02.07.2005 · Bestechen, unterschlagen, betrügen: die Wirtschaftskriminalität nimmt zu. Viele Unternehmen haben die eigene Sicherheit bislang vernachlässigt. Diese Entwicklung hat einen neuen Markt für Berater geschaffen.
Von Johannes RitterHelmuth Schuster stand eigentlich noch nicht am Ende seiner Karriere. Dem 51 Jahre alten Personalvorstand des tschechischen Autobauers Skoda wurden höhere Weihen beim Mutterkonzern Volkswagen zugetraut. Doch daraus wird nichts. Mitte Juni mußte Schuster das Unternehmen verlassen. Seinen früheren Arbeitgeber wird er aber wiedersehen: vor Gericht. VW hat Strafanzeige erstattet, denn Schuster soll Schmiergelder von Lieferanten erhalten haben.
Dies ist nur einer von vielen Betrugsfällen in Unternehmen, von denen nur wenige überhaupt an die Öffentlichkeit gelangen. „Wirtschaftskriminalität wird für Unternehmen zu einem immer größeren Sicherheits- und Finanzproblem“, sagt Thorsten Mehles, Vorstandschef der Hamburger Prevent AG.
Die Gründung der Prevent AG im Jahr 2002 beruht auf einer Initiative der Wirtschaft. Bei der Verfolgung von Wirtschaftskriminellen allein auf die - zuweilen mit Getöse auftretenden - staatlichen Ermittler oder - manchmal wenig vertrauenswürdigen - privaten Detektivbüros zu setzen, erschien vielen Unternehmen zu riskant. Also suchten Spitzenvertreter der Kreditanstalt für Wiederaufbau und der Bank Credit Suisse First Boston nach erfahrenen und seriösen Spezialisten aus den Reihen der öffentlichen Strafverfolgungsbehörden, die bereit waren, ihren sicheren Beamtenjob zugunsten eines privaten Beratungsunternehmens aufzugeben.
Leiter der Abteilung für Organisierte Kriminalität
Dabei wurden sie fündig: Thorsten Mehles leitete die Abteilung Organisierte Kriminalität beim Bundesnachrichtendienst, ehe er an die Spitze von Prevent wechselte. Der Leiter des gerade neu eröffneten Münchener Büros ist Joseph Niemann, ein bundesweit anerkannter Ermittler auf dem Feld der Organisierten Kriminalität, der vorher Chef des Münchener Landeskriminalamts (LKA) war. Zu den weiteren Führungskräften zählen Volker Schmidt, früher Leiter der LKA-Ermittlungsabteilung Staatsschutz, und Lutz Krüger, zuletzt Leiter des Bereichs Strukturermittlung im LKA Hamburg. Insgesamt arbeiten 22 Fachleute für die Prevent AG, bis Mitte 2006 sollen es 35 sein. Das Kapital des Unternehmens liegt bei bedeutenden deutschen Unternehmerfamilien sowie in Händen des Managements.
Prevent berät Unternehmen in strategischen Sicherheitsfragen, sucht (und findet) Übeltäter, die sich zu Lasten ihres Arbeitgebers bereichern. „Damit agieren wir in einem Wachstumsmarkt“, sagt Mehles mit Blick auf den registrierten Schaden von 6,8 Milliarden Euro, den Wirtschaftskriminalität in Deutschland allein im Jahr 2003 verursacht habe. „Und das ist nur die Spitze des Eisbergs“, sagt Mehles und verweist auf das vermutlich weitaus größere Dunkelfeld. Dabei spricht er aus Erfahrung: Bevor er 2002 auf Initiative der Wirtschaft mit Prevent an den Start ging, spürte Mehles im Staatsauftrag Bösewichten nach. Er war Leiter der Abteilung für Organisierte Kriminalität im Hamburger Landeskriminalamt und beim Bundesnachrichtendienst (BND) in Pullach.
„Ein neuralgischer Punkt ist der Einkauf“
In den drei Jahren nach Gründung habe Prevent bereits mehr als ein Dutzend der 30 Unternehmen im Deutschen Aktienindex beraten und sich als bundesweit führender Anbieter in der strategischen Sicherheitsberatung etabliert, sagt Mehles. Kundennamen dürfe er wegen der vereinbarten Vertraulichkeit nicht nennen. Nur über einen - bereits abgeschlossenen - Fall gibt Mehles Auskunft: den größten Fall von Software-Piraterie, den es hierzulande je gegeben hat. Zwischen 2001 und 2003 hat eine Gruppe deutscher Geschäftsleute aus der Computerbranche in großem Umfang gefälschte Microsoft-Produkte vertrieben und damit einen Schaden von mehreren hundert Millionen Euro verursacht.
In einem internationalen Team aus spezialisierten Rechtsanwälten, Microsoft-Experten, Bundeskriminalamt und Staatsanwaltschaft ermittelte Prevent zwölf Monate lang, ohne daß die Betrüger davon Wind bekamen und mitsamt der ergaunerten Millionen (Mehles: "Die fuhren Bugatti und lebten in Saus und Braus") das Weite suchen konnten. Dann schnappte die Falle zu; der Haupttäter ist inzwischen zu sieben Jahren Haft verurteilt worden.
Produktpiraten kommen meist von außen. „Nicht minder gefährlich sind freilich die Täter, die im Unternehmen arbeiten und damit die Strukturen und vor allem die Kontrollmechanismen genau kennen. Daher glauben sie, das Risiko, entdeckt zu werden, gut einschätzen zu können“, erläutert Mehles und nennt ein klassisches Beispiel für strukturellen Betrug auf Basis von Insiderwissen: Ein leitender Mitarbeiter gründet eine Scheinfirma, erfindet Kreditoren und läßt am Ende Geld auf eigene Konten überweisen. „Ein neuralgischer Punkt ist der Einkauf. Denn wenn lukrative Aufträge in Millionenhöhe vergeben werden, bestehen höchste Bestechungsrisiken.“
„Risikofaktor Mensch“
Mal wird das Ferienhaus im Ausland auf Kosten des Auftragnehmers renoviert, mal fließt ein Teil des Kaufpreises für die Lieferungen über Umwege in die Taschen des Auftraggebers. Viele Unternehmen legten zwar großen Wert auf IT-Sicherheit, unterschätzten aber den „Risikofaktor Mensch“. Unter den überführten Tätern fänden sich häufig Mitarbeiter, die sich vom Unternehmen vermeintlich ungerecht behandelt fühlten: die ausbleibende Beförderung, das Vorbeiziehen anderer Kollegen auf der Karriereleiter, das Ausbleiben von Tantiemen und Bonuszahlungen. Das Konstrukt an Rechtfertigungen sei oft so groß, daß Wirtschaftskriminelle selbst bei Überführung nur ein äußerst geringes Maß an Unrechtsbewußtsein an den Tag legten.
Manchmal werden Mitarbeiter aber auch von außen zu Schandtaten verleitet. Dabei folgen die Kriminellen zuweilen einem Muster, das an schlechte Spionagefilme erinnert: „Da wird die Prokuristin scheinbar zufällig im Fitness-Studio angesprochen und über 15 bis 18 Monaten hinweg als Quelle aufgebaut“, sagt Mehles. Der Aufwand scheint sich zu lohnen: „Wir leben in einer Zeit, in der Informationen zu einer Ware geworden ist, die über den Fortbestand eines Unternehmens im Markt entscheidet. Wenn es um die eigene Existenz geht, sinkt die Hemmschwelle, mittels illegaler Praktiken an diese Informationen heranzukommen.“ Ein gutes Betriebsklima schützt nicht zwangsläufig vor Betrug. Nach Mehles' Beobachtungen sind Unternehmen, in denen es ein starkes soziales Miteinander gibt, in einem Aspekt sogar besonders gefährdet. Dort werde das verdächtige Verhalten eines Kollegen wegen der menschlichen Nähe zueinander oft nicht richtig ernst genommen und schon gar nicht an höhere Stellen weitergeleitet.
Unregelmäßigkeiten in zwei Dritteln der Fälle
„Eines der wirksamsten Instrumente zum Schutz vor Kriminellen ist Prävention. Das haben leider viele Unternehmen noch nicht erkannt“, sagt Mehles. Schon wenige intelligente Weichenstellungen im Sicherheitsmanagement reichten aus, um den Schutz des Unternehmens deutlich zu erhöhen. Wichtig sei zudem eine starke Durchsichtigkeit der internen Unternehmensprozesse: „Nichts scheut ein Wirtschaftskrimineller mehr als transparente Prozesse. Denn schwarze Schafe sieht man nur im Hellen.“ Die meisten Unternehmen hätten kein strategisches Sicherheitsmanagement, das auffälliges Verhalten frühzeitig erkennt.
Die Abteilungen für Unternehmenssicherheit und interne Revision seien in der Regel voll beschäftigt mit ihren „normalen“ Aufgaben und hätten oft weder Zeit noch ausreichende Kenntnisse, um möglichen Betrügereien konsequent nachzuspüren. Daher sieht Mehles auch einen großen Bedarf für externe Expertise, wie Prevent sie biete. „Zu unserem Team zählen internationale Bilanzexperten, die auf Tausenden von Buchungsseiten die eine Luftbuchung entdecken, die einen Verdacht zum Beweis macht.“ Zur Erfolgsquote von Prevent stellt Mehles fest: „Je tiefer wir schauen, um so mehr finden wir.“ Nicht immer jedoch erhärtet sich ein Betrugsverdacht: Bei rund einem Drittel der bislang bearbeiteten Fälle habe Prevent kein wirtschaftskriminelles Handeln festgestellt. In zwei Dritteln der Fälle habe man hingegen Unregelmäßigkeiten entdeckt, wobei davon nur rund die Hälfte auch justitiabel gewesen sei.
„Ob ein Mitarbeiter, der unterschlagen oder betrogen hat, am Ende auch vor Gericht gebracht wird, hängt vom Zustandekommen des Falls ab.“ Mit anderen Worten: Wenn Mitarbeiter auf „krummer Tour“ allzu leichtes Spiel hatten, ist das peinlich für das geschädigte Unternehmen. Wegen des drohenden Imageschaden verzichtet es auf eine Strafanzeige. Mehles erkennt allerdings eine wachsende Bereitschaft der Unternehmer, bei entsprechendem Nachweis auch rechtliche Schritte zu ergreifen. Denn nur so könnten die Täter auch zum Schadensersatz verpflichtet werden. Außerdem gebe man damit ein deutliches Signal nach innen und außen: „Übeltäter, aufgepaßt! Integrität ist nicht verhandelbar.“
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.788,80 | +0,59% |
| FAZ-INDEX | 1.515,08 | +0,60% |
| TecDAX | 773,23 | −0,05% |
| MDAX | 10.356,30 | +0,39% |
| SDAX | 5.020,58 | +1,11% |
| REX | 421,13 | +0,02% |
| Eurostoxx 50 | 2.522,34 | +0,37% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 81,31 | +0,42% |
| Dow Jones | 12.890,50 | +0,05% |
| Nasdaq 100 | 2.563,93 | +0,72% |
| S&P500 | 1.351,95 | +0,15% |
| Nikkei225 | 8.947,17 | −0,61% |
| EUR/USD | 1,3257 | −0,20% |
| Rohöl Brent Crude | 118,10 $ | −0,50% |
| Gold | 1.748,00 $ | +0,11% |
| Bund Future | 137,41 € | +0,13% |