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Altersvorsorge Der Reichtum der Rentner

 ·  Arme Alte? Von wegen: Auch in dreißig Jahren werden Rentner noch zu den reichsten Bevölkerungsgruppen gehören. Da macht es auch nichts, dass das private Sparen nur noch wenig Zinsen abwirft.

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© Getty Images/Image Source Die Rente ist sicher

Es war im Winter nach dem Zusammenbruch der Lehman-Bank, ein Gespräch mit einem Vertrauten Angela Merkels im Kanzleramt. Gerade erst hatte Merkel die Spareinlagen der Deutschen garantiert, es wäre zu erwarten gewesen, dass der Mann Sorgen zerstreut und Ängste beschwichtigt. Er tat das Gegenteil. Jahrelang habe man den Deutschen erklärt, dass sie fürs Alter privat vorsorgen müssten, weil von der gesetzlichen Rente nicht mehr viel zu erwarten sei. Nun aber gälten auch Bankeinlagen nicht mehr als sicher, und in den zahlreichen Gegenden mit Bevölkerungsschwund sei heute auch auf den Wert von Immobilien kein Verlass. Was also tun?

Vier Jahre und eine Euro-Krise später ist das Vertrauen in den langfristigen Erhalt von angespartem Kapital nicht eben gestiegen. Kein Wunder, dass jetzt alle wieder auf das gesetzliche Umlagesystem schauen. Lange deutete vieles darauf hin, dass es angesichts eines sinkenden Rentenniveaus auch hierzulande langfristig auf eine staatliche Grundsicherung hinauslaufen würde, ergänzt durch Betriebsrenten und private Vorsorge - ähnlich wie in den Niederlanden, wo angesichts schwindender Renditen die Unruhe ebenfalls wächst.

Rentenniveau soll wieder steigen

Also nehmen sich alle des Themas an. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) sorgt sich um die Altersarmut, will eine „Zuschussrente“ einführen und verbindet damit allerlei politische Absichten, von der Profilierung der eigenen Person bis zur Vorbereitung einer großen Koalition. SPD-Chef Sigmar Gabriel nennt die gleiche Idee „Solidar-Rente“, auch wenn er dafür lieber in die Steuerkasse greifen und zusätzlich Betriebsrenten fördern möchte.

Nach den Wünschen seines rheinland-pfälzischen Parteifreunds Kurt Beck, stets „nah bei de Leut“, soll das Rentenniveau wieder auf 45 Prozent des Durchschnittseinkommens steigen. Längst hat sich die Debatte, die zunächst um Geringverdiener kreiste, zu einem apokalyptischen Gesamtbild ausgewachsen: Nach einem langen und entbehrungsreichen Arbeitsleben, so scheint es, steht ein großer Teil der Deutschen künftig vor dem finanziellen Nichts.

Ausgerechnet Andrea Nahles rückt das Bild zurecht

Ausgerechnet SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles war es, die das Bild am Donnerstag im Bundestag zurechtrückte. „Sie suggerieren, dass das deutsche Volk vor einer Welle von Rentenkürzungen steht“, schmetterte sie der Arbeitsministerin in der Haushaltsdebatte entgegen und fügte hinzu: „Das ist nicht wahr.“ Viele Menschen, die eine niedrige gesetzliche Rente beziehen, hätten noch weitere Einkünfte oder einen Lebenspartner, der auskömmliche Altersbezüge nach Hause bringt. Zudem sei von der Leyens Annahme, die Einkommen der Deutschen würden bis zum Jahr 2030 nicht steigen, zum Glück wenig realistisch. Alles nur die hilflose Abwehr gegen den Versuch der Ministerin, an der Agenda-Partei SPD links vorbeizuziehen?

Experten stimmen in den entwarnenden Tonfall ein, den die frühere Parteilinke vorgibt. Der Freiburger Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen hält die Debatte über Altersarmut für Panikmache. „Die Alten sind die einzige Gruppe der Bevölkerung, bei der von Armut derzeit und auch künftig nicht die Rede sein kann“, sagt der Ökonom. Kinder, Alleinerziehende und gering verdienende Familien seien um ein Vielfaches stärker von Armut betroffen.

Steigende Anzahl von Beitragsjahren

Gewiss werde die Zahl der armen Alten ansteigen. Aber zu einem flächendeckenden gesellschaftlichen Phänomen, wie derzeit suggeriert, werde sich das Problem nicht auswachsen. „Auch im Jahr 2035 und später wird nicht Altersarmut, sondern eher die Sicherung des Lebensstandards das drängendste Problem Deutschlands werden.“ Heute nehmen nur 2,5 Prozent der Rentner die staatliche Grundsicherung in Anspruch, mit der niedrige Renten auf das Existenzminimum aufgestockt werden - allerdings unter Bedingungen, die strikter sind als bei Hartz IV

Entwarnung gibt auch die Deutsche Rentenversicherung, die sonst die Versicherten einmal pro Jahr mit Prognosen über ihre niedrigen Altersbezüge verschreckt. Wer die Möglichkeiten der privaten Vorsorge nutze, wie es schon 15 Millionen Deutsche über die Riester-Rente tun (siehe Grafik), für den werde „das Niveau der Alterseinkünfte aus gesetzlicher Rente und Zusatzvorsorge insgesamt sogar höher ausfallen als heute“, schreibt die Behörde in einer Stellungnahme. Außerdem führe die wachsende Lebensarbeitszeit zu einer steigenden Anzahl von Beitragsjahren.

Trotzdem wirken die Zahlen auf den ersten Blick erschreckend. In absehbarer Zukunft wird sich das Rentenniveau auf einen Korridor von 38 bis 42 Prozent der Bruttolöhne verringern. „Das allerdings bedeutet noch lange nicht Armut im Alter“, sagt Raffelhüschen. Das gesetzliche Existenzminimum, also der Sozialhilfesatz zuzüglich Wohngeld, liege bei rund 25 Prozent des durchschnittlichen Bruttolohns. Das sei die Grenze zur Armut. „Dazwischen ist also noch viel Luft.“ Auch Raffelhüschen glaubt, dass sich die Zahl der armen Alten bis 2035 verdoppeln wird, aber von einem sehr niedrigen Ausgangsniveau. „Auch dann wird es immer noch andere Bevölkerungsgruppen geben, die deutlich stärker von Armut betroffen sein werden“, sagt er. „Wir kümmern uns hier also um ein nicht relevantes Problem.“

Viele Deutsche sorgen vor

Viele Menschen fürchten aber nicht den Absturz in die Armut, sondern den Verlust des gewohnten Lebensstandards. Auch hier kann man beruhigen. Denn viele Deutsche sorgen schon vor. Nicht nur mit Riester-Verträgen, sondern auch mit der betrieblichen Altersvorsorge. Mehr als jeder zweite Betrieb in Deutschland bietet dies an. Dabei handelt es sich zum Teil um Vorsorgemodelle, die der Arbeitnehmer selbst finanzieren muss. Zum Teil beteiligen sich die Unternehmen aber auch daran oder machen Direktzusagen.

Mehr als die Hälfte der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten spart auf diesem Weg seit Jahren oder gar Jahrzehnten für die arbeitsfreie Zeit - sei es in Pensionsfonds, Pensionskassen oder Direktversicherungen. Das hat das Meinungsforschungsinstitut TNS Infratest herausgefunden. Derzeit aktualisiert es seine Zahlen für den neuen Alterssicherungsbericht, den die Bundesregierung im November veröffentlichen will.

Darüber hinaus ist Deutschland das Land mit einer der höchsten Sparquoten der Welt. Die Bundesbürger besitzen netto rund 8,5 Billionen Euro an Geld- und Immobilienvermögen. Nach den Zahlen der Bundesbank ist allein das Geldvermögen im vergangenen Jahr um 149 Milliarden Euro auf den Rekordwert von 4,715 Billionen Euro gewachsen. Die Rentnergeneration der Zukunft wird auch eine Generation der Erben sein.

Angesichts eines historisch niedrigen Zinsniveaus fürchten Sparer allerdings eine schleichenden Vermögensverlust durch eine Inflation, die höher liegt als der Zins. Lebensversicherungen, die betriebliche und auch die private Altersvorsorge - all das scheint sich kaum noch zu rechnen. Finanzwissenschaftler Raffelhüschen glaubt allerdings nicht, das dieses Phänomen lange anhält. Niedrige Zinsen, die unter der Inflationsrate liegen: Das sei kein Phänomen, das sich über Jahrzehnte halte. Er verweist auf die Entwicklung der zurückliegenden Jahrzehnte: Auf Perioden niedriger Renditen folgten wieder Hochzinsphasen - mit langfristig sinkender Tendenz, der allerdings ein Rückgang der Inflationsrate entsprach.

Wer dauerhaft einen regulär bezahlten, sozialversicherungspflichtigen Job hat, wird im Alter also kaum zum Sozialfall werden. Bei Bevölkerungsgruppen wie Selbständigen, wenn sie fürs Alter nicht vorsorgen, oder Empfängern von Niedriglöhnen sieht es anders aus. Zu einer flächendeckenden Erscheinung wird sich das nach Meinung der Experten allerdings nicht auswachsen.

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Jahrgang 1969, Korrespondent für Wirtschaftspolitik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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Jahrgang 1964, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

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