19.04.2009 · Der Wahlkampf ist eröffnet. Weil aber niemand weiß, wie schlimm die Krise noch wird, sind die Parteien verunsichert. Im Sommer - also noch vor der Bundestagswahl - steht eine Entlassungswelle bevor, da sind sich die Ökonomen einig. Schon jetzt geht der Bundesagentur für Arbeit das Geld aus.
Von Lisa Nienhaus und Christian SiedenbiedelAn diesem Sonntag kurz vor 17 Uhr soll der Kampf beginnen. Dann will Frank-Walter Steinmeier (zur Erinnerung: der Kanzlerkandidat der SPD) endlich ins Rampenlicht treten. Dann will er sich mit der Kraft all seiner Anhänger auf eine Ebene mit Angela Merkel heben – und den Zweikampf eröffnen. Steinmeiers Ziel für diesen Sonntag: das Tempodrom in Berlin begeistern. Das ist nicht schwierig, denn dort werden sich vor allem seine Parteifreunde versammeln. Steinmeiers Ziel bis September: ganz Deutschland erobern. Das wird hart. Nicht nur für ihn.
Die Schlacht um die Macht hat begonnen – reichlich früh (die Wahl ist erst Ende September) und in einer denkbar ungünstigen Zeit. Die Industrie liegt darnieder wie noch nie in den vergangenen 60 Jahren, der Autohandel lebt hauptsächlich von der staatlichen Abwrackprämie, Kurzarbeit ist ein Massenphänomen. Während die Union noch eiert, packt die SPD längst ihren Präsentkorb für die Wähler. Doch die Wähler sind nicht dumm. Sie wissen, dass es dieses Mal nicht um Geschenke geht. In diesem Wahlkampf geht es darum, wem sie zutrauen, die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen – und zwar ohne dass der Staat danach pleite ist.
Verlierer SPD, Gewinner FDP
Für keine Partei sieht es gut aus. Auf die Frage „Welche Partei kann am besten die wirtschaftlichen Probleme lösen?“ lautet in einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen die häufigste Antwort „keine Partei“. Noch eindeutiger sind die Wähler, wenn sie die Rettungspläne der vergangenen Monate bewerten. Jeder zweite hält laut Forsa das zweite Konjunkturpaket der Regierung nicht für geeignet, die Wirtschaftskrise zu bewältigen. Rund 60 Prozent finden die Abwrackprämie falsch. Mehr als die Hälfte hält es nicht für vertretbar, dass der Staat sich so hoch verschuldet, um sich der Wirtschaftskrise entgegenzustemmen.
Immerhin: Noch hat die Krise das Wahlverhalten nicht vollkommen durcheinandergeworfen. Verlierer ist bislang vor allem die SPD, die den Linksruck der CDU verkraften muss, Gewinner die FDP, die vom Linksruck der Union profitiert. Doch viel mehr Unheil dräut, das wissen beide großen Parteien. Und zwar dann, wenn die Deutschen über „die Krise“ nicht mehr nur in der Zeitung lesen, sondern sie selbst erfahren: wenn sie ihren Job verlieren. „Wenn der wirtschaftliche Abschwung real erfahrbar wird, dann werden die Wähler reagieren“, sagt Forsa-Chef Manfred Güllner. Verlierer sind dann die regierenden Parteien, denen das Unheil zugerechnet wird.
Die Zahl der Wechselwähler steigt
Es ist die größte Ungewissheit in dieser Wahl, dass keiner sagen kann, was bis September noch passiert. Sicher ist: Viele Unternehmen, in denen es jetzt Kurzarbeit gibt, werden das nicht mehr lange durchhalten. Im Sommer steht eine Entlassungswelle bevor, da sind sich die Ökonomen einig. „Die Arbeitslosenquote wird dadurch von 7,2 auf etwa 8,1 Prozent steigen“, prognostiziert etwa das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Das klingt nicht viel, ist aber doch ein gewaltiger Sprung, wenn er innerhalb weniger Monate geschieht.
Dieser Sprung wird die Wahl entscheiden, das hat auch damit zu tun, dass die Deutschen seit einigen Jahren anders wählen: Die Zahl der Wechselwähler steigt. Nur noch 30 Prozent der Deutschen machen zu jeder Wahl bei derselben Partei ihr Kreuz. Wechselwähler aber fällen ihre Entscheidung kurzfristig: „Die letzten Wochen vor der Wahl spielen deshalb eine entscheidende Rolle“, sagt Andrea Wolf von der Forschungsgruppe Wahlen – zumal, wenn es um ein so wichtiges Thema wie den eigenen Job geht.
Länger Kurzarbeitergeld?
Die Wahlkämpfer wissen das. „Die wichtigste Frage ist, was wir tun, um Arbeitsplätze zu sichern“, sagt Karl-Josef Wasserhövel, der den Wahlkampf der SPD managt. Er meint damit Versprechungen im Wahlprogramm. Doch die Frage könnte sich genauso auf die Monate vor der Wahl beziehen: Was können die Parteien jetzt noch schnell tun, damit es bis September nicht so richtig schlimm wird? Immerhin sind die beiden Großen an der Regierung und können – wenn sie wollen – noch mehr Milliarden ausgeben, um Menschen scheinbeschäftigt zu halten.
Längst grübelt die Regierung darüber. Zwei Optionen hält sie in der Hinterhand: die Verlängerung des Kurzarbeitergelds auf 24 Monate oder ein weiteres, ein drittes Konjunkturpaket. Ersteres fordert die Union, es wird aber für die nächsten Monate kaum helfen, da das Kurzarbeitergeld heute schon 18 Monate lang und damit weit über den Wahltermin hinaus gezahlt werden kann. Ein weiteres Konjunkturpaket hingegen könnte die Beschäftigung zumindest bis zum September künstlich halten, wäre aber teuer. Außerdem war schon das zweite Paket in der Bevölkerung unbeliebt. Für die Politiker ist es die Wahl zwischen Pest und Cholera.
Das Finanzpolster schmilzt rasant
Die Parteien zögern deshalb. „Wir haben unseren Beitrag jetzt erst einmal geleistet, und der muss wirken“, sagt Angela Merkel. Doch es ist kein Zufall, dass die Kanzlerin für den kommenden Mittwoch einen Konjunkturgipfel einberufen hat. Ökonomen, Gewerkschafter und Top-Manager sollen dort berichten, wie es weitergeht und wie viele Arbeitsplätze bedroht sind. Noch immer sind die Banken nicht gerettet, ist das Vertrauen nicht zurückgekehrt. Noch immer ist nicht klar, ob der Höhepunkt der Krise womöglich noch vor uns liegt.
Bis zum Herbst kann es eng werden. Schon jetzt geht der Bundesagentur für Arbeit das Geld aus. Voraussichtlich von Oktober an wird sie auf ein Darlehen des Bundes angewiesen sein. Die Nürnberger Behörde erklärt das mit einer Umstellung der Finanzierung: Der Bundeszuschuss für ihre Kasse kommt künftig später. In guten Zeiten wäre diese Korrektur der Anstalt nicht zum Problem geworden. Doch nun steigen die Ausgaben für Kurzarbeit und Arbeitslosengeld, das Finanzpolster schmilzt rasant, und es ist keine Besserung in Sicht. Dieser Wahlherbst wird heiß werden.
Die Präsente zur Wahl: Was Union und SPD planen, um die Wähler auf ihre Seite zu ziehen:
Union:
- Steuersenkungen: Die Union will die Steuern senken - um wie viel, darüber gibt es noch keinen Beschluss. Aus der CSU hieß es, es sei an eine Entlastung um 25 bis 30 Milliarden Euro gedacht. Man will den Eingangssteuersatz auf zwölf Prozent, den Mittelsteuersatz auf 23 Prozent senken.
- Kurzarbeit verlängern: Um die Lage auf dem Arbeitsmarkt zu entspannen, schlägt die Union vor, die Bezugsdauer von Kurzarbeitergeld von 18 auf 24 Monate zu verlängern. Ob vor oder nach der Wahl, das ist allerdings noch unklar.
- Basel II auf den Prüfstand: Die Basel-II-Regelungen zur Bankenbilanzierung verschärften die Krise, argumentiert die Union. Zu starre Regelungen brächten die Gefahr, dass Unternehmen der Kredithahn zugedreht werde. Basel II gehöre daher „auf den Prüfstand“. Was auch immer das heißt.
- Solidaritätszuschlag streichen: Aus der CDU Baden-Württemberg kam der Vorschlag, nach der Wahl den Solidaritätszuschlag zu streichen. Eine alte Forderung der Union, die aber noch nicht offiziell Bestandteil eines Wahlprogramms ist.
SPD:
- Bonus für die kleinen Leute: Nicht die Banker sollen Boni bekommen, sondern die kleinen Leute, argumentiert die SPD. Und will eine Prämie von 300 Euro an diejenigen zahlen, die keine Nebeneinkünfte haben - und deshalb keine Steuererklärung abgeben.
- Reichensteuer: Die Verursacher der Krise sollen für die Beseitigung ihrer Folgen zur Kasse gebeten werden, argumentiert die SPD. Dafür will sie den Spitzensteuersatz von 45 auf 47,5 Prozent anheben. Die Einkommensgrenze, von der an dieser Steuersatz gilt, soll halbiert werden.
- Börsenumsatzsteuer: Kurzfristige Spekulation muss eingedämmt werden, argumentiert die SPD. Und will die Börsenumsatzsteuer wieder einführen, die 1991 abgeschafft worden war. Von einem Umsatz von 1000 Euro an sollen 0,5 Prozent an den Fiskus abgeführt werden.
- Mindestlohn: Als Konjunkturprogramm will die SPD einen flächendeckenden Mindestlohn für alle Branchen in Höhe von 7,50 Euro durchsetzen. Außerdem soll der Eingangssteuersatz von 14 auf weniger als zwölf Prozent gesenkt werden.
sibi.
Lisa Nienhaus Jahrgang 1979, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Jüngste Beiträge
Christian Siedenbiedel Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Jüngste Beiträge
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.692,96 | −1,41% |
| FAZ-INDEX | 1.495,13 | −1,32% |
| TecDAX | 769,89 | −0,43% |
| MDAX | 10.249,10 | −1,04% |
| SDAX | 4.985,13 | −0,71% |
| REX | 421,06 | −0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.480,76 | −1,65% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,01 | −1,60% |
| Dow Jones | 12.801,20 | −0,69% |
| Nasdaq 100 | 2.547,32 | −0,65% |
| S&P500 | 1.342,64 | −0,69% |
| Nikkei225 | 8.947,17 | −0,61% |
| EUR/USD | 1,3195 | −0,67% |
| Rohöl Brent Crude | 117,61 $ | −0,91% |
| Gold | 1.711,50 $ | −2,09% |
| Bund Future | 138,62 € | +1,01% |