23.10.2009 · Die Vergleiche mit der Weltwirtschaftskrise von 1929 haben die Politik in die Irre geführt. Niedrigere Zinsen und Programme für die Konjunktur sind ungeeignet, um die Solvenzkrise der Banken zu beheben.
Von Albrecht RitschlGanze Generationen von Volkswirten haben sich darauf vorbereitet. Nie sollten sich die Politikfehler der Weltwirtschaftskrise wiederholen. Vom Grundkurs bis zum Doktorandenseminar wurde überall auf der Welt eingeübt, was in einer schweren Krise zu tun sei. Geldpolitik dürfe sich nicht mehr passiv an die Krise anpassen, sondern müsse aktiv gegenlenken. Fiskalpolitik müsse der Krise mit aggressivem „Deficit Spending“ beikommen, zur Not unterstützt durch Übernahme der Schuldtitel auf die Notenbank. Heftig gestritten wurde darüber, ob das keynesianische oder das monetaristische Mittel vorzuziehen sei. Klar aber war immer, dass im Ernstfall beide Mittel zum Einsatz gelangen würden.
Dieser Ernstfall ist zur Jahreswende 2007/2008 ausgerufen worden. Die schwerste Krise der Nachkriegszeit rief Erinnerungen an 1929 wach: massive Kurseinbrüche, Rückgänge der Industrieproduktion im zweistelligen Prozentbereich, eine globale Finanzkrise, dazu Deflation der Rohstoffpreise. In allen Staaten sind die Löschzüge im Einsatz, jeder Volkswirt des Planeten kennt die Prozedur. Und die Ergebnisse sind atemberaubend: In Amerika wächst die Geldmenge M1 mit Jahresraten von 14 bis 18 Prozent, und der Anteil des Budgetdefizits am Sozialprodukt liegt im zweistelligen Bereich. Im Euro-Raum sind die Ziffern nur unwesentlich niedriger. Vergessen ist Friedmans Kritik am keynesianischen Ausgabenmultiplikator, über Bord geworfen sind die Einsichten zur Sinnlosigkeit von Geldmengensteuerung, umgerannt das Keynessche Warnschild am Eingang zur Liquiditätsfalle. Im Notfall greifen die Reflexe aus dem Grundkurs, jeder Handgriff sitzt im Schlaf, die Operation ist perfekt angelaufen, nachgedacht wird später.
Lehrbuchmäßige Wirtschaftspolitik - aber irgendetwas stimmt nicht
Doch irgendetwas stimmt nicht, der Operationsverlauf entspricht nicht dem Drehbuch. Die Konjunkturprogramme greifen nicht richtig. Die künstlich hineingepumpte Liquidität erreicht die Waren- und Kreditmärkte nicht. Einzig die vielgeschmähte Abwrackprämie scheint kurzfristig etwas bewirkt zu haben - aber sie verschiebt das Problem in die Zukunft.
Ihre Dynamik entfaltet die Krise in den Bereichen, die im Lehrbuch gar nicht vorkommen - oder doch nur allenfalls am Ende abgehandelt werden, in Erweiterungen für diejenigen, die sich etwas mehr Lernstoff zumuten wollen. Das makroökonomische Lehrbuchwissen meiner Generation entstammt der Auseinandersetzung mit der Weltwirtschaftskrise, dem bis heute nicht vollständig verstandenen dramatischen Rückgang des Sozialprodukts zwischen 1929 und 1932. Namentlich in den Vereinigten Staaten und Deutschland brach die Wirtschaftsleistung um ein Viertel ein, die Industrieproduktion ging um bald die Hälfte zurück. Den Höhepunkt der Krise markierte die deutsche Bankenkrise des Sommers 1931, kombiniert mit einer Schuldenkrise, dem Auseinanderbrechen des Goldstandards und der Streichung der Reparationen. Am Krisenende standen die amerikanische Bankenkrise des Spätwinters 1933, der Abschied von der Goldbindung des Dollars und der Übergang zu drastischem Interventionismus im New Deal.
Keynes forderte 1932 Ausgabendisziplin
Diesem ungeheuren Beben stand die damalige Politik ratlos gegenüber. Von einer antizyklischen Fiskalpolitik war man in Amerika, Großbritannien oder Frankreich weit entfernt, hätte sie auch wegen ihrer vertrauensstörenden Nebenwirkungen abgelehnt. In Deutschland waren krisendämpfende Wirkungen staatlicher Ausgabenprogramme aus der Inflationszeit durchaus bekannt. Allerdings sah man sich wegen der hohen Auslandsverschuldung die Hände gebunden; jede Ausgabensteigerung wurde als neuer Versuch gebrandmarkt, sich den Reparationsverpflichtungen zu entziehen. Noch 1932 hielt Keynes in einer Rede die Deutschen zu strikter Ausgabendisziplin an. Nicht viel besser sah es mit expansiver Geldpolitik aus.
Die intellektuelle Revolution in der Wirtschaftstheorie seitdem bestand darin, von dieser Orthodoxie Abstand zu nehmen und für die Weltwirtschaftskrise ein neues Drehbuch zu schreiben. Ben Bernanke hat das einmal auf die Formel gebracht, die Große Depression der dreißiger Jahre sei der Heilige Gral der Makroökonomie.
Trotzdem ist die Krise von 1929 keine gute Vorlage für heute. Damals standen am Anfang ein Börsenkrach, fallende Rohstoffpreise, hohe Lohnkosten sowie das Ende der amerikanischen Kredite an Deutschland und damit letztlich des Goldstandards. Diese Krise ist nicht entschlossen bekämpft worden, sie wurde kaum verstanden. Erst am Ende der Krise standen die großen Banken- und Zahlungskrisen. Ihnen rückte man nach anfänglichen Versäumnissen entschlossen zu Leibe, in Deutschland durch Teilverstaatlichung der großen Geschäftsbanken, in Amerika durch ihre Regionalisierung und die strikte Trennung ihrer Geschäftsfelder.
Die Bankenkrise wurde wie eine Konjunkturkrise bekämpft
Ganz anders begann die Krise von 2007/2008 mit einem Bankenkrach und ging erst danach in eine allgemeine Konjunkturkrise über. Nur in der Finanzkrise liegen die Ähnlichkeiten mit den dreißiger Jahren. Die Politik wollte den Unterschied zwischen den Kriseneinbrüchen von 1929 und 2007 aber offenbar nicht recht wahrhaben. Die Notenbanken haben auf die Krise nach dem Lehrbuch reagiert, ignorierten hingegen die Anzeichen für eine systemische Liquiditäts- und Solvenzkrise des Bankensystems, der mit Zinssenkungen nicht beizukommen ist. Man deutete das Geschehen als einen Konjunktureinbruch à la 1929, den man mit makroökonomischen Mitteln zu bekämpfen hoffte. Ein unsanftes Erwachen gab es erst mit den drohenden Bankzusammenbrüchen in Amerika im Sommer 2008 und der - womöglich vermeidbaren - Lehman-Insolvenz. Erst nach diesem einschneidenden Schock ist die seit 2007 schwelende Bankenkrise als solche behandelt worden.
Genau denselben Fehler beging man vor der Bankenkrise von 1931. In beiden Fällen zögerten Politiker, Auffangstrukturen für die sich auftürmenden systemischen Risiken zu schaffen. Und in beiden Fällen haben sie zuletzt unter hohem Zeitdruck Ad-hoc-Maßnahmen ergriffen, die von der Verstaatlichung über staatlich vermittelte Stützungskredite bis hin zu Garantieerklärungen für die Einlagen reichen. Kaum etwas davon ist neu, alle diese Mittel sind ordnungspolitisch problematisch, denn sie laufen auf die Sozialisierung von Verlusten, die Privatisierung von Gewinnen und die weitere Verfestigung monopolistischer Strukturen im Banksektor hinaus.
Der Vergleich mit 1931 passt - der mit 1929 war ein teurer Fehler
Bankenkrise und Bankenpolitik im Jahr 2008 und in den dreißiger Jahren sind einander also sehr ähnlich, in ihren Problemen und in den anfänglichen Fehlern. Der wesentliche Unterschied besteht in der Fehldiagnose 1929: Zwischen dem Börsenkrach von 1929 und der Bankenkrise lagen fast zwei Jahre schwerster Rezession, während die gegenwärtige Krise sozusagen direkt von der Hochkonjunktur in das Jahr 1931 gesprungen ist. Auch das Ende der jetzigen Rezession ist dem Ende der Bankenkrise ähnlich. Zwischen dem Lehman-Debakel und dem Beginn des vorsichtigen Wiederaufschwungs im Sommer 2009 ist ein knappes Jahr vergangen. Genauso verhielt es sich nach der Sommerkrise von 1931: im August 1932 war die Talsohle erreicht.
Kern des gegenwärtigen Problems ist die Bereinigung der Finanzmarktkrise. Davon wird die Dauerhaftigkeit des Aufschwungs abhängen. Dagegen sind die spektakulären Experimente der Geld- und Fiskalpolitik zwar für den Experten ein interessanter Testfall (dessen Bestehen zweifelhaft ist), bekämpfen aber die falsche Krise. Der Vergleich mit 1931 passt. Der mit 1929 dagegen ist eine teure Fehldiagnose, und eine riskante zumal.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 8.947,17 | −0,61% |
| EUR/USD | 1,3195 | −0,67% |
| Rohöl Brent Crude | 117,61 $ | −0,91% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 138,62 € | +1,01% |