27.11.2006 · 250 Millionen Euro Schadenssumme, 282 Straftaten: In Hildesheim beginnt am Dienstag einer der größten Wirtschaftsstrafprozesse der deutschen Nachkriegsgeschichte. Angeklagt ist der Gründer und ehemalige Leiter der Geldtransportfirma Heros.
Eine Schadenssumme von 250 Millionen Euro, 282 Straftaten: Die Wirtschaftsstrafkammer in Hildesheim wird am Dienstag einen der „großen“ Wirtschaftsstrafprozesse der deutschen Nachkriegsgeschichte eröffnen.
Angeklagt sind der Gründer und ehemalige Leiter der hannoverschen Geldtransportfirma Heros, der 58 Jahre alte Karl-Heinz Weis, und drei enge Mitarbeiter - zwei Niederlassungsleiter und ein Prokurist. Ihnen wird vorgeworfen, den ehemaligen Marktführer, der jeden zweiten bewachten Geldtransport in Deutschland organisiert hatte, durch Untreue in besonders schweren Fällen ausgeblutet zu haben. Der größere Teil des Schadens, vermutlich bis zu 540 Millionen Euro, diente dazu, Defizite in der Firma auszugleichen. Ein kleinerer Teil, immerhin wohl auch ein zweistelliger Millionenbetrag, floß in Wohnungen, Autos, private Kassen der Angeklagten und in Glücksspiele.
Bis zu 20 weitere Anklagen möglich
Ein Tag später, am Mittwoch, beginnt in Mönchengladbach ein weiterer Prozeß gegen eine Mitarbeiterin einer Heros-Tochterfirma aus Viersen, der Mitwirkung am Betrug und Erpressung des Prokuristen vorgeworfen wird. Zudem ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen weitere Beteiligte. Bis zu 20 weitere Anklagen gegen Firmenmitarbeiter und gegen Mitarbeiter der Kundenfirmen kann es geben. Der Staatsanwalt - er verdient monatlich so viel, wie einer der Angeklagten wöchentlich beim Glücksspiel verlor - konzentrierte sich auf die schwersten Vorwürfe, die den vier Angeklagten sechs bis acht Jahre Haft bringen können. Dadurch will er verhindern, daß die Angeklagten durch Verzögerungen aus der Untersuchungshaft entlassen werden müssen.
Das Interesse am Mammutprozeß ist so groß, daß das Landgericht den größten Saal mit zusätzlichen Stühlen erweitert - nicht verwunderlich, da die Heros-Geschichte nicht nur die 1000 Kunden, vor allem angesehene Handelsgruppen und Banken, geschädigt hat, sondern auch Elemente klassischer Kriminalfilme enthält: Glücksspiel, Diebstahl, Geldvernichtung, Geldwäsche, Erpressung. Zudem wird auf besondere Aufmerksamkeit stoßen, wieso die vier Angeklagten, anfangs waren sie meist "einfache" Geldfahrtenbewacher, über 20 Jahre hinweg immer dreister und offenkundiger Geld unterschlagen konnten, obwohl das viele wußten.
Geldtransportfirmen ohne wirkliche Aufsicht
Die Bundesbank, die Finanzaufsicht, die Polizei und die Kunden merkten oder sagten nichts, obwohl es Gerüchte und Hinweise und vor einigen Jahren auch Ermittlungen gab. Eine wirksame Aufsicht über Geldtransportfirmen fehlt, obwohl es in der Branche häufig Unterschlagungsfälle und Konkurse gab. Zu den Geschädigten gehören neben Rewe mit 166 Millionen Euro und Edeka mit 60 Millionen Euro Großbanken und namhafte Handelsketten mit jeweils 15 bis 25 Millionen Euro. Nicht einer von diesen brachte die neuerlichen Ermittlungen in Gang, sondern der frühere Ehemann einer Mitarbeiterin, der sich ärgerte, daß seine Frau ihm das Besuchsrecht für die gemeinsame sechsjährige Tochter beschnitt.
Die Kunden rührten sich trotz mancher Merkwürdigkeiten nicht, weil sie davon profitierten, daß Heros alle Wettbewerber mit Schleuderpreisen - 6 Euro je Geldabholung - unterbot, die nur ein Viertel der Kosten deckten. Damit trieben sie seit der Gründung vor 28 Jahren - systematische Unterschlagungen begannen vor etwa 15 Jahren, aber nur die Straftaten der vergangenen fünf Jahre sind nicht verjährt - andere Transportunternehmen in den Konkurs.
Oder sie konnten sie billig aufkaufen, nicht zuletzt die deutsche Tochtergesellschaft der weltgrößten Sicherheitsfirma, der schwedisch-britischen Securitas. So transportierte Heros am Ende mit 4600 Mitarbeitern und 1500 gepanzerten Fahrzeugen täglich 600 Millionen Euro von Kaufhäusern zu Banken. Dabei verschwanden öfter hohe Geldsummen, weil Banken und Händler das Geldzählen auf die Transportfirmen übertrugen, um Zeit und Arbeitskräfte zu sparen.
Insolvenz führte zu Störungen im Zahlungswesen
Als im Februar die Firmenleitung verhaftet wurde und Heros Insolvenz anmeldete, war anfangs das gesamte deutsche Barzahlungswesen gestört, Geldautomaten wurden nicht mehr gefüllt, Wechselgeld fehlte. Mittlerweile übernahm ein amerikanischer Investor Heros und führt es unter dem Namen Securlog verkleinert weiter.
Als Aldi sich wegen ständig verzögerter Geldüberweisungen ärgerte und den Vertrag kündigte, war das der Beginn vom wirtschaftlichen Ende von Heros: Das Schneeballsystem konnte nur funktionieren, solange der Geldfluß immer mehr wuchs. Die Verantwortlichen stopften die Lücken und Schulden des Vortages durch Umschichtungen und verzögerte Überweisungen mit fadenscheinigen Gründen. Dazu kam, daß die von Securitas übernommenen Mitarbeiter nicht am Betrugskarussell und der chaotisch-nachlässigen Organisation bei Heros mitwirken wollten.
Am Tag vor der Verhaftung und einer geplanten Selbstanzeige unterschlugen Weis - der frühere Türsteher und Autowäscher mit Volksschulbildung konnte Menschen begnadet um die Finger wickeln - und seine Helfer noch von Banktransporten 50 Millionen Euro, um damit Schulden bei kleinen Kunden abzulösen - als soziale Tat dargestellt, aber auch, weil sie damit einen Teil der Klagewilligen abfinden wollten.
Wirtschaft schlimmer als Politik?
norbert doerre (ndoerre)
- 27.11.2006, 18:36 Uhr
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