22.01.2006 · Hiobsbotschaften von der gesetzlichen Rentenversicherung sind wir gewohnt. Nominal gibt es nur noch selten Erhöhungen. Real wird es immer weniger. Und die Nullrunde der Alten von heute, ist die magere Rente von morgen.
Von Dyrk ScherffEs geht immer noch ein bißchen schlimmer. Seit Jahren sind wir Hiobsbotschaften von der gesetzlichen Rentenversicherung gewohnt. Keiner glaubt mehr, daß er ohne private Vorsorge im Alter ordentlich leben kann. Weil die staatliche Rente nicht mehr ausreichen wird. Damit nicht genug: Zunehmend wird jetzt auch klar, daß die Rente wohl noch nicht einmal mehr steigen wird.
"Wir werden in den nächsten 30 Jahren unter Berücksichtigung der Inflation, also real, keine Rentenerhöhungen mehr erleben. Wir müssen im Gegenteil mit einem Wertverlust rechnen", sagt schonungslos Adrian Ottnad vom privaten Institut für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG) in Bonn. Er hat die Rentenentwicklung langfristig auf Basis der derzeitigen Rechtslage durchgerechnet. Mit seiner Aussage steht er nicht allein. Auch der renommierte Freiburger Wirtschaftswissenschaftler Bernd Raffelhüschen zerstört die Hoffnung auf steigende Renten.
Die Rentner verlieren schon jetzt und schon länger
Damit dürfte sich die negative Entwicklung der vergangenen Jahre fortsetzen. Zum bisher letzten Mal wurden die staatlichen Altersbezüge 2003 erhöht - um magere 1,04 Prozent. 2004 und 2005 gab es Nullrunden. 2006 müßten die Renten sogar gekürzt werden, weil auch die Löhne gefallen sind. Das will nun Vizekanzler Franz Müntefering verhindern und forderte in der abgelaufenen Woche schnell ein "Gesetz zur Vermeidung von Rentenkürzungen".
Doch berücksichtigt man die Preissteigerung, verlieren die Rentner schon jetzt. Und das schon länger. Seit 1995 lagen die Rentenerhöhungen nur zweimal über der Inflationsrate. In den anderen Jahren hat die Geldentwertung fortlaufend an den Renten genagt. Geht das so weiter, hat das dramatische Folgen für die Bezüge. Wer heute 1000 Euro Rente bekommt - was eine Minderheit ist -, hat ohne Erhöhungen in zehn Jahren nur noch 860 Euro in der Hand (siehe große Grafik, mittlerer Teil) - bei einer Inflationsrate von 1,5 Prozent.
Vorsicht bei den Renteninformationen ist angebracht
Entsprechend vorsichtig muß auch die Renteninformation gelesen werden, die die Deutsche Rentenversicherung jedes Jahr an die Erwerbstätigen schickt. Darin wird die geschätzte Rente im Ruhestand angegeben - aber ohne Inflation. Das heißt: Verspricht der Brief 500 Euro Rente in 30 Jahren, sind es in heutigen Preisen eigentlich nur 317 Euro. Bei der Planung der privaten Vorsorge muß das mit höheren Sparraten berücksichtigt werden.
Raffelhüschen und das IWG gehen davon aus, daß die mageren Zeiten so weitergehen, und widersprechen damit der Rürup-Kommission, die 2003 für die Regierung rechnete und optimistischere Ergebnisse mit leichten realen Rentensteigerungen herausbekam. "Seine Rechnungen kann Rürup heute nicht mehr aufrechterhalten. Er hat den kräftigen Rückgang der Beschäftigung unter- und den Anstieg der Löhne überschätzt", sagt Ottnad. In seinem realistischen Szenario erwartet der IWG-Experte auf lange Sicht eine Stagnation oder gar einen leichten Rückgang der Realrenten, in einer optimistischen Rechnung allenfalls 0,2 bis 0,5 Prozent realen Zuwachs (siehe große Grafik, linker Teil). Selbst nominale Erhöhungen würden in den kommenden Jahren selten werden.
„Nachholfaktor“: Nullrunden bei steigenden Löhnen
Woran liegt das? Zum einen steigen die Löhne längst nicht mehr so stark wie früher, denn die Wirtschaft schwächelt und konkurriert mit Billiglohnländern. An der Entwicklung der Gehälter aber orientiert sich die Erhöhung der Renten. Zum anderen verhindern derzeit die Korrekturfaktoren bei der Berechnung der Altersbezüge einen Anstieg (siehe kleine Grafik mit Kasten). Sie wurden genau zum Zweck der Dämpfung von Rentenanhebungen eingeführt - in der Hoffnung auf nicht weiter steigende Beiträge.
Aber die Faktoren können noch nicht richtig wirken. Denn eigentlich hätten sie 2005 zu einer Kürzung der Renten führen müssen, was gesetzlich verboten ist, weil die Löhne gestiegen waren. Deswegen soll von 2010 oder 2012 an ein "Nachholfaktor" eingeführt werden. Er soll die Abschläge durch die Korrekturfaktoren, die wegen des Kürzungsverbots unterlassen wurden, in wirtschaftlich besseren Zeiten nachholen. Das würde bedeuten, daß es weitere Nullrunden geben könnte, selbst wenn die Löhne wieder kräftiger stiegen.
Auch bei Reformen, das Problem der Alterung bleibt
Kämen wieder solche besseren Zeiten, unterstützt durch mutige Reformen, die die Wirtschaft ankurbeln, und ein auf 67 Jahre erhöhtes Renteneintrittsalter, verbesserte sich zwar die Lage der gesetzlichen Rentenversicherung. Doch kräftige Anhebungen der Bezüge wird es dann dennoch nicht geben. "Ich kann da leider keine Hoffnung machen. Zum einen können Reformen nicht viel mehr als ein Prozent und damit zuwenig Zusatzwachstum generieren, zum anderen bleibt das Problem der Alterung der Gesellschaft", bremst Ottnad möglichen Optimismus. Denn die Zahl der Rentner steigt, während immer weniger Kinder und damit künftige Beitragszahler geboren werden. Selbst eine massive Einwanderung könne das nicht ausgleichen. Eine höhere Kinderzahl würde das Dilemma mildern, doch frühestens in 15 bis 20 Jahren, wenn die Kleinen zu arbeiten beginnen und damit Beiträge zahlen.
Und selbst wenn die Renten real mal wieder steigen sollten, haben künftige Ruheständler deswegen noch lange nicht mehr Geld als jetzt in der Tasche. Denn zum einen müssen sie ihre Bezüge zunehmend stärker versteuern, zum anderen ist nicht ausgeschlossen, daß sie irgendwann ihre Krankenkassenbeiträge komplett selber zahlen müssen.
"Die Bürger werden daher nicht umhinkommen, kräftig privat vorzusorgen. Und zwar so früh wie möglich", rät Michael Hauer vom Institut für Vorsorge und Finanzplanung. Denn wer zu spät anfängt, kann die nötigen Sparraten gar nicht mehr leisten. Wer im Alter 24 Jahre lang 1000 Euro im Monat aus privaten Ersparnissen haben will und konservativ mit drei Prozent anlegt, muß stolze 1474 Euro monatlich zurücklegen, wenn er zehn Jahre vor dem Ruhestand damit beginnt (siehe große Grafik, rechter Teil). Wer 30 Jahre vorher anfängt, braucht dafür "nur" 355 Euro.
Dyrk Scherff Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Jüngste Beiträge
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 8.947,17 | −0,61% |
| EUR/USD | 1,3195 | −0,67% |
| Rohöl Brent Crude | 117,61 $ | −0,91% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 138,62 € | +1,01% |