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Wirtschaftskrise Der afrikanische Traum ist zu Ende

26.03.2009 ·  Fünf Jahre lang profitierte der afrikanische Kontinent von einem selten zuvor gesehenen Rohstoffboom - jetzt in der Krise fallen die Preise. Doch darauf sind die Staaten nicht eingestellt. Selbst Diamanten und Gold können sich dem Abschwung nicht entziehen.

Von Claudia Bröll und Thomas Scheen, Johannesburg
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Es ist noch nicht lange her, als es in der kongolesischen Stadt Lubumbashi nahezu alles zu kaufen gab: von frischen namibischen Austern bis hin zu „grau“ importierten südafrikanischen Autos. Dank des Rohstoffbooms in den vergangenen Jahren hat sich Lubumbashi zu einer der teuersten Städte des afrikanischen Kontinents entwickelt. Nahezu alle großen Bergbaukonzerne der Welt buhlten damals um die immensen Vorräte an Kupfer, Kobalt, Zink und Uran in Kongo. Alleine der amerikanische Konzern Phelps Dodge investierte mehr als 2 Milliarden Dollar in eine Kupfermine.

Heute herrscht in Lubumbashi wieder Arbeitslosigkeit. 40 Kupferschmelzen, die von chinesischen Zwischenhändlern betrieben wurden, sind aufgegeben worden und ihre Besitzer „über alle Berge“, wie es der Gouverneur der Provinz Katanga, Moïse Katumbi, formuliert. Mindestens 10.000 Arbeiter haben in der ohnehin von jahrelangem Krieg und jahrzehntelanger Misswirtschaft geprägten Region ihre neuen Arbeitsplätze schon wieder verloren. Auch die großen Konzerne machen dicht: Die in Toronto gelistete Katanga Mining Limited hat die Produktion von Kobalt aus der erst im März 2007 in Betrieb genommenen Kamoto-Mine gestoppt und baut ihre Lagerbestände ab. Die in London notierte Camec hat in ihrer Mukando-Konzession bei Lubumbashi neben der Kobaltproduktion auch die Förderung von Kupfer eingestellt. Das Unternehmen konzentriert sich jetzt auf seine Lastwagen-Flotte: Die Autos sollen Hilfslieferungen des Welternährungsprogramms transportieren.

Entwicklungsbemühungen könnten zunichtegemacht werden

Wie Kongo ergeht es derzeit auch den übrigen afrikanischen Ländern. Der Wirtschaft vieler Länder steht durch die Rezession der Weltwirtschaft eine schwere Krise bevor - mit unabsehbaren Folgen für die Armen des Kontinents. Das Wirtschaftswachstum in Afrika werde auf weniger als 3 Prozent sinken, prognostizierte der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn, vor kurzem auf einer IWF-Konferenz in der tansanischen Hauptstadt Daressalam. Mehr als 50 Millionen Menschen, viele davon in Afrika, könnten dadurch in absolute Armut zurückfallen. Ein großer Teil der Entwicklungsbemühungen in den vergangenen Jahren wäre damit zunichtegemacht. Vor allem der rapide Verfall der Rohstoffpreise setzt dem Kontinent zu, weil viele Länder immer noch von einem oder wenigen Bodenschätzen abhängig sind.

Bis vor kurzem hofften die Afrikaner, von der Finanzkrise verschont zu bleiben, weil die Länder eine Außenseiterrolle auf den internationalen Kapitalmärkten spielen. In der Tat gab es bisher keine staatlichen Rettungspakete für Banken. Während Finanzinstitute in Europa, Asien und den Vereinigten Staaten im vergangenen Jahr hohe Verluste verbuchten, wiesen die vier größten südafrikanischen Banken Gewinne aus, die Absa-Bank sogar einen Gewinnanstieg.

Von einem Lohn leben zehn Menschen

Über den Rückgang der Rohstoffexporte trifft die internationale Wirtschaftskrise den Kontinent jetzt jedoch mit voller Wucht. „Wir befinden uns in dem schwierigsten makroökonomischen Umfeld seit Menschengedenken“, sagte der Chef der südafrikanischen Bank First-Rand, Paul Harris, „wir können die internationale Entwicklung nicht auf die leichte Schulter nehmen.“ Zuvor stark nachgefragte Bodenschätze wie Kupfer, Eisenerz, Platin oder Nickel verbilligten sich im vergangenen Jahr innerhalb von nur sechs Monaten um bis zu 70 Prozent. Auch die Preise für Diamanten sanken - zum ersten Mal seit zehn Jahren. Da sich die kostenintensive Förderung der Bodenschätze bei diesen Preisen kaum noch lohnt, werden Bergwerke geschlossen, Investitionspläne auf Eis gelegt und ganze Belegschaften entlassen. Arbeitsplatzabbau ist in Afrika besonders schwerwiegend, weil von einem Lohn durchschnittlich zehn Menschen ernährt werden.

Wie für den Rest der Welt kam die Krise für Afrika überraschend. Fünf Jahre lang profitierte der Kontinent von einem selten zuvor gesehenen Rohstoffboom, während dessen sich die Preise für einige Rohstoffe verdreifachten. Das Edelmetall Rhodium etwa verteuerte sich seit den neunziger Jahren um 3000 Prozent. Die Nachfrage nach Bodenschätzen vor allem in China und Indien schien unersättlich. Das bescherte Afrika in den vergangenen drei Jahren ein Wirtschaftswachstum von knapp 6 Prozent im Jahr. Viele Regierungen versäumten es jedoch, sich mit einer Diversifizierung der Wirtschaft auf das Ende des Booms einzustellen.

Harter Schlag für Diamantenexporteure

Das Vorzeigeland Botswana beispielsweise - von manchen als „afrikanische Schweiz“ bezeichnet - bestreitet ein Drittel seines Bruttoinlandsprodukts aus dem Verkauf von Diamanten. Zum Export steuern die wertvollen Steinchen 75 Prozent bei. Der Rest entfällt auf wenig schillernde Produkte wie Rindfleisch oder Glas. Dem Fund von Diamanten vor etwa 40 Jahren hat es das Land zu verdanken, dass es sich von einem der ärmsten zu einem der reichsten Länder Afrikas entwickelte. Entsprechend ist es für Botswana ein harter Schlag gewesen, als der mit weitem Abstand führende Diamantenkonzern De Beers im Februar mitteilte, die gesamte Förderung mindestens bis Mitte April einzustellen und eine Mine sogar bis Ende des Jahres zu schließen. Im vergangenen Jahr noch investierte De Beers umgerechnet etwa 60 Millionen Euro in die „Diamond Trading Company Botswana“, um in dem afrikanischen Staat die größte Diamantenpolier- und -sortierstätte der Welt zu schaffen. Statt Rohdiamanten zum Schleifen nach Antwerpen oder Indien zu verschiffen, sollte Botswana von der Weiterverarbeitung profitieren. Mindestens 3000 neue Arbeitsplätze kündigte De Beers bis Ende dieses Jahres an. Heute ist davon keine Rede mehr. Ähnliches gilt für Namibia, das ebenfalls von seinen Diamantenexporten lebt, und für Moçambique mit seinen immensen Bauxitvorkommen.

In Angola wiederum, das aufgrund der Diamanten- und Ölvorkommen in den zurückliegenden Jahren zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt gehörte, musste die Regierung die dringend benötigten Investitionen in die durch jahrzehntelangen Bürgerkrieg völlig zerstörte Infrastruktur drastisch reduzieren, nachdem der Preisverfall bei Rohöl große Löcher in die Haushaltsplanung gerissen hatte. Angola ist inzwischen noch vor Nigeria der größte Ölproduzent des Kontinents. Der staatliche Ölkonzern Sonangol verschob seine geplante Notierung an den Börsen von Johannesburg und New York und damit geplante Investitionen in neue Raffinerien. Daneben bringt der zweite Devisenbringer des Landes, Diamanten, ebenfalls kaum noch Einnahmen. Angola ist der fünftgrößte Produzent der Edelsteine in aller Welt. Der russische Konzern Alrosa kündigte an, seine angolanischen Minen schließen zu wollen, weil die Betriebskosten die Erträge längst übertreffen. Angesichts der ohnehin schon großen Arbeitslosigkeit prüft die Regierung derzeit, die Produktion in den Minen mit kurzfristigen Krediten für die Minenbetreiber zu garantieren.

Minen an der Verlustgrenze

In Sambia, das wie Botswana von einem einzigen Rohstoff - in diesem Fall Kupfer - abhängt, stehen die Zeichen ebenfalls auf Sturm. Dort befinden sich zurzeit 20 Explorationen in einem mehr oder weniger fortgeschrittenen Stadium, doch selbst Bergbauminister Kalombo Mwansa glaubt kaum noch daran, dass sich diese Explorationen in neue Minen verwandeln. Dabei bestreitet Sambia 85 Prozent seiner Exporterlöse mit Kupfer und Kobalt. Die Bergwerke stellen jeden zehnten Arbeitsplatz im Land. Die meisten Minen arbeiten aber angesichts des dramatischen Preisverfalls für das rote Metall inzwischen an der Verlustgrenze. Der Preis für Kupfer ist von mehr als 9000 Dollar je Tonne auf rund 3000 Dollar gefallen und macht den Betrieb vor allem von Untertageminen unrentabel. Analysten gehen davon aus, dass Sambia in diesem Jahr 2 Prozent seines Bruttosozialproduktes einbüßen wird.

Auch die stärkste Volkswirtschaft Afrikas, Südafrika, kann sich dem Abschwung nicht entziehen. Einige Volkswirte erinnern bereits an die Rezession des Jahres 1985. Damals hatten die Sanktionen gegen das Apartheidregime das Land von der Weltwirtschaft und den internationalen Kapitalmärkten abgeschnitten und zu einem Rückgang des Pro-Kopf-Einkommens um mehr als 10 Prozent innerhalb einer Dekade geführt. Zwar rechnet Südafrikas Finanzminister Trevor Manual in diesem Jahr noch mit einem Wachstum von etwas mehr als 1 Prozent nach 3,1 Prozent im Jahr zuvor, vor allem getrieben von den vielen Infrastrukturprojekten für die Fußball-WM 2010. Banken wie Merrill Lynch jedoch sehen das Land am Rande einer Rezession. Im vierten Quartal vergangenen Jahres schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt bereits um 1,8 Prozent. Es war der erste Rückgang seit zehn Jahren.

Die Lösung: Der heimische Marula-Baum

Unter den südafrikanischen Rohstoffunternehmen haben vor allem die Platinproduzenten zu kämpfen. Die Hälfte des silbrigen Metalls wird in der Autoindustrie für Katalysatoren eingesetzt. Marktführer Anglo Platinum will allein 10.000 Arbeitsplätze streichen, der drittgrößte Platinproduzent Lonmin kürzt in Südafrika 5500 Stellen. Insgesamt rechnen die Gewerkschaften mit dem Abbau von bis zu 50.000 Arbeitsplätzen. In Südafrika liegt die offizielle Arbeitslosenquote bereits jetzt bei 23 Prozent. Auch das Verarbeitende Gewerbe - Südafrika ist der einzige Staat in Afrika mit einer nennenswerten Industrie - kann diese Verluste nicht wettmachen. Die Produktionszahlen in diesem Wirtschaftszweig fielen jüngst sogar noch schlechter aus als im Bergbau. Die Autoindustrie forderte staatliche Hilfe an. Einzig für Südafrikas Goldschürfer sind die Bedingungen günstig, weil Gold in Krisenzeiten stark nachgefragt wird. Impulse für den Arbeitsmarkt werden aber wohl auch von diesem Sektor nicht ausgehen. Seit Jahren sinkt die Goldproduktion. Weil die Vorkommen schwinden, wird die Förderung immer teurer.

Wie viele Länder versucht Südafrika sich mit höheren Staatsausgaben gegen den Abschwung zu stellen. Außerdem hofft es, dass die Krise spätestens zur Fußball-Weltmeisterschaft zu Ende geht. Auf lokaler Ebene mühen sich die Provinzregierungen unterdessen verzweifelt, schnell Alternativen zum Rohstoffsektor ausfindig zu machen. In der nördlichen Provinz Limpopo etwa geht gerade die Sorge um, dass die größte Kupfermine und einer der wichtigsten Arbeitgeber in der Region demnächst die Tore schließt. „Wir haben unsere Leute schon über die möglichen Konsequenzen aufgeklärt“, sagte ein Minister, „gegen die globale Rezession können wir wenig ausrichten.“ Allerdings gebe man den Bürgern den Rat, künftig auf ein anderes natürliches Produkt zu setzen: auf den heimischen Marula-Baum. Langfristige Pläne lägen bereits in der Schublade, wie die Früchte des Baumes weiterverarbeitet und international vermarktet werden könnten. „Die Marula-Frucht hat viele wirtschaftliche Nebeneffekte, vor allem für die ländliche Bevölkerung“, wirbt der Minister, „wir ermutigen unsere Bürger daher, mehr Bäume zu pflanzen.“ Wie hoch das Marktpotential für diese Produkte wäre, lässt er offen. Mit Kupfer können sie es wohl nicht aufnehmen. Die schnell gärende Marula-Frucht wird vor allem für Amarula-Likör verwendet.

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Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Afrika mit Sitz in Johannesburg.

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