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AIG-Rettung Washington stemmt sich gegen die Finanzkrise

16.09.2008 ·  Die Regierung Bush bemüht sich, die Wogen der Finanzkrise zu glätten. Angeblich will sie nun doch Geld in den maroden Versicherungsgiganten AIG pumpen. Die Börsianer freut das.

Von Claus Tigges
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Die amerikanische Regierung und die Notenbank Fed haben sich am Dienstag bemüht, die Wogen der Finanzkrise zu glätten und zu verhindern, dass es zu einer allgemeinen Vertrauenskrise des Finanzsystems kommt. Gleichzeitig sendeten sie das Signal, dass Banken und andere Marktakteure, die sich in finanziellen Schwierigkeiten befinden, nicht automatisch mit Hilfe der Regierung rechnen können.

Nach einem Bericht des Fernsehsenders CNBC ist die Regierung bereit, zur Rettung des Versicherers AIG Steuergeld bereitzustellen. Bei den Diskussionen lägen Regierungsmittel auf dem Tisch, sagten Wall-Street-Insider dem Fernsehsender am Dienstag. Die Nachricht sorgte an den Börsen für große Erleichterung: Der Dow-Jones-Index drehte ins Plus, auch der Dax konnte seine Verluste eingrenzen.

Zuvor hatte Paulson gesagt, dass keine staatliche Rettung des angeschlagenen Versicherungskonzerns geplant sei. Er forderte die Marktakteure auf, eine Lösung zu finden.Unterdessen befindet sich Lehman Brothers in Gesprächen über einen Verkauf größerer Sparten an die britische Bank Barclays.

Präsident George Bush sagte, die Turbulenzen an den Märkten seien „schmerzhaft, sowohl für Investoren als auch für die Beschäftigten“ von Unternehmen wie der Investmentbank Lehman Brothers, die vor zwei Tagen Insolvenz angemeldet hat. „Aber ich bin zuversichtlich, dass unsere Kapitalmärkte langfristig flexibel und widerstandsfähig genug sind, um mit diesen Anpassungen fertig zu werden“, sagte Bush. Finanzminister Henry Paulson bekräftigte, dass die amerikanische Wirtschaft fundamental stark sei, dass es aber noch eine Weile dauern werde, bis die Schwierigkeiten überwunden seien. „Die Wurzel der Krise sind Übertreibungen, die sich über lange Zeit aufgebaut haben“, sagte Paulson mit Blick auf die Blasen auf dem Immobilienmarkt und die allzu bereitwillige Vergabe von Hypothekendarlehen in den vergangenen Jahren.

Warten auf die Entscheidung der Notenbank

Nach Darstellung Paulsons haben sich Finanzministerium und Notenbank dazu entschlossen, den Untergang von Lehman Brothers hinzunehmen, weil die „Umstände ganz andere sind“ als im März, als die Fed mit Zustimmung Paulsons die Investmentbank Bear Stearns durch einen Notkredit über 29 Milliarden Dollar rettete. Wie es aus dem Finanzministerium heißt, sei die Schieflage von Lehman Brothers seit Monaten bekannt gewesen. Aktionäre und Anleihegläubiger hätten darum lange genug Zeit gehabt, sich auf eine mögliche Insolvenz einzustellen und entsprechend abzusichern. Das sei bei Bear Stearns nicht der Fall gewesen. Außerdem habe Lehman Brothers im Gegensatz zu Bear Stearns in den vergangenen Monaten Zugang zu den neu geschaffenen Kreditfazilitäten der Fed gehabt.

Die Fed kündigte an, zur Überwindung von Spannungen auf dem Geldmarkt zeitlich befristet zusätzliche Liquidität bereitzustellen. Wie die Fed mitteilte, betrug der effektive Tageszins, zu dem sich Banken untereinander kurzfristig Geld leihen, am Dienstag 2,64 Prozent und lag damit deutlich über dem von den Währungshütern anvisierten Zielzinssatz von 2 Prozent. Am Wochenende hatte die Fed bereits beschlossen, die Liquiditätsversorgung im Rahmen der Kreditfazilitäten auszuweiten. Dazu wird sie zusätzliche Wertpapiere mit geringerer Bonität als Sicherheit akzeptieren und das Volumen der Auktionen aufstocken.

Zahlreiche Marktakteure rechneten am Dienstag damit, dass der geldpolitische Rat der Fed angesichts der Finanzkrise auf seiner laufenden Sitzung eine weitere Senkung des Leitzinses beschließen werde. Sie wurden darin bestärkt von der Nachricht, dass die Inflationsrate zwischen Juli und August von 5,6 auf 5,4 Prozent gefallen ist und damit ihren Höhepunkt überschritten haben dürfte.

Obama und McCain geben gierigen Marktakteuren die Schuld an dem Debakel

Derweil ist die Finanzkrise auch zum wichtigen Thema im Wahlkampf um die amerikanische Präsidentschaft geworden. Beide Kandidaten, Barack Obama und John McCain, gaben gierigen Marktakteuren und Interessengruppen die Schuld an dem Debakel, das nun auch die finanzielle Sicherheit vieler Bürger bedrohe. „Wir erleben, wie Eigeninteresse, Gier, Unverantwortlichkeit und Korruption hart arbeitenden Amerikanern Schaden zufügen“, sagte McCain auf einer Veranstaltung in Florida. Der Republikaner versprach für den Fall seiner Wahl, dass „Wall Street nicht länger wie ein Spielcasino betrieben“ werde. Konkrete Vorschläge machte McCain nicht, sagte aber, dass er den millionenschweren Bonuszahlungen und Abfindungen für Manager ein Ende machen werde, die Unternehmen an den Abgrund gebracht und das Vertrauen der Öffentlichkeit enttäuscht hätten. Außerdem bedürfe es dringend einer Neuordnung der Finanzmarktaufsicht. Einige Aufseher hätten offenbar geschlafen, sagte McCain.

Der demokratische Kandidat Obama warf McCain vor, den Ernst der Lage zu verkennen, wenn er das Fundament der Wirtschaft als solide bezeichne. „Was ist wohl grundlegender als ein guter Job und die Fähigkeit, die eigene Familie zu ernähren?“ Amerika befinde sich in der schlimmsten Finanzkrise seit der Großen Depression in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, sagte er. Wie McCain hieß auch Obama die Entscheidung von Finanzministerium und Notenbank gut, die Investmentbank Lehman Brothers nicht vor der Insolvenz zu bewahren. Es bedürfe gleichwohl einer Kurskorrektur in der Wirtschaftspolitik, die mit McCain nicht zu machen sei. „Ich stimme seiner wirtschaftspolitischen Philosophie nicht zu, die den Reichen mehr und mehr gibt und nur darauf vertraut, dass davon auch etwas weiter unten ankommt“, sagte Obama.

Der Konzern AIG: Ein Versicherungsgigant mit riskanten Bankgeschäften

Der Versicherungsriese American International Group (AIG) zählt zu den weltweiten Branchenführern. Lange Zeit stand der amerikanische Konzern gemessen am Börsenwert einsam an der Spitze. Doch der zuletzt dramatische Kursverfall ließ AIG bei der Marktkapitalisierung hinter die deutsche Allianz und die französische AXA zurückfallen.

Der AIG-Konzern bedient mit über 100.000 Beschäftigten in mehr als 100 Ländern weltweit die gesamte Palette von Schadenspolicen bis hin zu Lebensversicherungen. Neben dem klassischen Versicherungsgeschäft ist der Gigant aber auch als Vermögensverwalter tätig und betreibt ganz ähnlich riskante Geschäfte wie eine Investmentbank. Aus diesem Bereich stammen die derzeit lebensbedrohlichen Probleme. Zum Konzern gehört zudem der weltgrößte Anbieter für Flugzeug-Leasing ILFC - der wichtigste einzelne Kunde für Airbus und Boeing.

In den vergangenen drei Quartalen erlitt AIG wegen der Kreditkrise Verluste von insgesamt 18 Milliarden Dollar (13 Mrd Euro) und wechselte seinen Chef aus. Der Versicherer holte sich zudem bereits eine Kapitalspritze von 20 Milliarden Dollar.

AIG hatte schon mit einigen Skandalen zu kämpfen: Bis heute belasten den Konzern Nachwehen von Ermittlungen zu Unregelmäßigkeiten in den Bilanzen. Im Jahr 2005 musste deshalb der legendäre AIG-Chef Maurice Greenberg gehen, der den Konzern über fast vier Jahrzehnte aufgebaut und geprägt hatte. Greenberg ist noch immer Großaktionär und oft einer der heftigsten Kritiker der Konzernspitze. (dpa)

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