05.12.2006 · Während des Streiks gegen die Gesundheitsreform hatten nur wenige Praxen geöffnet. Ein Besuch lohnte sich. Denn bei den Ärzten im Notdienst versteht man, warum ihre Kollegen mit den Apothekern demonstrieren.
Von Claus-Peter Müller von der GrünEs ist 10 Uhr in der Bereitschaftszentrale der Kasseler Kassenärzte am Aktionstag der Mediziner, Apotheker und Krankenhäuser. Die beiden diensthabenden Ärzte, Männer mittleren Alters, sitzen bei Plunderteilchen und Brötchen in weichen Polstermöbeln, einen kleinen, geschmückten Tannenbaum zwischen sich.
Das Wartezimmer ist seit einigen Minuten leer. "Ein Reisebus ist schon durch an diesem Morgen", sagt der eine. 41 Patienten kamen seit 8 Uhr. Sonst suchten viel weniger Patienten den Bereitschaftsdienst auf. "Vielleicht", mutmaßt der eine, "kommen die Leute, weil sie heute keine 10 Euro zahlen müssen für den Notdienst." "Ach was", wehrt der andere ab, "das stand doch nicht in der Zeitung."
Dort stand aber, daß Apotheken und Ärzte an diesem Tag nur eingeschränkt zu Diensten stehen. Die Patienten haben sich offenbar darauf eingestellt. Ernste Fälle waren bisher nicht unter den Kranken. Viele derer, die kamen, brauchten für den Arbeitgeber eine Krankschreibung.
Dr. Ungern und Dr. Grausam
Beschwerden, daß an diesem Tag etwa ein Drittel der Arztpraxen in der Stadt geschlossen habe, nahm der Arzt mit dem Ohrring nicht entgegen. Ob er seinen Namen für die Zeitung sagen möge? "Ungern", gibt er zur Antwort. Nein, das sei nicht sein Name, aber er wolle nicht namentlich genannt, sondern dann schon lieber als "Dr. Ungern" zitiert werden. Der Kollege am Sofa offenbart nicht weniger Humor. Er kenne einen "Dr. Grausam", der sei tatsächlich Chirurg. Die Runde lacht, als sich das Wartezimmer wieder zu füllen beginnt.
Drei Stockwerke höher sitzt Uwe Popert. Er ist Allgemeinarzt, Erster Vorsitzender des Gesundheitsnetzwerkes Nordhessen (GNN) und Vertreter in der Versammlung der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen: "Wir verstehen das heute nicht als Streik, sondern als Demonstration künftiger Verhältnisse", denn die Politik führe zur "Ausdünnung" der Arztpraxen, Apotheken und Krankenhäuser.
„Nicht Spitze, aber okay“
Popert versichert, es gehe den Ärzten nicht ums Geld. Ihre Einkommen seien "nicht spitze, aber okay". Sie wehrten sich vor allem gegen die überbordende Bürokratie, welche ihnen die Politik zum Nulltarif abverlange. Die Zeit sei begrenzt. Ein Allgemeinarzt arbeite 50 bis 60 Stunden in der Woche. Mehr sei nicht möglich.
Heute schon sei ein Drittel der Arbeitszeit Bürokratie, aber diese Schätzung halte er für untertrieben, sagt Popert und verweist auf die Disease-Management-Programme, mit denen Patienten, die an häufig vorkommenden Erkrankungen wie Diabetes leiden, systematisch behandelt werden sollen: "Diese Patienten werden mit Bürokratie behandelt."
Einmal im Vierteljahr müsse er mit jedem Patienten, der an einem solchen Programm teilnehme, einen kleingedruckten Fragebogen ausfüllen. Das beanspruche fünf Minuten. Das sei jene Zeit, die er sich sonst dem Patienten zugewandt hätte: "Wenn die Kassen das Geld in Medikamente statt in Papier steckten, hätten sie Tausende von Herzinfarkten und Schlaganfällen vermieden."
Ärzte als Büttel
Die Politik, schimpft Popert, wünsche sich die Ärzte als Büttel, welche den Patienten vermitteln sollten, was die Politik nicht erklären könne, etwa wenn ein AOK-Patient anders behandelt werde als ein Mitglied der Barmer, weil die Kassen unterschiedliche Verträge mit den Ärzten geschlossen haben. Die Hälfte der Zeit verwende er darauf, um kostengünstig und zugleich juristisch unangreifbar Medikamente zu verordnen, sagt Popert.
Zum Beispiel verlangten die Kassen, daß er preiswert verordnen müsse. Aber die preiswerten Mittel seien häufig nicht für all jene Erkrankungen zugelassen wie die teureren Präparate mit demselben Wirkstoff, denn die Zulassung koste Geld, und an diesem sparten die Anbieter preiswerter Mittel. Es habe schließlich seinen Grund, warum ein Präparat mit demselben Wirkstoff teurer sei als das andere.
Ab ins Ausland
Die Kassen verlangten also vom Arzt die Verordnung eines Mittels, das aber zur Behandlung der Erkrankung des Patienten nicht zugelassen sei. Popert bricht zu einem Spaziergang durch den Vorderen Westen auf, ein teils großbürgerliches Gründerzeitviertel. Er ist zufrieden. 70 Prozent der Apotheken und 30 Prozent der Praxen haben geschlossen.
In der Bereitschaftszentrale der Ärzte schildert "Dr. Ungern" seine Planung für die Zukunft: "Ausland." Da komme doch schließlich seine Frau her, und da wolle auch er hin. "Dr. Grausam" dagegen fühlt sich wohler in Deutschland und am Krankenhaus, denn die Punktwerte, aus denen sich das Honorar der Vertragsärzte in den Praxen errechnet, fielen seit Jahren, und der Verkauf der Praxis, um die Altersversorgung zu sichern, falle heute schon manchem Kollegen schwer. Auf dem Land gebe es genug Praxen, die keiner haben wolle. Ob er sich also selbständig machen wolle: "Jein".
notwendige Lohnerhöhungen??
Hans-Ulrich Müller (humueller)
- 06.12.2006, 11:01 Uhr
Notwendige Lohnerhöhungen der bestbezahlten Akademiker
harald schneider (asklepion)
- 06.12.2006, 14:40 Uhr
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