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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ältere Arbeitnehmer (5) Das Ende der Altersteilzeit

29.08.2005 ·  Deutschland hat lange den Vorruhestand kultiviert. Nun werden ältere Arbeitnehmer seltener aus dem Beruf gedrängt. Es fehlt aber eine halbe Million Stellen. Vor allem strukturelle Hemmnisse müßten beseitigt werden.

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Fast drei Jahrzehnte lang hat Deutschland den Vorruhestand kultiviert: in den siebziger Jahren durch die Einführung der flexiblen Altersgrenze in der Rentenversicherung, in den achtziger Jahren durch den auf 32 Monate verlängerten Arbeitslosengeldbezug und das Vorruhestandsgesetz, in den Neunzigern durch die Altersteilzeit - immer vom Glauben geleitet, dadurch den Arbeitsmarkt entlasten und Beschäftigungsprobleme "sozialverträglich" lösen zu können. Erst das Jahr 2001 leitete einen Paradigmenwechsel ein. Künftig sollten die Älteren nicht mehr vorzeitig aus dem Arbeitsmarkt gedrängt, sondern länger im Berufsleben gehalten werden, lautete die Botschaft, auf die sich Regierung, Arbeitgeber und Gewerkschaften am 4. März im "Bündnis für Arbeit" verständigten.

Die steigende Lebenserwartung, der drohende Arbeitskräftemangel und die hohen Kosten für die Sozialversicherungssysteme machen ein Umsteuern unerläßlich. 2001 waren nach Berechnungen des Kölner Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) fast 3,5 Millionen Menschen zwischen 55 und 64 Jahren offen oder versteckt arbeitslos oder im Vorruhestand. Das belastete die Renten- und Arbeitslosenversicherung mit 37,4 Milliarden Euro. Es ist aber nicht nur die Finanznot, die zum Umdenken zwingt. Auch ökonomisch ist die These, man müsse Ältere aufs Abstellgleis schicken, um Stellen für Jüngere frei zu machen, zweifelhaft. Zwar haben sich zwischen 1993 und 2003 in einer Reihe von Ländern, auch in Deutschland, die Erwerbstätigenquote der Älteren und die der Jüngeren gegenläufig entwickelt.

Beschäftigung ist kein Nullsummenspiel

Doch ist die Quote der Jüngeren - anders als es die Vorstellung einer "Beschäftigungsbrücke zwischen Alt und Jung" nahelegt - nicht gestiegen, sondern gesunken. Wichtiger noch ist der empirische Befund, daß in beschäftigungspolitisch erfolgreichen Ländern beide Quoten höher liegen als in Deutschland. Waren hierzulande 2003 nur 42,4 Prozent der jungen Leute im Alter von 15 bis 24 Jahre und gerade einmal 39,0 Prozent der Fünfundfünfzig- bis Vierundsechzigjährigen beschäftigt, lagen diese Quoten beispielsweise in Dänemark oder Großbritannien jeweils gut 15 bis 20 Prozentpunkte höher. "Beschäftigung ist kein Nullsummenspiel zwischen den älteren und den jüngeren Arbeitskräften", bekräftigt auch Dieter Bräuninger von Deutsche Bank Research.

Bislang fehlte der Mut

Zwar hat die rot-grüne Bundesregierung versucht, der niedrigen Erwerbsbeteiligung der Älteren mit zahlreichen Fördermaßnahmen, Programmen und Kampagnen entgegenzuwirken. Auch wurden einige Fehlanreize - etwa die Möglichkeit, vorzeitig ohne Abschläge in Rente zu gehen - schon unter der Kohl-Regierung deutlich reduziert. Doch zu einem kompletten Kurswechsel fehlte bisher der Mut. Vor allem mit dem Hinweis auf die schlechte Arbeitsmarktlage war die Politik nicht willens, völlig auf erleichterte Ausstiegsmöglichkeiten zu verzichten. Das könnte sich schon bald rächen. "Auf das sich abzeichnende Ende der Vorruhestandskultur ist der deutsche Arbeitsmarkt noch kaum vorbereitet", warnt Bräuninger. So schätzt das Deutsche Institut für Altersvorsorge, daß in den kommenden drei Jahren rund 560.000 ältere Arbeitskräfte zusätzlich auf den Arbeitsmarkt drängen werden. Doch sind für sie nicht genügend Stellen vorhanden. "Statt mit einer höheren Erwerbstätigenquote wäre dann mit höherer offener und verdeckter Arbeitslosigkeit zu rechnen", warnt Bräuninger.

Um die Älteren erfolgreich in den Arbeitsmarkt integrieren zu können, müßten vor allem strukturelle Hemmnisse beseitigt werden. Die Liste der Reparaturmaßnahmen ist lang und in der Wissenschaft kaum umstritten. Gefordert werden unter anderem eine Erhöhung des Renteneintrittsalters und der Rentenabschläge bei vorzeitigem Ausscheiden, der Wegfall des erleichterten Arbeitslosengeldbezugs für Ältere und ein Ende der Altersteilzeit sowie beim Kündigungsschutz der Verzicht auf das Alter als Kriterium für die Sozialauswahl. Für die Tarifpolitik wird angeregt, daß die Löhne stärker nach der Qualifikation der Beschäftigten differenziert, Senioritätsregelungen bei Entlohnung und Urlaub abgeschafft werden und die leistungsabhängige Bezahlung ausgebaut wird. "Wenn die Produktivität sinkt, muß auch das Entgelt niedriger werden", fordert Bräuninger.

Bis zu drei Jahre Fortbildung

Die Gewerkschaften gehen das Thema langsam an. 2001 hat die IG Metall Baden-Württemberg als erste Gewerkschaft mit dem Arbeitgeberverband Südwestmetall einen Qualifizierungstarifvertrag geschlossen. Dieser gibt jedem Beschäftigten Anspruch auf ein jährliches Gespräch, in dem der individuelle Weiterbildungsbedarf festgelegt wird. Wer dem Betrieb seit mindestens fünf Jahren angehört, darf sich bis zu drei Jahre fortbilden und dann auf eine vergleichbare oder höherwertige Stelle zurückkehren. Über die "atmenden Zeitkonten" dürfen die Beschäftigten in Baden-Württemberg zudem jedes Jahr einen knappen Monat Arbeitszeit ansparen, um daraus Familienzeiten oder einen vorzeitigen Ausstieg aus dem Berufsleben zu finanzieren. Im Sommer 2006 will die IG Metall die Umgestaltung der Arbeitsabläufe in den Betrieben zum Thema machen. "Alle Betriebe haben bisher nur Konzepte für Ältere", rügt IG-Metall-Bezirkssekretärin Monika Lersmacher. "Wir brauchen keine alters-, sondern alternsgerechte Arbeitsbedingungen und ein lebensbegleitendes Lernen."

Werkzeugkasten

Mit finanziellen Anreizen und erleichterten Einstellungsregeln versucht die rot-grüne Bundesregierung den Verbleib und den Wiedereinstieg Älterer ins Berufsleben zu fördern: Wer mindestens 52 Jahre alte Arbeitnehmer einstellt, kann deren Arbeitsverhältnis ohne sachlichen Grund befristen. Finanzielle Erleichterungen gibt es für Arbeitgeber, die einen mindestens 50 Jahre alten Arbeitnehmer einstellen; sie können einen Eingliederungszuschuß zu den Lohnkosten erhalten.

Ist der neueingestellte Arbeitnehmer mindestens 55 Jahre alt, braucht der Arbeitgeber für ihn keinen Beitrag zur Arbeitslosenversicherung zu zahlen; dieser wird von der BA übernommen. Mindestens 50 Jahre alte Arbeitslose, die im Vergleich zu ihrer vorherigen Beschäftigung eine schlechter bezahlte Stelle annehmen, erhalten einen Entgeltzuschuß. In Betrieben mit bis zu 200 Beschäftigten übernimmt die BA zudem für mindestens 50 Jahre alte Arbeitnehmer die Weiterbildungskosten, sofern der Arbeitgeber das Arbeitsentgelt fortbezahlt.

Die auf höchstens 18 Monate verkürzte Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes I soll - zusammen mit den Abschlägen von 3,6 Prozent für jedes vorzeitige Rentenjahr - die Anreize senken, Ältere in den Vorruhestand zu schicken. Neue Chancen für ältere Langzeitarbeitslose verspricht sich die Regierung von Beschäftigungspakten in den Regionen. Insgesamt werden bis zu 50 innovative Eingliederungsprojekte in den allgemeinen Arbeitsmarkt mit jeweils bis zu 5 Millionen Euro gefördert.

Mit dem Hinweis auf die weiterhin schlechte Arbeitsmarktlage wird auch der Ausstieg aus dem Berufsleben gefördert. Dazu dienen - in Verbindung mit Neueinstellungen - die Altersteilzeit, die häufig als Blockmodell (erst voll arbeiten, dann Freizeit) genommen wird, sowie die sogenannte 58er-Regelung, nach der sich mindestens 58 Jahre alte Arbeitslose keine Stelle mehr suchen müssen und nicht mehr als Erwerbslose in der Statistik auftauchen, aber weiterhin Arbeitslosengeld erhalten. Außerdem werden in einem Bund-Länder-Programm bis zu 50.000 Zusatzjobs für mindestens achtundfünfzigjährige Arbeitslosengeld-II-Bezieher bereitgestellt, die den Betroffenen bis zur Rente eine Beschäftigung geben sollen. (nf.)

Quelle: nf. , F.A.Z., 29.08.2005, Nr. 200 / Seite 11
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