Im Allgäuer Hotel Jägerhof gibt es für 33 Euro die 30-Minuten-Lymphdrainage, für 55 Euro eine gründliche Einführung in den Skilanglauf ohne Skier (Nordic Walking) und für 24 Euro pro Kopf das beliebte Schlemmerbüffet inklusive Wildschweinmedaillons und Preiselbeermousse. Und an diesem Wochenende gibt es für geladene Gäste umsonst die Isny-Runde mit Angela Merkel.
Seit 25 Jahren schmeißt der Blumenerde-König und CDU-Mann Helmut Aurenz (ASB Grünland) die exquisite Runde, an der stets Spitzenmanager, Unternehmer, Wissenschaftler, Politiker und gute Blumenerde-Kunden teilnehmen. "Mini-Davos" titeln Lokaljournalisten. Der Vorstandsvorsitzende von BASF, Jürgen Hambrecht, nannte Standortfaktoren für die Chemie. Goldman-Sachs-Deutschland-Chef Alexander Dibelius analysierte, warum Deutschland für ausländische Investoren nicht mehr attraktiv ist. Und Edeka-Chef Alfons Frenk sprach über die Angst der Konsumenten.
„Die Union muß aufhören, vernünftige Vorschläge zu blockieren“
Der Managerkreis kommt Angela Merkel gerade recht. Die CDU-Chefin mußte in Isny 700 Meter über dem Meeresspiegel dringend Boden gutmachen. Denn der CDU, der Partei Ludwig Erhards, geht die treueste Schar von der Fahne: die Wirtschaft. Abgestoßen vom Gesundheitskompromiß der Union und verstimmt über den Abgang von Friedrich Merz, haben die Manager ihren Glauben an die Konservativen verloren. Zerstritten, ohne klares Konzept, häufig reformblockierend, so urteilen viele. "Die Union muß aufhören, vernünftige Vorschläge im Bundesrat zu blockieren", schimpft Edeka-Chef Frenk.
"Für die Bevölkerung ist mittlerweile die SPD die Reformpartei", diagnostiziert Meinungsforscherin Renate Köcher aus Allensbach kühl. Und: "Merkel steht nicht für hohe Wirtschaftskompetenz", ergänzt Parteienforscher Frank Boesch. Was vielleicht noch akzeptabel wäre, würde in ihrem Umfeld jemand diesen Part übernehmen. Doch weit und breit ist keiner zu sehen. Kein Wunder. Merkel hat Fachmann Merz klein gemacht, weil sie ihm das Rampenlicht nicht gönnte. Und weil sie Wirtschaftskompetenz ausschließlich für sich selbst beanspruchen wollte.
Die Lage ist so mies wie selten
Die Lage ist eine Woche vor dem CDU-Parteitag in Düsseldorf so mies wie selten. Die Union wird als extrem zerstritten wahrgenommen, wie das Meinungsforschungsinstitut Allensbach herausfand. Zerstrittenheit aber ist aus Sicht der Wähler ein Synonym für Inkompetenz. Inhalte verkümmern zur Nebensächlichkeit, wenn selbst der Gesundheitsexperte Horst Seehofer bereitwillig in jedes Mikrofon hinein den Gesundheitskompromiß seiner Fraktion diskreditiert.
"Wir müssen uns dringend um konzeptionelle Klarheit kümmern", mahnt CDU-Wirtschaftsexperte Matthias Wissmann, der zusammen mit Aurenz zur Isny-Runde geladen hat. "Unbestreitbar, die Union ist im Tief", sagt Kurt Lauk, Chef des CDU-Wirtschaftsrates. Anders als die Ministerpräsidenten ihrer Partei kann Merkel nicht durch Regierungsarbeit punkten. Während Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff den Freunden in Isny seine Reformerfolge präsentiert, bleiben Merkel nichts als Worte.
Der Kanzler plaudert, die Wirtschaft hört zu
Doch die Wirtschaftsführer hören derzeit lieber dem Kanzler zu. Leutselig plaudert Gerhard Schröder im Fernsehen über Kind und Hund. Sein Team plant derweil gemeinsam mit dem Bundesverband der Deutschen Industrie für WM- und Wahljahr die millionenschwere Standortkampagne unter dem Arbeitstitel 1.FC Deutschland 2006, zu deren Vorbereitung sich zwei Dutzend Spitzenmanager im Kanzleramt getroffen hatten.
"Die Wirtschaft muß sich immer mit der jeweiligen Regierung arrangieren", sagt Wulff achselzuckend. "Mancher Manager sucht auch aus Eitelkeit die Nähe zum Kanzler", nörgelt der Niedersachse. Fest steht: Wenn Schröder ruft, kommen die Vorstände. Und wer besucht Frau Merkel? Sie kennt den BASF-Lenker Hambrecht, den Goldman-Sachs-Investmentbanker Dibelius, den Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann. Doch öffentlich springt zur Zeit keiner für Merkel ein. Selbst der bekennende CDU-Mann und Commerzbank-Vorstandsvorsitzende Klaus-Peter Müller hat sich als designierter Bankenverbandspräsident parteipolitische Zurückhaltung auferlegt.
Wenn es für die Union mies läuft...
Hat Merkel beim Top-Management für lange Zeit verspielt? In ihrem Umfeld gab es Überlegungen, im Wahljahr eine Runde von Industriekapitänen und Wirtschaftsfachleuten als Beraterkreis zu installieren. Doch Merkel fragte ängstlich, ob ihr dies nicht gleich wieder als Defizit in Wirtschaftsfragen angelastet werde.
Für Meinungsforscherin Köcher hat Merkel nur zwei Möglichkeiten: "Sie muß den Managern vermitteln, daß die Union effizienter und konsequenter reformiert als Rot-Grün." Das ist nach den Streitereien der vergangenen Wochen wenig glaubhaft. "Merkel kann der Wirtschaft auch klarmachen, daß mit der Union drakonischere Reformen kommen", sagt Köcher. Doch auch das ist riskant. "Das geht nur auf, wenn die Bürger 2006 zutiefst beunruhigt sind und der Regierung Schröder nicht zutrauen, mit den Problemen fertig zu werden. Wenn sie einigermaßen beruhigt sind, werden sie keinen radikaleren Reformkurs wählen."
...gewinnt Jürgen Klinsmann die Fußball-Weltmeisterschaft
Wenn es für die Union mies läuft, entfaltet 2006 zunächst eine von der Wirtschaft teilfinanzierte Standortkampagne ihre Wirkung, danach gewinnt Jürgen Klinsmann mit der Nationalmannschaft die Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land. Eichel schafft die Maastricht-Kriterien, und die Wirtschaftsindikatoren zeigen leichte Besserung. Doch so muß es nicht kommen. Vielleicht wird alles noch schlimmer. Das wäre die Chance von Merkel.