18.05.2004 · Schlecht wie selten ist die Stimmung unter den deutschen Ärzten. Grund dafür ist nicht allein die Gesundheitsreform. Viele Mediziner fühlen sich von Politik und Krankenkassen als Kostentreiber diffamiert und in ihren Leistungen herabgesetzt.
Von Andreas MihmSchlecht wie selten ist die Stimmung unter den deutschen Ärzten. Grund dafür ist nicht allein die Gesundheitsreform. Viele Mediziner fühlen sich von Politik und Krankenkassen als Kostentreiber diffamiert und in ihren Leistungen herabgesetzt. Sie sind bis ins Mark verunsichert, weil sie ahnen, daß Veränderungen unterwegs sind, deren Folgen sie nicht abschätzen können. Sie spüren, daß die Finanzdecke knapper wird, die Anforderungen aber steigen. Wer kann, liebäugelt mit vorzeitigem Ruhestand. Gleichzeitig meidet der Nachwuchs immer öfter die Arbeit am Patienten in Klinik und Praxis. Macht- und Verteilungskämpfe unter den 125000 niedergelassenen Kassenärzten vermiesen die Stimmung. Traumberuf Arzt - das war einmal.
Das Verhältnis von Gesundheitspolitik und Ärzteschaft ist von einem abgrundtiefen gegenseitigen Mißtrauen geprägt; der heute in Bremen beginnende 107. Deutsche Ärztetag wird davon Zeugnis geben. Mediziner und Politik sind sich schon in den Grundannahmen uneins, was zu tun ist, um eine moderne und patientengerechte, aber finanzierbare Versorgung zu garantieren. Die Mediziner wittern hinter Gutachten über die Qualität der Behandlung und Schlagworten wie "Unter-", "Über-" und "Fehlversorgung" zuallererst und nicht ohne Grund eine populistische Strategie, die das traditionelle Versorgungssystem aushebeln soll. Allenfalls an zweiter Stelle erkennen sie darin das Bemühen um eine bessere Patientenversorgung an. Zu Recht fürchten sie eine immer stärkere staatliche Regulierung ihrer freien Berufstätigkeit - auch wenn diese unter den Bedingungen jahrelanger Budgetrestriktionen schon heute alles andere als "frei" ist.
Die rot-grüne Regierung sieht in den 340000 Medizinern und ihren Standes- und Interessenorganisationen Bollwerke gegen eine an mehr Wettbewerb und medizinischer Qualität orientierte Patientenversorgung. Daß Ärzte traditionell eher Klientel von Union und FDP sind, kommt verschärfend hinzu. Der Vorrat an Gemeinsamkeiten scheint jenseits rhetorischer Floskeln erschöpft.
Dabei hat die Gesundheitsreform die Mediziner weniger hart getroffen als von der Koalition ursprünglich beabsichtigt. Die von Ministerin Schmidt geplanten Änderungen im Vertragsrecht - keine Kassenzulassung mehr für neue Fachärzte - sind weitgehend vom Tisch. Das Monopol der Kassenärztlichen Vereinigungen für Honorarverhandlungen mit den Kassen und das Verteilen der Gelder unter den Arztgruppen wurde allenfalls angeknackt. Die Fortbildung wird weiter von den Ärzten organisiert, das neue Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit in Medizin, das Behandlungsrichtlinien erarbeiten und Gutachten erstellen soll, bleibt dem direkten Einfluß des Staates entzogen. Die Praxisgebühr trifft die Mediziner wenig. Für sie war die Gebühr vor allem ein schlagzeilenträchtiges Mittel im Abwehrkampf gegen die Reform.
Daß die Ärzte im Zentrum der Auseinandersetzung um das Gesundheitssystem stehen, liegt auf der Hand: Sie sind diejenigen, die entscheiden, wer zu welchen medizinischen und damit finanziellen Konditionen behandelt wird. Wer Behandlungsabläufe verändern und die Ausgaben senken will, kommt an den Ärzten nicht vorbei. Die wiederum kommen an den von der Politik gesetzten Strukturmerkmalen nicht vorbei.
Beide Seiten argumentieren vor allem mit dem Wohl des Patienten. Ganz ehrlich ist das nicht. Die Ärzte haben berechtigte wirtschaftliche Eigeninteressen, und der Regierung geht es darum, vor allem die Kosten zu senken und zu diesem Zweck die widerspenstigen Mediziner an die Kette zu legen. Ein Bekenntnis zu diesen legitimen Interessen würde helfen, die politische Debatte sachorientierter zu führen.
Das stets auch ein Stück Folklore enthaltende überlieferte Selbstbild der Doctores als Heiler und Kunsthandwerker, bei denen das Geschäftliche erst an zweiter Stelle steht, gehört der Vergangenheit an. Es hat sich herumgesprochen, daß die Kassenzulassung und einige Privatpatienten nicht mehr automatisch ein sorgenfreies und gutbürgerliches Leben sichern. Neue Formen ärztlicher und fachärztlicher Versorgung treten neben die Einzelpraxis.
Die unter steigendem wirtschaftlichen Anpassungsdruck stehenden Krankenhäuser werden vermehrt Kooperationen mit niedergelassenen Ärzten eingehen, zum Beispiel für die postoperative Betreuung. Private Kapitalgeber werden den Aufbau von Versorgungszentren finanzieren und dort Ärzte für sich arbeiten lassen. Warum auch nicht, solange Patienten dort nach den Regeln der Kunst behandelt werden?
Für die Ärzte werden sich in dem Maße neue Geschäftsfelder öffnen, wie die Leistungen der gesetzlichen Kassen zurückgeschraubt werden. Denn das heißt nicht, daß die Nachfrage nach Gesundheitsleistungen sinken wird. Das Gesundheitswesen ist eine Boom-Branche. Es könnte noch viel stärkere Wachstumsimpulse ausstrahlen, wäre es nicht wettbewerbsfeindlich überreguliert. Im Zentrum muß deshalb stärker der Patient mit seinen Wünschen stehen. Er sollte die Wahl haben, ob er sich gegen Beitragsrabatt in ein von seiner Krankenkasse entworfenes Hausarzt- und Behandlungsprogramm einpassen läßt oder ob er, wie bisher, den Arzt frei wählen will, dem er seine Gesundheit anvertraut.
Kein Gesundheitssystem ist in der Lage, alle Wünsche und Ansprüche zu erfüllen. Man kann das Rationierung nennen. Den Ökonomen schreckt dieses R-Wort nicht. Er weiß, daß alle Ressourcen knapp sind und wettbewerblich organisierte Märkte einen für alle Seiten zufriedenstellenden Interessenausgleich bewerkstelligen. Aufgabe der Politik ist es, einen Rahmen zu entwerfen, der eine sichere Grundversorgung und ausreichende Wahlmöglichkeiten zuläßt. Das würde allen helfen, den Patienten und den Ärzten.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.386,43 | −0,55% |
| Dow Jones | 12.580,70 | +1,01% |
| EUR/USD | 1,2454 | −0,27% |
| Rohöl Brent Crude | 106,17 $ | −0,64% |
| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
Anonym bewerben? Ist das gut?