Home
http://www.faz.net/-gqg-z1oi
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Samstag, 11. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Agrarwirtschaft in Afrika Teure Nahrung und brachliegende Böden

28.07.2008 ·  Afrikas Landwirtschaft könnte von hohen Lebensmittelpreisen profitieren: Noch gibt es ungenutztes Potential in vielen afrikanischen Staaten. Der jahrelange Bürgerkrieg hat aus Moçambique jedoch ein Armenhaus gemacht und auch heute scheint die Regierung kein Interesse an Landwirtschaft zu haben.

Von Claudia Bröll, Maputo
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (2)

Ein Geschäft macht Belindo kaum noch. Der Mosambikaner steht an einem wackeligen Holztisch auf dem Xipamanine-Markt inmitten der Hauptstadt Maputo. Vor ihm liegen mehrere Häufchen Reis. Außerdem verkauft Belindo Olivenöl, Essig und in kleinen Tüten abgepackte Fertig-Minestrone-Suppe. Seit die Nahrungsmittelpreise auf dem Weltmarkt drastisch gestiegen sind, hat der junge Händler zu kämpfen. Es ist ruhiger geworden auf dem größten Markt Moçambiques. Mehr als tausend Händler bieten hier alles mögliche an, von getrockneten Krabben bis zu künstlichen Rastalocken. Doch die Kunden halten sich zurück. „Den Leuten bleibt nichts anderes übrig als weiter einzukaufen“, meint Belindo schulterzuckend, „aber sie kaufen nur das Nötigste.“ Noch vor kurzem kostete das Kilogramm Reis 13 Metical, heute sind es 18 - ein Anstieg um 40 Prozent.

Auf dem Sack, aus dem Belindo mit einem Metallbecher Reis schöpft, steht in großen Lettern „Product of Thailand“. Auch der Rest seines Sortiments stammt aus dem Ausland. Wie die meisten Staaten auf dem Kontinent hängt Moçambique von der Einfuhr von Agrarprodukten ab. Von den 48 Staaten im südlichen Afrika sind 35 Nettoimporteure von Lebensmitteln. Daher trifft der Anstieg der Nahrungsmittelpreise den Kontinent besonders hart. Die Weltbank warnte bereits vor einer Hungerkatastrophe. Ein Drittel der Bevölkerung in Afrika - etwa 300 Millionen Menschen - gilt schon jetzt als unterernährt.

Mögliche Lösung für die internationale Nahrungsmittelknappheit

Ökonomen sehen in den steigenden Preisen jedoch auch eine Chance für die afrikanische Wirtschaft. Das bisher ungenutzte Potential der Landwirtschaft sei riesig. „Von einem Investitionsschub und einer Wiederbelebung der afrikanischen Landwirtschaft könnten 180 Millionen Kleinbauern profitieren. Es wäre eine Tragödie, wenn man diese Chance der Krise nicht nutzen würde“, erklärt Greg Mills, Chef der Brenthurst Foundation in Johannesburg. Das Forschungsinstitut Frost & Sullivan sieht in Afrika sogar eine mögliche Lösung für die internationale Nahrungsmittelknappheit.

Allein im südlichen Teil des Kontinents - in Botswana, Moçambique, Namibia, Südafrika und Zimbabwe - könnten 137,3 Millionen Hektar Land sowohl für die Produktion von Nahrungsmitteln als auch zur Erzeugung von Biodiesel genutzt werden. Tatsächlich würden davon nur 17 Prozent bewirtschaftet. John Thompson, Analyst von Investec Asset Management, erinnert an den Aufschwung der Landwirtschaft in Brasilien in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Heute sei Brasilien eine wichtige Exportnation von Agrarprodukten. Diesem Beispiel könnten auch afrikanische Länder folgen, wenn sie sich auf arbeitsintensive, exotische Sorten wie Cashew-Nüsse oder Tabak konzentrierten und damit ihren komparativen Vorteil im internationalen Wettbewerb nutzten.

Ein langer Prozess

Bisher ist der Aufstieg Afrikas zu einer Kornkammer jedoch mehr Wunschdenken als Realität. Politische Krisen und Kriege, ungeklärter Landbesitz, schwache Investitionen in Arbeitskräfte, Produktionsmittel und Maschinen sowie teils völlig fehlende Infrastruktur führen dazu, dass die Getreideernten in Afrika um 66 Prozent unter dem internationalen Durchschnitt liegen. Nach Angaben von Mills wird auf dem Kontinent je Hektar nur 13 Prozent dessen an Dünger eingesetzt, was auf der Welt im Schnitt auf den Feldern verteilt wird. Auch die Bewässerung liegt weit unter dem Niveau vergleichbarer Länder außerhalb Afrikas. „Die Entwicklung der Landwirtschaft wird nicht von einem Tag auf den anderen gelingen“, sagt Thompson, „es ist ein langer Prozess, bei dem vor allem die Regierungen mitziehen müssen.“

Dass es vor allem daran mangelt, zeigt sich in Moçambique. In dem Land liegen nach Schätzungen bis zu 90 Prozent des für die Landwirtschaft geeigneten Bodens brach. Der 16 Jahre lange Bürgerkrieg, der aus dem einst bedeutenden Cashew-Produzenten ein Armenhaus gemacht hat, ist nur einer der Gründe. „Wir haben gute Böden. Wir müssten keine Lebensmittel importieren, aber die Regierung verfolgt keine Landwirtschaftspolitik, um die Situation zu verbessern“, kritisiert der Führer der Oppositionspartei, Afonso Dhlakama.

Mangelnde Infrastruktur erschwert die Entwicklung

Auch die Vertreterin der Deutschen Welthungerhilfe in Maputo, Walburga Greiner, macht Versäumnisse der Regierung für die Versorgungsnöte verantwortlich. Trotz kräftig fließender Entwicklungshilfe investiere der Staat kaum in die Landwirtschaft, abgesehen von einigen jüngeren Projekten im Zuckerrohr- und Jatropha-Anbau. Beide Pflanzen sollen für die Produktion von Biodiesel genutzt werden, von dem sich die Regierung Exportgeschäfte erhofft. Da Land und Boden in staatlichem Besitz sind, fehlen private Investoren. Unterstützung für Kleinbauern gibt es kaum. Noch dazu befindet sich die Infrastruktur in einem erbärmlichen Zustand. Allein die Tatsache, dass keine Asphaltstraße den Norden mit dem Süden des Landes verbindet, führt dazu, dass die Menschen im südlich gelegenen Maputo Essen aus dem Ausland importieren müssen, selbst wenn die Ernte im Norden gut ausgefallen ist. „Es lohnt sich nicht, Zwiebeln, Tomaten oder Kohl durch das ganze Land zu transportieren“, sagt Greiner.

Die Hoffnung, dass das landwirtschaftliche Potential angesichts der hohen Lebensmittelpreise jetzt stärker genutzt wird, scheint sich zumindest in Moçambique nicht zu erfüllen. „Auf der Straße macht hier mittlerweile ein Witz die Runde“, erzählt die Vertreterin der Welthungerhilfe: „Was ist das größte Kapital Moçambiques? Es sind nicht der Boden, die Rohstoffe oder die berühmten Langustenschwärme vor der Küste. Die Antwort lautet: Die arme Bevölkerung, denn sie sorgt dafür, dass weiter Entwicklungshilfe ins Land fließt.“

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Einknicken der Euro-Retter

Von Holger Steltzner

Das Leben auf Pump geht weiter: Der Süden druckt einfach das Geld, das er für Rechnungen braucht. Warum soll sich Griechenland ändern, wenn es doch immer wieder neue Kredite gibt? Mehr 24 115

10.02.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.692,96 −1,41%
 OK
10.02.2012
Name Kurs Prozent
DAX 6.692,96 −1,41%
FAZ-INDEX 1.495,13 −1,32%
TecDAX 769,89 −0,43%
MDAX 10.249,10 −1,04%
SDAX 4.985,13 −0,71%
REX 421,06 −0,02%
Eurostoxx 50 2.480,76 −1,65%
F.A.Z. EURO INDEX 80,01 −1,60%
Dow Jones 12.801,20 −0,69%
Nasdaq 100 2.547,32 −0,65%
S&P500 1.342,64 −0,69%
Nikkei225 8.947,17 −0,61%
EUR/USD 1,3195 −0,67%
Rohöl Brent Crude 117,61 $ −0,91%
Gold 1.711,50 $ −2,09%
Bund Future 138,62 € +1,01%