30.09.2008 · Amerikas Politiker haben gegen das 700 Milliarden Dollar schwere Finanz-Rettungspaket votiert - und befinden sich damit in guter Gesellschaft: Der „normale“ Amerikaner ist Umfragen zufolge ebenfalls dagegen. Und findet dafür sehr klare Worte.
Finanzbranche und Börsen stürzen weltweit in Depression, weil das amerikanische Repräsentantenhaus das 700 Milliarden Dollar schwere Rettungspaket der Regierung Bush abgelehnt hat. Die Politiker orientierten sich dabei jedoch lediglich am Wunsch der Bevölkerung: Die Amerikaner lehnen den Rettungsplan noch entschiedener ab als die Parlamentarier.
In einer Umfrage der Nachrichtenagentur Bloomberg und der Los Angeles Times erklärten vergangene Woche 55 Prozent der Befragten, es sei nicht die Aufgabe der Regierung, Privatunternehmen mit Steuergeldern aus der Patsche zu helfen - auch wenn Insolvenzen die Gesamtkonjunktur schädigen könnten. Nur 31 Prozent vertraten die gegenteilige Meinung.
Hilfe für „ein paar reiche alte Säcke“
Der „Mann von der Straße“ findet klare Worte: „Ihre Pläne würden die Reichen nur reicher machen“, sagt Fensterputzer Paul Clancy, der seit 15 Jahren in Boston an Bankhochhäusern arbeitet. „Sie bekommen, was sie verdienen. Wenn ich Schwierigkeiten habe, hilft mir niemand.“ Das vom Unterhaus des amerikanischen Parlaments abgelehnte Paket sah vor, dass der Staat illiquide und notleidende Wertpapiere von den Finanzunternehmen aufkaufen sollte, um so den verunsicherten Kreditmarkt zu stabilisieren. Eine veränderte Version des Rettungspakets soll nun am Donnerstag zur Abstimmung vorgelegt werden.
Dieses Vorhaben ist alles andere als populär. In einer Vielzahl von Interviews erklärten kleine Gewerbetreibende genauso wie Arbeiter und Angestellte, dass Washington den Plan verwerfen sollte. Die Maßnahmen würden „ein paar reichen alten Säcken“ helfen, sagt Mark Pilder, ein 39-jähriger Fahrradkurier in Seattle. „Sie werden kein Geld verlieren, sie bürden es einfach dem Steuerzahler auf. Die, die wirklich die Entscheidungen treffen, sind nicht in Gefahr, Geld zu verlieren.“ Pilder erwartet, dass er angesichts der Kreditkrise Geschäft einbüßen wird. Viele seiner Lieferungen gingen an die Büros der amerikanischen Sparkasse Washington Mutual, die vergangene Woche nur knapp dem Konkurs entging und verstaatlicht wurde.
700 Milliarden Dollar - nur Geistergeld?
In Wilmington, der größten Stadt des Ostküstenstaats Delaware, räumt Imbiss-Verkäufer Jeff Buckwalter ein, dass das Rettungspaket notwendig ist. Für die Pläne ist der 55-Jährige dennoch nicht. „Man kann der Wall Street doch nicht 700 Milliarden Dollar in den Rachen schmeißen.“ Buckwalter verlor im Mai seinen Job als Restaurantmanager, da das Geschäft allmählich nachließ. Unterdessen sinkt langsam auch der Umsatz, den er mit seinem Hot-Dog-Karren verdient. Ein Grund: Viele Kunden wollen mit Kreditkarte bezahlen, Buckwalter nimmt jedoch nur Bares.
Das Repräsentantenhaus hatte mit 228 zu 205 Stimmen gegen den größten Interventionsplan der amerikanischen Regierung seit der Weltwirtschaftskrise gestimmt. Besonders Bushs eigene Partei, die Republikaner, lehnte die Pläne ab. Mehr als zwei Drittel ihrer Vertreter votierten mit nein. Dabei umfasste der zur Abstimmung vorgelegte Gesetzentwurf auch Hilfen für bonitätsgeschwächte Eigenheimbesitzer, damit diese einen Zahlungsverzug vermeiden können.
Der schiere Umfang des Pakets ist für den Normalmenschen allerdings kaum vorstellbar. Waffelbäcker Jay-D Satterwhite aus Greensboro, North Carolina, nennt die 700 Milliarden Dollar „Geistergeld“. „Im Grund ist es doch Geld, das niemand sehen kann“, sagte der 27-Jährige nach der Abstimmung im Kongress.
„Ich würde überhaupt nichts für die Wall Street tun“
Präsident George W. Bush und führende Politiker der Demokraten argumentieren, dass das geplante Gesetz nicht nur der Wall Street, sondern der breiten amerikanischen Wirtschaft und damit der Bevölkerung helfen würde. Dieser Ansicht ist auch Crystal Royal, Mitarbeiterin einer Personalabteilung in Houston, Texas. „Es wird die Lage stabilisieren“, sagt die 40-Jährige. „Wie es aussieht, steuern wir auf eine Wirtschaftskrise wie in den 1920er Jahren zu. Das Paket wird keine großen Auswirkungen haben. Doch es wird zu einer Stabilisierung führen, von der aus die Erholung einsetzen kann.“
Die Masse der Amerikaner sieht die Dinge allerdings anders. „Ich würde überhaupt nichts für die Wall Street tun, höchstens für die Leute, die mit ihren Hypotheken ins Straucheln gekommen sind“, sagt Clancy, der Fensterputzer aus Boston. Randy Gautier, ein 54-jähriger IT-Manager aus Chicago erwartet, dass das Rettungspaket zu Steuererhöhungen führen würde. Solche Befürchtungen hat auch Barbara McDonald, 44, aus Chicago. „Es ist unfair, besonders wenn es den normalen Steuerzahler zusätzliches Geld kostet“, sagt die Projektanalystin bei der Harris Bank, die die Höhe des 700-Milliarden-Dollar-Pakets überrascht. „Der durchschnittliche Steuerzahler ist wohl kaum auf so etwas vorbereitet.“
1,2 Billionen Dollar Verlust an einem einzigen Tag
Unterdessen haben Fachleute ausgerechnet, wieviel Geld die Anleger in Amerika nach der Ablehnung des Rettungspakets verloren haben. Sie kommen auf eine in ihrer Höhe kaum vorstellbare Zahl: Demnach wurden am Montag 1,2 Billionen Dollar (834 Milliarden Euro) Börsenwert vernichtet. Diese Summe errechnet sich aus dem Dow-Jones-Wilshire-5000-Index, dem größten Messwert für Börsenbewegungen in den Vereinigten Staaten. Damit sind die Verluste fast doppelt so hoch wie das Rettungspaket selbst. Die Ablehnung des 700 Milliarden Dollar schweren Plans durch das Repräsentantenhaus hatte den Absturz der Kurse ausgelöst. Der Dow-Jones-Index sank dabei um mehr als 770 Punkte und verbuchte den nach Punkten höchsten Tagesverlust in seiner Geschichte.
Im Gegensatz zur Bevölkerung kämpft die Finanzbranche in Amerika weiter für eine rasche Verabschiedung des abgelehnten Rettungspakets. Die Mitglieder des Repräsentantenhauses müssten das Paket nochmals prüfen und es bei einer erneuten Abstimmung absegnen, forderte die amerikanische Handelskammer, die größte Unternehmens-Lobbygruppe des Landes. Der Großbanken-Verband SIFMA verschickte eine Dringlichkeitsnachricht an seine Mitglieder, den Druck auf die Mitglieder des Repräsentantenhauses zu erhöhen. Vor allem viele Republikaner hatten gegen das Gesetz gestimmt. Sie wollten den Finanzinstituten kurz vor den Wahlen Anfang November nicht mit so viel Steuergeldern für Verluste aus riskanten Anlagegeschäften zur Seite springen.
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| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.366,07 | −2,01% |
| Dow Jones | 12.439,80 | −1,12% |
| EUR/USD | 1,2402 | −0,69% |
| Rohöl Brent Crude | 103,58 $ | −3,06% |
| Gold | 1.579,50 $ | 0,00% |
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