27.08.2006 · Sicher ist die Rente nicht. Das beweisen die Informationsbriefe der staatlichen Versicherung. Doch selbst deren Prognose ist illusorisch. Ausgezahlt wird wohl nur weniger als die Hälfte der derzeit berechneten Werte.
Von Dyrk ScherffEs ist wenig erfreuliche Post, die derzeit in die deutschen Haushalte verschickt wird. Die Deutsche Rentenversicherung sendet an jeden, der in die staatliche Rentenkasse einzahlt, die Renteninformation. Sie zeigt schwarz auf weiß: Mit so wenig gesetzlicher Rente kann ich im Ruhestand noch rechnen.
Was da herauskommt, ist ernüchternd. Die monatlich zu erwartende Zahlung reicht bei weitem nicht aus, um den Bedarf zu decken. Schlimmer noch: Selbst die in dem Schreiben errechnete Rente ist mit Vorsicht zu genießen.
Denn sie ist nur eine Bruttorente. Im Geldbeutel werden die Rentner viel weniger haben. Denn sie müssen noch Krankenkassenbeiträge bezahlen, die in Zukunft bis zu zehn Prozent ausmachen können. Existieren zudem weitere Einkünfte, etwa aus Mieten oder Zinsen, können schnell steuerliche Freibeträge überschritten sein, zudem sind noch Steuern von mindestens 15 Prozent abzuziehen.
Berechnung ohne Inflation
Steuerfrei ist derzeit nur eine gesetzliche Rente von etwa 19.000 Euro (Verheiratete das Doppelte), wenn der Ruheständler keine weiteren Einkünfte hat. Dieser Betrag sinkt bis 2040 bis zum steuerfreien Existenzminimum, das derzeit etwas weniger als 8.000 Euro beträgt.
Ein weiterer Haken: Die Renteninformation berücksichtigt nicht die Inflation. Die mindert die Kaufkraft der Rente aber erheblich, wenn der Arbeitnehmer noch viele Jahre bis zum Ruhestand hat. 1000 Euro, die die Renteninformation heute ausweist, sind in 30 Jahren nur noch etwa 630 Euro, wenn man eine Inflationsrate von 1,5 Prozent berücksichtigt.
Die Rentenversicherung will trotzdem weiter mit Nominalwerten rechnen, weil das auch Fonds und private Versicherer so machen. „Sollte die Finanzbranche künftig reale Werte ausweisen, könnten wir uns vorstellen, dies auch zu tun“, kündigt Sabine Ohsmann, eine der Chef-Mathematikerinnen der Deutschen Rentenversicherung, an.
Fortschritte in der Berechnung
Aber es gibt auch Fortschritte. „Die Rechnungen sind in ihren Annahmen zur wirtschaftlichen und demographischen Entwicklung deutlich realistischer geworden“, lobt Adrian Ottnad, Volkswirt des privatwirtschaftlichen Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft. Diese wirtschaftliche Entwicklung hat Einfluß auf die Rentenhöhe.
In den ersten Informationsschreiben, die 2003 verschickt wurden, errechnete die Rentenversicherung noch Renten mit unterstellten Steigerungsraten von 1,5 und 3,5 Prozent im Jahr. In den aktuellen Briefen sind es noch ein und zwei Prozent. Auch das ist noch viel, bedenkt man, daß es in den vergangenen drei Jahren gar keine Erhöhungen gab. Für 2007 gibt es aber Hoffnung auf eine leichte Anpassung, falls die Löhne in diesem Jahr kräftig steigen.
Die aussagefähigste Zahl in der Renteninformation ist aber eine Variante, die von gar keiner Rentensteigerung ausgeht. Das ist zwar unwahrscheinlich. Aber die Zahl kann auch anders gelesen werden: Sie entspricht der realen Rente, also unter Berücksichtigung der Inflation, wenn die Erhöhungen der Rente genau so hoch sind wie die Geldentwertung. Wahrscheinlich werden die Anpassungen aber nicht ganz so hoch ausfallen.
Weniger als die Hälfte
Dennoch ist die Zahl eine gute Basis, um, davon ausgehend, festzulegen, wieviel privat vorgesorgt werden muß, um den Lebensstandard im Ruhestand zu halten. „Wir empfehlen den Anlegern, von dieser vorsichtigen Variante in der Renteninformation 10 bis 20 Prozent abzuziehen, um eine realistischere reale Bruttorente zu erhalten“, empfiehlt Stephan Hollenders, Geschäftsführer der Meridio Privates Vorsorge-Management, einem Vermögensverwalter, der Kunden in der Altersvorsorge berät.
Das heißt: Unter Berücksichtigung von Krankenkassenbeiträgen und eventuellen Steuern sollte von dem in der Renteninformation angegebenen vorsichtigsten Wert nicht mehr als rund die Hälfte als sichere Realrente angenommen werden. Selbst wenn das Renteneintrittsalter auf 67 Jahre erhöht und damit länger in die Versicherung einbezahlt wird, wird sich daran kaum etwas ändern. Das ist den meisten nicht klar. „95 Prozent der Deutschen wissen zwar, daß die gesetzliche Rente nicht ausreichen wird. Aber sie unterschätzen den nötigen privaten Sparaufwand.“
Die Konsequenz: Schon in jungen Jahren sollten die Bürger kräftig sparen - mehr, als sie es bisher tun. Und soviel wie möglich. Denn es kann immer Zeiten geben, in denen Arbeitslosigkeit oder die Finanzierung der Familie umfangreiches Sparen schwierig machen.
Die Rendite der gesetzlichen Rente: Je jünger desto weniger
Aktien bringen im langfristigen Durchschnitt fünf bis sechs Prozent im Jahr, Anleihen rund vier Prozent. Und die gesetzliche Rente? Auch sie erzielt positive Nominalrenditen, also ohne Berücksichtigung der Inflation. Das schafft sie nicht durch Anlage der Gelder am Kapitalmarkt, sondern durch längere Rentenbezugszeiten wegen der höheren Lebenserwartung und durch Rentenerhöhungen. Aus Einzahlungen in die Rentenkasse und den Rentenbezügen im Alter lassen sich die Renditen berechnen.
Ihre Höhe hängt stark vom Jahrgang und Geschlecht ab. Frauen erzielen in der Regel höhere Renditen, weil sie eine längere Lebenserwartung haben und daher länger Rente bekommen. Ältere Jahrgänge haben eine bessere Rendite, weil sie noch nicht so stark von den steigenden Beiträgen betroffen waren. Zudem leiden sie noch nicht so stark unter der demographischen Veränderung. So erzielte ein weiblicher Arbeitnehmer, der in diesem Jahr in Rente geht, eine Rendite von 4,1 Prozent, glaubt man der staatlichen Deutschen Rentenversicherung Bund.
Für Männer sind das nur 3,5 Prozent. Das private Institut für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG) rechnet pessimistischer, indem es die wirtschaftliche und demographische Entwicklung vorsichtiger einschätzt. Die Unterschiede zwischen den Rechnungen zeigen sich vor allem in den langfristigen Prognosen. Während die Rentenversicherung etwa für den Jahrgang 1973 für Männer 2,6 Prozent Rendite errechnet, kommt das IWG nur auf 1,6 Prozent.
Berücksichtigt man die Inflation, können sogar reale Minusrenditen entstehen. Das heißt, die Jüngeren bekommen im Alter weniger raus, als sie einbezahlt haben. Bleibt das nicht die Ausnahme, warnen Juristen schon vor verfassungsrechtlichen Problemen, die das ganze staatliche Rentensystem gefährden könnten. Die niedrigsten Renditen erzielen nach Berechnungen des IWG bei Männern die Jahrgänge 2005 bis 2013 mit 1,44 Prozent und bei Frauen die Jahrgänge nach 2032 mit 2,1 Prozent.
Alle Zahlen sind nur für Westdeutschland sinnvoll zu berechnen. Ältere Ostdeutsche erzielen sehr hohe Renditen, weil sie zu DDR-Zeiten niedrige Beiträge eingezahlt haben und gleichzeitig jetzt deutlich höhere Renten als damals bekommen. Sie fallen zudem höher aus, weil die Ostdeutschen - vor allem Frauen - länger als die Westdeutschen gearbeitet und so höhere Ansprüche erworben haben.
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Dyrk Scherff Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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