16.01.2006 · Zum Auftakt einer bundesweiten Protestwoche haben niedergelassene Ärzte in Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt am Montag ihre Praxen geschlossen. Mediziner in anderen Bundesländern werden folgen. Drei erzählen, warum sie mitstreiken.
Zum Auftakt der Protestwoche der Ärzte haben tausende Mediziner am Montag in Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg für eine gerechtere Entlohnung demonstriert. Viele Praxen bleiben dicht in diesen Tagen. Drei Mediziner erzählen, warum sie mitstreiken. „Wir werden durch Papierkram vom Patienten abgehalten. Mein Gefühl ist, da steckt System dahinter.“
Wolfgang Küster,
Hautarzt in Reinheim bei Darmstadt:
"Das Schlimme an meinem Beruf ist, man kann davon nicht mehr leben. Ich rödle wie verrückt und werde beschissen bezahlt. 55 Stunden arbeite ich in der Woche, und meine Frau fragt mich manchmal, warum ich mir das zumute. Ich fahre einen acht Jahre alten Toyota. Wenn ich den in den Graben setze, kann ich mir keinen neuen leisten, höchstens einen alten Gebrauchtwagen. In Urlaub fahre ich nicht. Nicht daß ich viel Wert darauf legen würde. Aber ich könnte es mir auch nicht leisten. Ich glaube, wir niedergelassenen Fachärzte sollen bewußt kaputtgemacht werden. Die Lobbyisten der Kliniken bekommen das Sagen.
Jetzt habe ich eine neue EDV-Anlage angeschafft, obwohl ich kein Geld habe. Und das nur, weil Ulla Schmidt die elektronische Patientenkarte einführen will. Ich muß die jetzt ans Laufen bringen. Ambulante Operationen mache ich nicht mehr. Ich kriege dafür einfach zuwenig bezahlt von den Krankenkassen. Ich überweise die Patienten deshalb an die Kliniken. Dort ist die Operation für die Allgemeinheit teurer. Daran sieht man, daß das System nicht stimmt. Verloren geht bei dem ganzen Ärger, daß das eigentlich ein Beruf ist, der Spaß macht. Ich habe tatsächlich an Auswandern gedacht. Aber ich bin 48 Jahre alt, habe zwei Kinder in der Schule. Das ist auch nicht so einfach. Ich streike mit, natürlich. Ich habe das Gefühl, das ist die entscheidende Schlacht für uns Ärzte. Wenn wir die nicht gewinnen, dann gnade uns Gott."
Dr. Siegfried Halstenberg,
Facharzt für Allgemeinmedizin in Elsdorf im Rhein-Erft-Kreis:
"Wir haben eine überbordende Bürokratie, die wir kaum noch bewältigen können. Ein Beispiel: Ich schreibe Sie eine Woche krank wegen Ischias-Beschwerden. Und dann schreibe ich Sie weitere drei Tage krank, weil Sie nach der Einnahme des Medikaments Magenprobleme haben. Anschließend geschieht es nicht selten, daß ich dann ein zweiseitiges Formular der Krankenkasse als Begründung ausfüllen darf. Noch schlimmer wird es, wenn ich das Arzneimittelbudget überziehe. Dann werden von mir ausführliche Begründungen erwartet. Ich brüte dann am Wochenende über meinem Computer, durchforste 2000 Patientenakten und gucke, wo ich vielleicht zuviel oder zu teuer verschrieben haben könnte. Diese ganze bürokratische Arbeit wird nicht oder minimal bezahlt. Man sollte schon mehr Vertrauen in mein Handeln und das meiner Kollegen haben. Als schlimm empfinde ich es, daß die Patienten zum Teil Monate auf Termine zu fachärztlichen Untersuchungen warten müssen wie zum Beispiel beim Kardiologen, beim Gastroenterologen, beim Augenarzt und so weiter. Sie müssen dann oft weit fahren, um einen früheren Termin zu bekommen. Die Patienten haben immer weitere Wege, weil Kollegen aufhören. Hier haben letztes Jahr vier Kollegen ihre Praxis aufgegeben und sind vorzeitig in den Ruhestand gegangen. Wenn die Wege zu weit werden, dann gehen ärmere Leute immer seltener zum Arzt und vernachlässigen zum Beispiel Vorsorgeuntersuchungen und Impfungen. Ich weiß, wir hatten gute Jahre als Ärzte. Aber seit geraumer Zeit stimmt das nicht mehr. Das Honorar als Kassenarzt steht in keinem Verhältnis mehr zur Arbeitsleistung und zur Verantwortung, die ein niedergelassener Arzt zu tragen hat. Ich empfinde diese Bezahlung als würdelos."
Dr. Horst Baumann,
Facharzt für Allgemeinmedizin in Graben-Neudorf in Nordbaden:
"Es ist immer noch eine gute Arbeit. Sie ist schön, sinnvoll und wird von den Patienten honoriert. Manche bringen mir Eier mit oder Spargel. Aber die Widrigkeiten nehmen zu. Unter den Kollegen steigt die Depression.
Wir werden schikaniert durch die Politik. Wir werden durch Papierkram vom Patienten abgehalten. Ich habe manchmal das Gefühl, da steckt System dahinter. Je mehr wir uns mit Bürokratie herumschlagen, desto weniger Zeit haben wir, den Patienten etwas Kostenträchtiges zu verschreiben. Zum Beispiel die Bonus-Malus-Regel, die dient dazu, Ärzte einzuschüchtern. Sie sollen ja nicht zuviel verschreiben. Neulich saß eine weinende Patientin mit Multipler Sklerose bei mir im Wartezimmer. Ihr Nervenarzt wollte ihr kein Interferon mehr verschreiben. So was kommt öfter vor. Ich habe dann das Medikament verschrieben. Die Krankenkasse, die mir das verbieten will, will ich sehen. Ich würde damit vor das Sozialgericht ziehen.
Die schlechte Bezahlung könnte man noch aushalten. Aber nicht diese Bürokratie. Etwa diese Disease-Management-Programme der Krankenkassen für chronisch kranke Patienten. Ich sitze deshalb ganze Nachmittage, um den Wahnsinn in die EDV einzugeben. Ich mußte ein Programm dafür anschaffen. Weil das abgestürzt ist, habe ich Montag und Dienstag zwischen den Patienten dauernd mit einer Hotline telefoniert. Daß die jungen Mediziner nach England gehen, kann ich gut verstehen. Die Politik verdirbt die Stimmung. Es ist schwer, den Patienten Trost zu spenden, wenn es einem selbst dreckig geht."
Da jammert nicht der Patient,sondern der Arzt.Wer ist da eigentlich der Kranke?
Daniel Kleiner (Kleinermann1)
- 16.01.2006, 15:20 Uhr
...und es trifft nicht nur die Ärzte,
Stefan Schmidt (StSchmidtSG)
- 16.01.2006, 16:07 Uhr
Das ulimative Grauen...
Karl-Heinz Bartsch (carlcomma)
- 16.01.2006, 18:53 Uhr
Mein Arzt jammert auch, seit ich ihn kenne.
gisbert heimes (gisbert4)
- 16.01.2006, 22:29 Uhr
Der Patient als "Wanninger" in der Hotline
A. Ro-Nori (Steuerzahler)
- 18.01.2006, 01:09 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
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| FAZ-INDEX | 1.386,43 | −0,55% |
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| Gold | 1.579,50 $ | +0,31% |
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