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1000 Meter unter der Erde Ein Friedhof für Atommüll

31.07.2007 ·  In Salzgitter beginnen die Vorbereitungen für den Bau des ersten Endlagers für schwach- und mittelradioaktive Abfälle. In einem ehemaligen Bergwerk, 1000 Meter unter der Erde. Andreas Mihm hat die Baustelle besucht.

Von Andreas Mihm
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Der Diesel heult auf, gelblich-weiße Lichtkegel durchschneiden die Dunkelheit, tanzen an den rostroten Wänden entlang, im Rhythmus dem Auf und Ab des ruckelnden Geländefahrzeugs folgend. Die kleine Reisegruppe auf der Pritsche des Lastwagens wird durchgeschüttelt. 100 Millionen Jahre alte Staubpartikel flirren durch schwül-warme Luft, gut 1000 Meter unter den Feldern voller goldener Weizenähren, die sich im Sommerregen biegen, der gerade über Salzgitter-Bleckenstedt niedergeht.

An die 40 Kilometer lang ist das unterirdische Straßennetz im Schacht Konrad, das seit dem Ende der fünfziger Jahre auf sechs Etagen zwischen 800 und 1300 Metern Tiefe in das Erzgestein geschlagen und gesprengt wurde. An der Beschaffenheit der Wände erkennt selbst der Laie die unterschiedlichen Arbeitsmethoden. Wo die Sprengmeister der fünfziger und sechziger Jahre wild zerklüftete Deckengewölbe hinterließen, meißelt und fegt der unbändig hin und her zuckenden Bohrkopf der Teilschnittmaschine das Gestein unter Höllenlärm passgenau aus dem Berg.

60 Lastwagen sollen untertage verkehren

Sieben Meter breit und bis zu sechs Meter hoch sind die unterirdischen Straßen am Ende, groß genug, damit die 60 Lastwagen, die untertage verkehren, passieren und künftig auch sperrige Container bewegt werden können. Später werden die Deckengewölbe in sechs Meter Höhe mit Dübeln verschraubt. Mehr als einen Meter lang sind die Spezialwerkzeuge. Ein Maschendraht, der über die Decke gespannt wird, soll verhindern, dass Gesteinsbröckchen abplatzen und herabfallen. Sicherheit wird großgeschrieben im Schacht Konrad, dem künftigen deutschen Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle.

Doch bis hier die ersten Container mit verstrahltem Material eingefahren werden, werden noch ein paar Jahre vergehen. „Wir gehen davon aus, dass es uns in sechs Jahren gelingen wird, Schacht Konrad in Betrieb zu nehmen“, sagt der Vizepräsident des Bundesamtes für Strahlenschutz Henning Rösel. Er leitete das Endlagerprojekt Schacht Konrad. Ein langer juristischer Kleinkrieg um die Zulassung des Endlagers war im April durch das Bundesverwaltungsgericht beendet worden. Zwar suchen die Kritiker noch die Unterstützung des Bundesverfassungsgerichtes, doch ist der Planfeststellungsbescheid unanfechtbar. Die Vorbereitungen für den Bau der unterirdischen Deponie können deshalb beginnen.

Filter, Schrott, Flüssigkeiten und Schlämme

Am Ende dürfen bis zu 303.000 Kubikmeter „radioaktiver Abfälle mit vernachlässigbarer Wärmeentwicklung“ gelagert werden. So viel ist genehmigt. Einzige Bedingung: Die Abfälle müssen aus deutschen Quellen stammen. „Typische Abfälle sind Filter und Filterhilfsmittel, Schrott, Flüssigkeiten, Schlämme oder Mischabfälle“, heißt es beim Strahlenschutzamt. Krankenhäuser, Forschungseinrichtungen oder Kernkraftwerke, die jetzt Schritt für Schritt abgerissen werden sollen, sind die größten Abfallproduzenten. Jährlich 4500 Kubikmeter sind im Schnitt der vergangenen 20 Jahre angefallen. Mehr als 83.000 Kubikmeter werden in Zwischenlagern gehortet, Zehntausende Kubikmeter sind schon vergraben, im ehemaligen DDR-Lager Morsleben oder im Versuchslager Asse. Mehr als 120.000 Kubikmeter dürften in den nächsten 35 Jahren noch mal hinzukommen. Geplant worden war das Lager einmal für 650.000 Kubikmeter. Doch die Prognose wurde reduziert, weil der Abfall heute besser komprimiert wird, auch weil die Kernkraftwerke in Deutschland früher vom Netz gehen sollen.

Am Ende könnten es damit weniger als 240.000 Kubikmeter sein, für immer verschlossen hinter Betonplomben und versiegelt unter Hunderten Meter dicken Gesteinsschichten aus Ton und Mergel. Die sollen dafür sorgen, dass es auch in Zukunft so staubtrocken bleibt, wie in den letzten 90 Millionen Jahren. Selbst wenn, wie im früher als Endlager erprobten Schacht Asse II, unerwartet Wasser zuflösse, würden im Schacht Konrad die geologischen Formationen sicherstellen, dass niemand gefährdet werde, sagt Rösel.

Schacht Konrad hat Zukunft

Dass das Endlagerprojekt überhaupt soweit gedeihen konnte, so wird auf Schacht Konrad gern erzählt, sei das Verdienst fleißiger Betriebsräte. Eigentlich sollte das Erzbergwerk bereits in den siebziger Jahren geschlossen werden. 6,7 Millionen Abraum und Erzgestein waren bis 1976 ans Tageslicht befördert worden. Doch keine 20 Jahre nach dem Aufschluss war die Erzqualität unter dem Stahlwerk Salzgitter zu schlecht, als dass sich eine weitere Förderung gelohnt hätte.

Hätte die Belegschaft nicht aus Sorge um ihre Arbeitsplätze die großen Stollen als Endlager ins Gespräch gebracht, wäre das Bergwerk schon lange dichtgemacht. Zwar steht der große grüne Förderturm, die Fachleute sprechen vom „Doppelbockgerüst“, über dem Schacht Konrad unter Denkmalschutz, doch haben die 86 Beschäftigten die Anlage über die Jahre in Schuss gehalten. Inzwischen wird auch wieder ausgebildet. Auch das zeigt: Schacht Konrad hat Zukunft.

Ein gigantischer Containerfriedhof

916 Millionen Euro hat das Offenhalten des Bergwerks bis heute gekostet. Bezahlt wird das vom Staat, der kann sich an den Erzeugern des Atomabfalls schadlos halten. Weitere 900 Millionen Euro sollen in den kommenden Jahren für die Modernisierung und den Ausbau der Anlage ausgegeben werden. Je nach Abfallmenge errechnen sich so für die Endlagerung Kosten von 10.000 bis 25.000 Euro je Kubikmeter. Die etwas schäbigen Baracken rund um die inmitten von Feldern majestätisch aufragende Seilfahrtanlage, die den Förderkorb mit fast zehn Metern in der Sekunde in die Tiefe sausen lässt, sollen bald weggeräumt oder modernisiert werden. Der zweite Schacht, auf dem Gelände des Stahlwerks, muss saniert und ausgebaut werden. Dort werden künftig Container mit dem Atomabfall in die Tiefe gelassen. Unten, auf mehr als 800 Metern Tiefe, werden die dann von Spezialfahrzeugen aufgenommen und ins Erz verfrachtet. Die dafür notwendigen mehrere hundert Meter langen Einlagerungskammern, sieben Meter breit und sechs Meter hoch, werden in den kommenden Jahren aufgefahren. Probestollen haben ihre geologische Festigkeit unter Beweis gestellt.

Neben- und übereinander werden die Container dann gestapelt, verbliebene Hohlräume verfüllt und alle 50 Meter eine Betonwand gezogen, bis die jeweilige Kammer voll ist. Eine nach der anderen. Mindestens bis zum Jahr 2040, längstens bis 2080. Am Ende bleibt ein gigantischer Containerfriedhof, auf ewig verschlossen in Katakomben in 1000 Metern Tiefe.

Atomabfälle werden nach ihrer radioaktiven Strahlung und damit ausgelösten Wärmeerzeugung unterschieden. Auf schwach- und mittelradioaktive Abfälle entfallen mehr als 90 Prozent des in Deutschland anfallenden Abfallvolumens, aber weniger als 0,1 Prozent der Strahlung. Derzeit liegen mehr als 83.000 Kubikmeter dieser Abfälle in Zwischenlagern. Die entsprechende Menge an hochradioaktiven Abfällen gibt das Bundesamt für Strahlenschutz mit knapp 1800 Kubikmetern an.

1965 wurde in der Schachtanlage Asse (Niedersachsen) mit der Erforschung und der versuchsweisen Einlagerung von schwach- und mittelradioaktiven Abfällen - in 125.000 Fässern - begonnen. Im sachsen-anhaltischen Morsleben hatte die DDR in den siebziger Jahren in einem Kali- und Salzstock ein Endlager errichtet, das bis 1998 gesamtdeutsch genutzt wurde und seither stillgelegt wird. Dort liegen knapp 37.000 Kubikmeter Atomabfall.

Schacht Konrad soll nun als Endlager 2013 in Betrieb gehen und voraussichtlich 240.000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktive Abfälle aufnehmen. Die Auswahl eines Standortes für ein Endlager für hochradioaktive Abfälle ist dagegen blockiert. Die Erkundung des Salzstocks Gorleben (Niedersachsen) hat Rot-Grün im Jahre 2000 für maximal zehn Jahre unterbrochen. Während die Union die Erkundung möglichst schnell fortsetzen und zu einer abschließenden Bewertung kommen will, plädiert die SPD für die Suche nach mindestens einem weiteren potentiellen Standort. Fachleute halten den Termin 2040 für den Beginn der Endlagerung hochradioaktiven Abfalls deshalb für obsolet.

Quelle: F.A.Z., 31.07.2007, Nr. 175 / Seite 13
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Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

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