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Abenomics Japans Spiel mit dem Feuer

Japans Ministerpräsident Shinzo Abe will mit einer aggressiven Geldpolitik und großen Konjunkturprogrammen einen Aufschwung produzieren. Damit riskiert er den letzten großen Vorteil, den Japan noch hat.

© REUTERS Vergrößern Shinzo Abe

Für Michael Meister, den Finanzfachmann der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag, geriet ein Besuch in Tokio vor kurzem zum diplomatischen Drahtseilakt. Freundlich lauschte er Vorträgen von Ökonomen und Politikern, die Japans neue „Abenomics“ priesen. Eingeladen war Meister, weil kaum jemand so deutlich den neuen Kurs Japans kritisiert hat wie er.

Carsten Germis Folgen:  

Dabei scheint das Land vor einer wirtschaftlichen Wiedergeburt zu stehen, seit der neue Ministerpräsident, Shinzo Abe, ankündigte, die Bank von Japan an die ganz kurze Leine zu nehmen und zum fast unbegrenzten Gelddrucken zu zwingen. Zusammen mit großen Konjunkturprogrammen hat dies die Phantasie der Anleger geweckt und dem Aktienindex der Börse in Tokio Flügel verliehen.

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Und doch wachsen auch im Land der aufgehenden Sonne die Sorgen, Abe habe vielleicht einen Irrweg eingeschlagen. So wird die Frage gestellt, was passiert, wenn die Regierung mit ihren schuldenfinanzierten Konjunkturprogrammen und der aggressiven Geldpolitik zwar ihr Inflationsziel erreicht, Wirtschaftswachstum und steigende Löhne aber ausbleiben? Und was, wenn das Land die enorme Staatsschuld zunehmend im Ausland finanzieren muss?

Verschuldung von mehr als 240 Prozent des BIP

Japan ist mit mehr als 240 Prozent seiner jährlichen Wirtschaftsleistung verschuldet. Der staatliche Pensionsfonds des Landes zeigt sich besorgt. Im März will er seine Anlagestrategie überdenken. 67 Prozent seiner Einlagen hält der Fonds, aus dem die staatlichen Beschäftigten ihre Altersversorgung beziehen, in japanischen Staatsanleihen. Er ist einer der größten Käufer. Jetzt will er aus Angst vor steigenden Zinsen den Anteil der japanischen Staatsanleihen spürbar abbauen.

Bereits 2012 hatte der Internationale Währungsfonds davor gewarnt, bei einem plötzlichen Zinsanstieg könnten viele Banken wegen ihrer großen Bestände an Staatsanleihen in Schwierigkeiten geraten. Zudem ist das Land, dessen junge Leute kaum noch Vermögen ansparen können, bald darauf angewiesen, seine wachsende Staatsschuld im Ausland zu finanzieren. Auch wenn noch niemand in Japan offen darüber spricht, beginnen sich viele auf den Tag vorzubereiten, an dem die Blase der „Abenomics“ platzt.

Die privaten Hochschulen gehörten in der Vergangenheit ebenfalls zu den treusten Käufern der Staatsanleihen. Im deflationären Umfeld versprach ihnen selbst ein Zins von 1 Prozent ausreichend Rendite. Inflation und steigende Zinsen würden diese Anlagen zu einem Risiko machen, sagen sie jetzt. Zwar zwingt Abe die Notenbank, immer mehr Staatsanleihen zu kaufen und damit die Verschuldung zu niedrigen Zinsen zu finanzieren.

Mehr als 10 Prozent der Schuld im Ausland

Doch diese Politik hat Grenzen, auch vor dem Hintergrund, dass zunehmend Ausländer die japanische Staatsschuld halten. Lagen vor wenigen Jahren nur 5 Prozent der Staatsschuld im Ausland, sind es nun mehr als 10 Prozent. Die Ankündigung des staatlichen Pensionsfonds, das Umdenken in den Universitäten und die Sorgen in den Banken, die große Bestände an Staatsanleihen in ihrer Bilanz haben - das alles sind Zeichen, dass auch in Japan das Vertrauen in die Geld- und Finanzpolitik der neuen Regierung schwindet.

Abe spielt mit dem Feuer. In seinem Bestreben, das Land aus der Deflation zu führen, riskiert er den letzten großen Vorteil, den Japan noch hat: die niedrigen Zinsen. Mit unter 1 Prozent sind es die niedrigsten der Welt, trotz der gigantischen Staatsschuld und Staatshaushalten, die zur Hälfte über neue Schulden finanziert werden. Genau davor hat der scheidende Gouverneur der Bank von Japan, Masaaki Shirakawa, gewarnt, bevor er von Abe unsanft aus dem Amt gedrängt worden ist.

Die Finanzmärkte nehmen Abes Strategie einer expansiven Finanz- und aggressiven Geldpolitik ernst. Der Yen wird schwächer, die Kurse an der Börse in Tokio steigen. Dazu tragen auch Ausländer bei, die vom Aufschwung profitieren wollen. Japans Elektronikkonzerne wie Panasonic, Sony und Sharp werden so aber auf Dauer nicht wettbewerbsfähiger, auch wenn der schwache Yen ihre Bilanzen jetzt etwas entlastet. Reformen, die die Wettbewerbsfähigkeit der japanischen Unternehmen erhöhen, sind noch immer nicht in Sicht.

Die Zinsen könnten schneller steigen als Abe erwartet

Japans Regierung wurde ihre Staatsanleihen auch deswegen zu niedrigem Zins los, weil die Preise seit Jahren sanken. Das geht zu Ende, wenn Abe im großen Stil Geld druckt und sein Inflationsziel von 2 bis 3 Prozent schnell erreicht. Die aktuelle Sparquote in Japan liegt unter 2 Prozent, das Land hat seit einigen Monaten ein Minus in der Leistungsbilanz, die Staatsschuld nimmt weiter dramatisch zu. Alles deutet darauf hin, dass die Zinsen schneller steigen könnten, als Abe erwartet.

Gleichzeitig weist wenig darauf hin, dass die hohe verdeckte Arbeitslosigkeit abgebaut wird, mehr junge Menschen sichere Jobs bekommen und die Wirtschaft aus eigener Kraft wächst. Das ist der Hintergrund, vor dem die vorsichtigen Fondsmanager in Japan beginnen, ihre Depots umzuschichten. Meister hat in Japan trotz seiner Kritik auch gesagt, dass sich die Welt einen Erfolg der „Abenomics“ wünschen müsse. Das stimmt. Schlüge sie fehl, träfe dies nicht nur die Japaner, sondern die ganze Welt.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 01.03.2013, 07:26 Uhr

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