Home
http://www.faz.net/-gqg-7azmb
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
easyfolio

50 Prozent sind nicht die Hälfte Was Arbeitslosenquoten aussagen

Mehr als 50 Prozent beträgt die Arbeitslosenquote junger Männer und Frauen in Griechenland und Spanien. Jeder Zweite also, denkt man, aber das ist nicht ganz richtig.

© dpa Vergrößern

Wenn die europäischen Staats- und Regierungschefs derzeit fieberhaft nach Lösungen im Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit suchen, wird die Dringlichkeit der Bemühungen meist mit dramatischen Statistiken untermauert. Mehr als 50 Prozent beträgt laut der europäischen Statistikbehörde Eurostat die Arbeitslosenquote junger Männer und Frauen in Griechenland und Spanien, genauso im neuesten Mitgliedsland der Europäischen Union, Kroatien. „Jeder Zweite ohne Arbeit“ lauten viele Schlagzeilen, und der Beobachter stellt sich die Frage, warum in diesen Ländern die Proteste nicht noch viel heftiger ausfallen, wenn die Hälfte eines Jahrgangs keine Stelle hat.

Sven Astheimer Folgen:  

Die Antwort klingt zunächst verblüffend: Weil die abgeleitete Aussage falsch ist. Zumindest ist sie nicht ganz richtig. Denn korrekt müsste es eigentlich heißen: Jeder zweite, der dem Arbeitsmarkt auch zur Verfügung steht, ist ohne Arbeit. Denn Arbeitslosenquoten beziehen sich immer auf die Grundgesamtheit all der Personen, die arbeiten wollen und auch können. Eine alleinerziehende Mutter zum Beispiel würde vielleicht gerne eine Beschäftigung aufnehmen, weil sie aber nicht über hinreichende Betreuungsmöglichkeiten verfügt, muss sie sich vorerst um ihr Kleinkind kümmern. Weil sie somit nicht für die Vermittlung einer offenen Stelle in Frage kommt, zählt sie nicht als arbeitslos.

Bei Menschen unter 25 Jahren ist diese Gruppe naturgemäß besonders groß, weil sie noch sehr stark im Bildungssystem präsent sind. Will man nun eine Aussage treffen, wie groß der Anteil der jungen Arbeitslosen eines Landes an der gesamten Alterskohorte ist, muss man also die Arbeitslosen in Bezug zur entsprechenden Gesamtbevölkerung setzen. Dadurch sinkt die Quote erheblich. Aus den jeweils mehr als 50 Prozent Arbeitslosenquote werden in dieser Betrachtung etwa im Falle Spaniens im Durchschnitt des Jahres 2012 rund 20 Prozent, für Griechenland bleiben 16 Prozent und für Kroatien 18 Prozent.

Das heißt allerdings nicht, dass die Dringlichkeit des Problems deshalb wesentlich geringer wäre. Denn entscheidend ist vor allem die Entwicklung, und die ist eindeutig: Seit 2003 hat sich auch in dieser Bilanz der Wert in den drei Ländern nahezu verdoppelt. In Irland, einem weiteren gebeutelten Euro-Mitglied, hat er sich sogar verdreifacht. Dazu bleibt der Abstand zur Spitzengruppe hoch, da sich etwa der Wert für Primus Deutschland in dieser Statistik auf knapp vier Prozent fast halbiert hat. Außerdem führen die miserablen Aussichten auf vielen Arbeitsmärkten zu Ausweichbewegungen der Jugendlichen, die eine Form von verdeckter Arbeitslosigkeit darstellen: Das heißt, viele junge Menschen bleiben aus der Not heraus länger an Schulen und Universitäten. Viele würden lieber arbeiten gehen, wenn es passende offene Stellen gäbe.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Aufschwung am Arbeitsmarkt Nicht nur Billigjobs

Es gibt viele neue Stellen am deutschen Arbeitsmarkt. Allerdings gibt es unter Experten sehr unterschiedliche Ansichten über deren Qualität. Manche bemängeln, es seien viele atypische darunter. Mehr Von Sven Astheimer

27.11.2014, 06:00 Uhr | Beruf-Chance
Hartz IV Am Ende hat es funktioniert

Von Beginn an standen die Hartz-IV-Reformen, die vor zehn Jahren in Kraft traten, in der Kritik. Viele empfanden sie als ungerecht. Die Zahlen der hessischen Arbeitsagentur sprechen aber dafür, dass Hartz IV kein Irrweg war. Mehr Von Jochen Remmert, Frankfurt

27.11.2014, 15:09 Uhr | Rhein-Main
Firmengründung Die Krise macht unternehmerisch

Vor allem in den Krisenländern in Südeuropa streben junge Menschen eine Existenzgründung an. Ganz anders in Deutschland: Hierzulande sehnt sich die junge Generation vor allem nach Sicherheit im Beruf. Mehr Von Dietrich Creutzburg, Berlin

19.11.2014, 12:50 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 03.07.2013, 17:28 Uhr

Der Mythos vom prekären Arbeitsmarkt

Von Sven Astheimer

Zum ersten Mal sind mehr als 43 Millionen Menschen in Deutschland beschäftigt. Vor allem viele normale Arbeitsplätze hat der Aufschwung geschaffen - allen Warnern zum Trotz. Eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Mehr 7 3


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Grafik des Tages Wo Gemeinden die meisten Steuern einnehmen

Die Städte und Gemeinden in Ostdeutschland haben zwar weniger Schulden als die im Westen, doch ihre Steuerkraft ist noch immer deutlich niedriger. Unsere Grafik zeigt, wo Kommunen viele Steuern einnehmen. Mehr

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden