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Alterung in Deutschland : Flüchtlinge lösen nicht unser Rentenproblem

Wer suggeriert, der Prozess der alternden und schrumpfenden deutschen Gesellschaft könne allein durch Zuwanderung gestoppt werden, agiert gefährlich. Und fahrlässig.

          Die Deutschen stehen der Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin zunehmend kritisch gegenüber. Deshalb versucht die Regierung, vermeintliche Vorteile hervorzuheben. Andrea Nahles kokettiert dabei gerne mit ihrer Doppelrolle: Wenn sie als Arbeitsministerin viele Migranten in Beschäftigung bringe, profitiere sie davon als Rentenministerin durch die höhere Zahl von Beitragszahlern. Asylbewerber springen in die Bresche für nicht geborene deutsche Kinder – demographischer Wandel, war da was?

          Wer suggeriert, der Prozess der alternden und schrumpfenden deutschen Gesellschaft könne allein durch Zuwanderung gestoppt werden, agiert gefährlich und fahrlässig. Gefährlich, weil es falsche Erwartungen weckt; fahrlässig, weil Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in falscher Sicherheit gewiegt werden. Denn wichtige Anpassungen an den fundamentalen Wandel, wenn die Generation der Babyboomer bald in Rente geht, könnten dadurch als überflüssig erachtet werden.

          Dass die Zahl der alten Menschen in Deutschland bis zur Mitte des Jahrhunderts drastisch steigen wird, während die der Jungen erheblich schrumpft, wissen Demographen schon seit langem. Die große Variable in der Rechnung ist die Zuwanderung. Über die jüngste Flüchtlingswelle gibt es noch wenig belastbare Daten. Niemand weiß zudem, wie viele Menschen noch kommen werden. Unbekannt ist auch, wer dauerhaft in Deutschland bleibt (oder bleiben darf). Doch selbst wenn der derzeit große Zustrom fortdauerte, würde die hohe Zuwanderung Deutschlands Fahrt in die Rentenrepublik allenfalls verlangsamen, aber nicht aufhalten.

          Die These vom Segen für die Sozialsysteme bewegt sich auf noch dünnerem Eis. Entscheidend ist, wie viele Zuwanderer einen ordentlich bezahlten Arbeitsplatz finden und Beitragszahler werden – die dann eigene Rentenansprüche für die Zukunft erwerben. Wer dauerhaft auf Sozialleistungen angewiesen bleibt, belastet die Sozialsysteme.

          Für die meisten Flüchtlinge sind die Aussichten auf eine rasche Integration in den Arbeitsmarkt mangels Sprachkenntnissen und Qualifikation schlecht. Selbst bei einem besonders günstigen Szenario, das schnelle Erfolge am Arbeitsmarkt unterstellt, hat der Rentenfachmann Axel Börsch-Supan ausgerechnet, würden bei einer Fortsetzung des hohen Zustroms nur die Belastungen der Rentenkasse durch Mütterrente und Rente mit 63 ausglichen werden, welche die große Koalition als Wahlgeschenke zum Dienstantritt verteilt hat. Politik mit Weitblick sieht anders aus.

          Sven Astheimer

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

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          Quelle: F.A.Z.

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