keinen anderen Ausweg mehr sahen, als zu verschwinden. Der Postbezirk 44105, zu dem auch dieses Stadtviertel gehört, hat in Amerika inzwischen traurige Berühmtheit erlangt: Nirgendwo anders im Land gab es im vergangenen Jahr mehr Zwangsversteigerungen von Häusern und Wohnungen als hier. Das Slavic Village wird mehr und mehr zu einer Geisterstadt im 21. Jahrhundert, und täglich erhalten drei weitere der noch verbliebenen Bewohner einen Brief vom Gericht mit der Ankündigung der Zwangsversteigerung.
"Ich bin bereit, alles hinzuschmeißen und abzuhauen"
Zu den vielen verlassenen Häusern könnte schon bald auch das von Mandisa Lewis zählen, das nicht weit vom Slavic Village entfernt steht. "Ich bin bereit, alles hinzuschmeißen und abzuhauen", sagt die Mittvierzigerin. Vor acht Jahren hat sie das Häuschen gekauft, für 83 000 Dollar, und weil sie und ihr damaliger Mann keine Ersparnisse hatten, haben sie sich das ganze Geld von der Bank geliehen. 2003 nahm Lewis, mittlerweile geschieden, eine zweite Hypothek über 32 000 Dollar auf, einen sogenannten "home equity loan", bei dem der gestiegene Wert des Hauses als Sicherheit dient. "Warum ich das gemacht habe, weiß ich gar nicht mehr", sagt Lewis. So richtig verstanden habe sie die Bedingungen des zweiten Kredits nicht, gesteht sie, und sie habe sich auch nicht beraten lassen, sondern alles auf dem Postweg geregelt.
1055 Dollar habe sie im Monat für die beiden Hypotheken bezahlen müssen. "Das war aber kein Problem, denn ich hatte einen ordentlichen Job in der Schulverwaltung, wo ich 45.000 Dollar im Jahr verdiente", sagt sie. Dann habe sie ihre Stelle verloren und zunächst nur einen Aushilfsjob gefunden, der ihr 10 Dollar in der Stunde brachte. Als dann auch noch der flexible Zins für das zweite Darlehen von 8 auf 16 Prozent und die monatliche Belastung auf 1300 Dollar kletterten, sei schnell das Ende der Fahnenstange erreicht gewesen. "Seit Oktober 2007 habe ich nicht mehr bezahlt", sagt die Mutter erwachsener Kinder. 83 000 Dollar schuldet sie der Bank trotz jahrelanger Zahlungen für den ersten Kredit, und aus den 28 000 Dollar des zweiten Darlehens sind inzwischen 32 000 Dollar geworden. Doch Lewis hat noch nicht endgültig aufgegeben, will es noch einmal versuchen. Seit einigen Wochen hat sie eine neue Stelle, ordentlich bezahlt, in der Verwaltung der Lutherischen Kirche von Cleveland. Das macht Mut, von Hoffnung will sie aber noch nicht sprechen.
Eine Karte - übersät mit roten Punkten
Auf jeden Fall sitzt sie an diesem Morgen zusammen mit einer Handvoll anderer Hausbesitzer bei ESOP, einer Bürger- und Verbraucherschutzorganisation, die ausgeschrieben den Namen "Empowering and Strengthening Ohio's People" trägt. ESOP wird vom Landkreis Cuyahoga, zu dem auch die Stadt Cleveland gehört, finanziell unterstützt und hat sich der Hilfe für Hausbesitzer wie Lewis verschrieben, denen der Verlust des Heims droht. An den Wänden der Büros von ESOP in einem alten Lagerhaus aus Backstein in Clevelands "East Side" hängen Karten vom Slavic Village. Sie sind übersät mit roten Punkten, von denen jeder eine Zwangsversteigerung markiert. Dienstags und mittwochs gibt es bei ESOP "intake sessions", feste Termine, zu denen Hausbesitzer in Not kommen und sich Rat holen können, wie ihr Haus womöglich doch noch zu retten ist.
Kristen Anderson, eine der Beraterinnen, erläutert Lewis und den anderen, wie ESOP ihnen helfen kann: "Wir übernehmen für Sie die Verhandlungen mit dem Gläubiger. Wenn alles gutgeht, können wir die Zwangsvollstreckung aufhalten und die Finanzierung auf eine neue, gesunde Basis stellen." Konkret bedeutet das dann meist einen festen statt des gefährlichen variablen Zinses, noch dazu auf niedrigerem Niveau. Und wenn es ESOP gelingt, erklärt sich der Kreditgeber auch mit einer Verringerung des Darlehensbetrages einverstanden. Anderson lässt keinen Zweifel daran, dass ESOP gewisse Erwartungen an die Hilfesuchenden hat: "Ehrlichkeit ist wichtig. Lügen Sie uns nicht an, wenn es um ihre finanziellen Verhältnisse geht", mahnt sie die Runde. Damit eine Beratung stattfinden kann, müssen die Teilnehmer zunächst sämtliche Einnahmen und Ausgaben in ein Formular eintragen. "Und wenn Sie rauchen, dann ist das Ihre Sache. Aber vergessen Sie bitte nicht aufzuschreiben, wie viel Geld Sie für Zigaretten ausgeben." Das Formular, die "Hot Spot Card", dient später für die Verhandlungen mit dem Kreditgläubiger.
Die Unbedarftheit der Menschen wurde schamlos ausgenutzt
Die Mitarbeiter von ESOP meinen die Schuldigen der Hypothekenkrise längst gefunden zu haben: raffgierige Kredithaie, die die Unbedarftheit der Menschen schamlos ausgenutzt und ihnen Hypotheken zu aberwitzigen Konditionen aufgeschwatzt haben, von denen sie wissen mussten, dass sie die Schuldner früher oder später in Schwierigkeiten bringen würden. Es sind die berüchtigten "Subprime-Darlehen" mit einem niedrigen Lockzins, der später rasant in die Höhe steigt. Stolz erzählt Anderson Lewis und den anderen von einem der bisher größten Erfolge der Organisation: wie sie mit einer Gruppe von wütenden Hausbesitzern zu einer Niederlassung der führenden Hypothekenbank des Landes, Countrywide Financial, gefahren sind, "Countrywide ist zum Kotzen" skandiert und kleine Plastikhaifische durch die Büros der "Kredithaie" geworfen haben. Die Polizei und das Team eines Nachrichtensenders waren schnell zur Stelle, so dass auch die Konzernzentrale von Countrywide im fernen Kalifornien schnell davon erfuhr. Kurze Zeit später nahmen Countrywide und ESOP Verhandlungen auf mit dem Ziel, sich auf Standards für eine fairere Kreditvergabe zu verständigen. "Die Vereinbarung ist bald unterschriftsreif", verkündet Anderson und erntet anerkennendes Kopfnicken.
Nicht weit von der Bürgerorganisation, in der Innenstadt Clevelands, befasst sich auch Jim Rokakis täglich mit der Häuserkrise. Der Kämmerer des Landkreises Cuyahoga bezeichnet die Verwüstung ganzer Stadtteile als "unsere Katrina", jener Wirbelsturm, der Ende August 2005 weite Teile der Stadt New Orleans zerstörte. Über rund 15 500 Häuser und Wohnungen seines Kreises ist 2007 die Zwangsverstreckung eröffnet oder schon abgeschlossen worden; sieben Jahre zuvor war es nicht einmal die Hälfte.
Keine Fragen nach dem Einkommen und dann das schnelle Geld
Rokakis stimmt den Aktivisten von ESOP zu, dass predatory lending, eine geradezu räuberische Praxis der Kreditvergabe, die Wurzel des Übels sei. "Da haben viele Menschen hohe Hypothekendarlehen erhalten, die niemals einen solchen Kredit hätten bekommen dürfen", sagt der Sohn griechischer Einwanderer und gibt sich gar keine Mühe, die Wut über Hypothekenbanken wie Countrywide oder die inzwischen von der Citigroup übernommene Argent Mortgage zu verbergen. "Es ist eine Verschwörung, in die alle Beteiligten verwickelt sind", sagt Rokakis und erläutert die mitunter üblen Tricks, mit denen es den Banken, aber nicht zuletzt auch vielen unabhängigen Hypothekenmaklern gelungen sei, viele Bewohner seiner Stadt zum Abschluss einer Subprime-Hypothek zu überreden: keine Fragen nach dem Einkommen und das Versprechen schnellen Geldes. Kreditnehmer, die über eine einigermaßen gute Bonität verfügen und darum Anspruch auf einen niedrigen Darlehenszins hätten, seien zu einem höheren Zins überredet worden und hätten dafür vom Kreditvermittler einen Teil seiner Prämie erhalten.
In vielen Fällen sei der Darlehensbetrag um ein Vielfaches höher festgelegt worden als der Wert des Hauses, und auch dafür habe der Makler dem Hausbesitzer Bares versprochen. "Schnelles Geld ist eine mächtige Droge", sagt Rokakis. In die Entrüstung des Kämmerers mischt sich Enttäuschung, als der von dem vergeblichen Versuch berichtet, das drohende Unheil abzuwenden: Die Städte Cleveland, Dayton und Toledo erließen 2001 und 2002 auf eigene Faust Gesetze zum Schutz vor räuberischer Kreditvergabe, nachdem weder Washington noch die Regierung des Bundesstaates Ohio auf entsprechende Forderungen reagiert hatten. "Und dann sind Lobbyisten von Hypothekenbanken, Darlehensvermittlern, Immobilienmaklern und Wall-Street-Banken über das Parlament in Columbus hergefallen und haben es geschafft, dass dort ein Gesetz beschlossen wurde, was den Gemeinden die Verabschiedung eigener Gesetze zum Schutz vor räuberischer Kreditvergabe verbietet", erzählt Rokakis.
Den Kampf gegen Gier, Betrug und Korruption hat der Kommunalpolitiker noch nicht ganz aufgegeben. Doch einen schnellen Weg aus der Krise weiß auch Rokakis nicht. In vielen Fällen werde der Stadt gar keine andere Wahl bleiben, als die verwüsteten Häuser niederzureißen. "Mein Budget für Abrisse ist nur 100 Millionen Dollar. Das reicht nie und nimmer. Es wird 15, vielleicht sogar 25 Jahre dauern, bis wir die Misere gemeistert haben", sagt Rokakis und muss sich dann beeilen, zu seinem nächsten Termin zu kommen: einem Vortrag über die Häuserkrise in seiner Stadt.
16% Prozent Darlehenszins?!
Marko Hrbat (Hrbat)
- 05.04.2008, 20:24 Uhr
Es laeufft nicht ...
Frank Geiser (geiser123)
- 05.04.2008, 21:41 Uhr
Das zeigt, woher die extremen Überschüsse der amerikanischen Banken kamen,
Michael Arndt (Mikel1962)
- 05.04.2008, 22:48 Uhr
Gier bei wem?
Michael Meier (never1)
- 06.04.2008, 14:12 Uhr
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