22.11.2006 · Junge Tibeter schmücken sich mit Tigerfellen, um ihren Reichtum zu zeigen. Die Raubtiere sind extrem bedroht; auch ihre Zähne und Knochen sind ein kleines Vermögen wert. Jetzt hat sich sogar der Dalai Lama eingeschaltet, um die Tiger zu retten.
Von Christoph HeinNein, fotografieren lassen mag sich Belinda Wright nicht. Sie muß unerkannt bleiben, will sie ihrer Arbeit nachgehen. Die Chefin der indischen Schutzgesellschaft für Wildtiere arbeitet oft unter falschem Namen, mit erfundenem Lebenslauf, gefärbten Haaren oder unter dem Schutz eines Schleiers. Nur so kann sie sich unter jenen bewegen, die sie haßt: marodierende Wilderer, Hehler und Händler, die getötete Wildtiere verschachern.
Belinda Wright hat eine Mission: die Rettung des indischen Tigers. Zwar ist der seit 1972 durch Gesetze geschützt. Doch Wilderer könnten ihn bald schon ausgerottet haben. Denn der Tiger hat einen neuen, natürlichen Feind. Die Neureichen Chinas wollen ihn mit Haut und Haar. Sein Fell wird als Luxusaccessoire getragen. Es bringt mehr als 15.000 Dollar.
Tigerknochen gegen Rheuma
Reitet nicht auch Cai Shen Ye, der Gott des Wohlstands, auf einem Tiger? Die Knochen, die gegen Rheuma und Lähmung helfen sollen, kosten auf dem Schwarzmarkt leicht 550 Dollar das Kilo. Sein Penis, getrocknet, oder gemahlen angeblich Pillen beigemengt, ist mehr als 3000 Dollar wert. Und seine Klauen, seine Zähne, in Halsketten verwandelt oder zu Pülverchen gegen Fieber zerrieben, bringen Wilderern und Hehlern bis zu 900 Dollar das Kilo. Der Tiger ist ein begehrter Rohstoff für zwei Milliarden Menschen.
Allen voran machen sich diejenigen schuldig, deren Landsleute selber verfolgt sind. Die Tibeter, seit der Besetzung ihres Landes durch China ein geschundenes Volk, haben das Tigerfell entdeckt. „Die jungen Männer dort haben neue Statussymbole: Motorräder, Geländewagen, teure Sonnenbrillen und eben das Tigerfell“, sagt Wright. Sie nutzen die Tigerfelle zum Schmuck ihrer Chuba, des Festgewandes.
Laxe Strafverfolgung
In Indien lebt mit noch knapp 2000 Tigern die größte Population der Erde. Doch aus Sicht eines Wilderers ist Indien, dank seines immer noch hohen Tigerbestandes, seiner laxen Strafverfolgung und seiner Nähe zum Absatzmarkt China, der perfekte Ort für das blutige Gewerbe. „Wenn die Gerichtsverhandlung eines einzigen Falles mehr als 15 Jahre dauert, wirkt das nicht gerade abschreckend. Und eine Strafe von 400 Dollar für ein Fell, das bis zu 15.000 Dollar bringt, wird lächelnd bezahlt“, sagt Debbie Banks von der Investigativen Umwelt-Agentur in London.
Im Februar 2005 rotteten Wilderer die gesamte Tigerpopulation im Sariska-Reservat in Rajasthan aus. „Es gibt zwei Arten von Tigerjägern“, sagt Wright: „Die nomadisierenden Jäger und lokale Gruppen, die aber erst zum Töten der Tiger gebracht werden müssen.“ Die umherziehenden Jäger nähen die Häute in Matratzen ein, ihre Frauen verstecken sie unter ihren weiten Kleidern, sie versenden sie in Paketen auf dem Postweg oder lassen sie von bestochenen Militärs auf deren Lastwagen transportieren. Meistens gehen die Felle von Delhi nach Nepal, von dort über Himalajapässe und jahrhundertealte Handelswege nach Tibet.
„Man muß von einer Mafia sprechen“
Der Preis für die Tierhaut steigt um 900 Prozent von Station zu Station. Oft lassen sich die Händler auf Barterhandel, auf Tauschgeschäfte ein, etwa gegen wertvolle Shatoosh-Wolle der ebenfalls unter Artenschutz stehenden Tibet-Antilope. Aus ihren Haaren entstehen die Paschmina-Schals, Statussymbol der Damen der westlichen Schickeria. So geht der Handel mit dem illegal erlegten Tiger und der illegal erlegten Tibet-Antilope Hand in Hand.
Die Hehler, nicht die Wilderer, sind diejenigen, die das ganz große Rad drehen. „Man muß von einer Mafia sprechen“, sagt Wright. Mit Sansar Chand wurde der schlimmste der indischen Händler im vergangenen Jahr verhaftet. Mit seinen Familienmitgliedern - seine Frau Rani Saini ist Politikerin und wurde wie auch ihr Sohn ebenfalls verhaftet - soll er Hunderte von Tieren gewildert haben. 57 Anklagen in neun Bundesstaaten laufen gegen ihn. Was Chand und seine Konkurrenten verscherbeln, landet, oft noch in indische Tageszeitungen eingewickelt, schließlich in Tibets Hauptstadt Lhasa, in Sichuan, in Gansu bei tibetischen und chinesischen Händlern.
Pilze für die Finanzierung
Dutzende Läden entlang der berühmten Touristenmeile Barkhor in Lhasa bieten die unter Schutz stehenden Häute offen an. Wie aber finanzieren die Tibeter den Kauf der Felle? Viel Geld häufen die Einheimischen über den Verkauf von Yasa Gombe an, einem seltenen Pilz. Zwischen April und Juli in den Himalaja-Hochebenen gesammelt, ist sein Preis pro Kilogramm innerhalb einer Dekade von rund 400 auf nun 6000 Dollar gestiegen. Nicht zuletzt, weil die chinesischen Leichtathletik-Weltrekordlerinnen Wang Yunxia und Qu Yunxia erklärten, den Pilz zur Förderung ihrer Leistung zu nutzen.
Seit Jahrhunderten ist der „Cordyceps sinensis“ in der traditionellen chinesischen Medizin, aber auch bei japanischen Ärzten heiß begehrt. Manchen Nomaden bringt das Pilzesammeln die Hälfte ihres Einkommens. „Das Geld stecken sie nun in den Kauf der Felle von Tiger, Leopard oder Otter, um aus ihnen ihre Chubas zu nähen“, sagt der indische Umweltschützer und Berater des Obersten Gerichts in Umweltfragen, Valmik Thapar.
Der Dalai Lama schaltet sich ein
Zwar ist der Handel mit Tigerfellen auch in China offiziell verboten. Doch dürfte es Peking nicht unrecht sein, wenn die tibetische Jeunesse dorée ihre Statussymbole zur Schau stellt. Denn Peking will Tibet entwickeln. Und wirtschaftlicher Wohlstand gehört dazu. „99 Prozent der Felle der in Indien gewilderten Tiger gehen nach Tibet“, schätzt Wright. Längst ist das Fell im besetzten Land zum Politikum geworden. „In meiner Heimat ist es seit etwa Mitte der neunziger Jahre Mode geworden, die Chubas mit Tigerfellen zu verzieren oder ganz aus ihnen zu schneidern. Viele der Träger arbeiten für die chinesische Regierung oder sind Geschäftsleute“, berichtet ein junger Tibeter, der sich Sonam nennt. „Bei öffentlichen Veranstaltungen, gleich ob traditionelle Feste oder Parteiversammlungen, geben die Leute damit an.“
Inzwischen hat auch das geistige Oberhaupt der Tibeter, der von den Chinesen ins indische Exil getriebene Dalai Lama, öffentlich Stellung bezogen: „Manchmal mögen euch chinesische Behörden sogar dazu auffordern, diese Kostüme anzuziehen. Doch das ist nichts als peinlich. Es ist traurig und peinlich, diese Menschen zu sehen, denen es an Ausbildung und Wissen mangelt, die aber mit dem Tragen der Felle von Tigern und Leoparden angeben“, sagt Seine Heiligkeit. „Arme Familien nehmen jetzt Kredite auf, um Felle von gefährdeten Tierrassen zu kaufen. Und einige Exil-Tibeter beteiligen sich am verbotenen Handel. Das zerstört den Ruf unseres Volkes. Das Tragen eines Tigerfells beweist nur die Dummheit seines Trägers.“
Züchten statt jagen?
Sein Ruf verhallte nicht ungehört. Wochen später brachte ein junger Tibeter ein Video über die Grenze nach Dharamsala, den indischen Fluchtort des Dalai Lama. Auf dem zwanzigminütigen Film waren Tausende Tibeter zu sehen, die sich um lodernde Scheiterhaufen versammelten. Auf ihnen verbrannten sie Felle von Ottern, Leoparden und Füchsen. „Die Dörfer beginnen, Tierhäute einzusammeln. In Tibet wird geschätzt, die verbrannten Felle hatten einen Wert von mindestens 3 Milliarden Yuan (298 Millionen Euro)“, berichtet ein Tibeter namens Nagpa dem Mediendienst des Dalai Lama. Nicht nur, daß diese Zahl völlig überzogen erscheint - auch ob die viel wertvolleren Tigerfelle mitverbrannt wurden, ist auf dem Video nicht auszumachen.
Was bleibt zu tun? Barun Mitra hat eine Idee - für ihn leben und sterben auch Tiger nach den Regeln der Marktwirtschaft. „Tiger sind nichts anderes als erneuerbare Ressourcen. Warum züchten wir sie nicht, wenn sie so begehrt sind“, fragt er. Der Direktor des indischen Liberty Institutes in Delhi schlägt - in Übereinstimmung mit chinesischen Politikern - vor, in den nächsten zehn Jahren 100.000 Tiger im Reich der Mitte zu züchten. „Das würde genug Material bringen, um das Wildern überflüssig zu machen“, sagt Mitra.
Die Reisenden als Verbündete
„Unfug“, erwidert Wright. Sie ist aufgebracht, denn Mitra ist einer der Intimfeinde der Linken und Umweltschützer Indiens. „Er wird von Peking bezahlt, diesen Unsinn zu verbreiten“, sagt sie. Aber hat er nicht recht? „Nein. Immer würde das Produkt des Wildtieres vorgezogen werden“, sagt Wright. „Es kostet nur einen Dollar, einen wilden Tiger zu töten. Ihn zu züchten, kostet Tausende. Im Endeffekt führte die Legalisierung des Handels mit Tigerprodukten nur zu dessen vollständiger Ausrottung.“
Was also schlägt die Hüterin der Raubkatzen vor? Auch sie glaubt an die Marktwirtschaft. Und an die Entwicklung Indiens. Deshalb sieht sie in den Reisenden aus dem Westen, die nun den Subkontinent entdecken, die wichtigsten Verbündeten des Tigers: „Er ist das zweitwichtigste Symbol unseres Landes nach dem Taj Mahal. Ihn auszurotten, wäre ein Desaster für die gerade aufkeimende Tourismusindustrie.“
Christoph Hein Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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