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Alternative Pipeline-Projekte EU will unabhängiger von russischem Gas werden

21.04.2006 ·  Die EU will sich etwa mit alternativen Pipeline-Projekten von Gaslieferungen aus Rußland unabhängiger machen. Damit reagiert die Staatengemeinschaft auf Drohungen aus Moskau. Derweil warnt Gasprom vor Lieferengpässen.

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Die Europäische Union will sich von Gaslieferungen aus Rußland unabhängiger machen. Die Staatengemeinschaft tue gut daran, alternative Pipeline-Projekte voranzutreiben, sagte ein Sprecher des österreichischen EU-Ratspräsidenten Martin Bartenstein am Freitag in Graz. Beispielhaft nannte er das „Nabucco“-Pipeline-Projekt, das die EU bis 2011 mit kaspischen und iranischen Erdgasvorkommen verbinden soll.

Bartenstein reagierte damit am Rande eines Treffens der EU-Wirtschaftsminister auf Drohungen Rußlands, die Gaslieferungen nach Europa möglicherweise zu reduzieren und sich verstärkt nach anderen Partnern in Nordamerika und China umzusehen. Der russische Gaskonzern Gasprom warnte vor Lieferunterbrechungen in den nächsten Jahren, weil man mit der Produktion nicht nachkomme.

Gasprom warnt vor Lieferengpässen

Die Suche nach neuen Gasquellen bedeute nicht das Ende der guten Beziehungen zu Rußland, sagte Bartenstein. Die Energiepartnerschaft zwischen der EU und Rußland müsse vielmehr im Sinne von fairer Partnerschaft ausgebaut werden. Das beinhalte auch, daß man offen über Themen sprechen könne. So wolle man, daß Rußland das Export-Monopol der Gasprom überdenke. Ähnlich hatte sich zuvor ein Sprecher des für die Energie zuständigen Kommissars Andris Piebalgs in Brüssel geäußert. Die EU speist ihren Gasbedarf zu knapp einem Viertel, Deutschland zu gut einem Drittel aus Rußland. Gasprom-Chef Alekseji Miller hatte EU-Staaten zuvor vorgeworfen, sie wollten Gasprom den Einstieg bei heimischen Konzernen verbauen.

Einer der Vizevorstandschefs von Gasprom, Alexander Rjasanow, sagte derweil in Moskau, Kunden müßten in den kommenden Jahren damit rechnen, daß man die steigende Nachfrage nicht mehr in vollem Umfang befriedigen könne. Vor dem Verband der russischen Gasindustrie sagte Rjasanow nach einem Moskauer Zeitungsbericht, Lieferengpässe entstünden, weil die Förderung der seit sowjetischer Zeit ausgebeuteten Lagerstätten auf der westsibirischen Jamal-Halbinsel in der Region Nadym-Purtasow an Grenzen stoße.

Weitere Ausbeutung erst in einigen Jahren

Die industrielle Ausbeutung neuer Erdgasfelder auf der Jamal-Halbinsel komme hingegen frühestens in sechs bis sieben Jahren in Gang. Bis dahin verfüge Gasprom nicht über Reserven, um die steigende Nachfrage im In- und Ausland bei zurückgehender Förderung auszugleichen. Die Ausbeutung des Erdgasfeldes Yuschno-Russkoje, aus dem jährlich bis zu 30 Milliarden Kubikmeter Erdgas gefördert werden sollen, will Gasprom 2008 in Angriff nehmen. Daran soll außer der BASF-Tochtergesellschaft Wintershall auch Eon-Ruhrgas beteiligt werden. Die Verhandlungen darüber dauern aber noch an.

Eon-Ruhrgas-Chef Burckhard Bergmann hatte kürzlich zwar von Fortschritten gesprochen, doch scheint ein Abschluß noch nicht bevorzustehen. Gasprom erwartet für die Beteiligung an dem Gasfeld die Überschreibung des Eon gehörenden Gasnetzes in Ungarn. Ein Sprecher der deutschen Gaspromtochtergesellschaft ZZG sagte, Gasprom stehe auch mit RWE in Verhandlungen. Er verwies auf das Interesse des russischen Konzerns, direkt an Kunden in Westeuropa zu kommen. „In dem Zusammenhang laufen Gespräche mit RWE, bei denen es auch um Beteiligungen an RWE oder Tochtergesellschaften geht.“ RWE erklärte, man rede nicht über konkrete Projekte.

Ressourcen unabhängiger Anbieter nutzen

Außer dem Yuschno-Russkoje-Feld, das mit BASF und Eon ausgebeutet werden soll, sind in der westsibirischen Region nur schwierig auszubeutende Erdgasfelder im Besitz von Gasprom. Rjasanow schlug vor, die Ressourcen unabhängiger Anbieter zu nutzen, um Engpässe auszugleichen. Dabei handelt es sich um die Unternehmen Lukoil, TNK-BP, Nowatek und Yukos, die ihre Förderung bis 2010 um bis zu 55 Milliarden Kubikmeter steigern könnten. Selbst das reiche nicht aus, die wachsende Nachfrage in Rußland, in den früheren Sowjetrepubliken sowie in Europa und China zu befriedigen, sondern würde Gasprom nur eine Atempause verschaffen.

Hatte Konzernchef Miller den Westeuropäern mit Lieferkürzungen gedroht, so zielte Rjasanow auch auf die Abnehmer im Inland, indem er die alte Forderung des Konzerns aufnahm, die Haushalte und Industrie im Lande sollten auch Marktpreise für Erdgas bezahlen. Die Moskauer Regierung will den Preis bis 2010 von rund 40 Dollar für 1.000 Kubikmeter auf 60 Dollar anheben. Westeuropäer zahlen aktuell 240 Dollar.

Quelle: hfk./M.L./ami., F.A.Z., 22.04.2006, Nr. 94 / Seite 11
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