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Wirtschaftsgeschichte Wie eine Währungsunion Italiens Süden verarmen ließ

Vor 150 Jahren wurde in ganz Italien die Lira eingeführt. Der reiche Norden blieb reich. Der Süden stürzte ab.

© F.A.Z. Vergrößern Die Entwicklung des Nord-Süd-Gefälles in Italien seit 1861

Erst mit einiger Verspätung merkten die Zeitgenossen, wie sehr die Währungsunion den wirtschaftlich schwächeren Regionen zu schaffen machte. Ihre Ausfuhren gingen um 16 Prozent zurück. Manufakturen mussten schließen, im Binnenmarkt wuchs der Exportüberschuss des reichen Nordens. Investitionen blieben aus, weil die wohlhabenden Schichten lieber die als sicher geltenden Staatsanleihen des neuen Währungsraums kauften. Es half nichts, dass eine rigorose Sparpolitik die anfängliche Schuldenkrise bald überwand und sogar zu einem ausgeglichenen Haushalt führte: Die Art, wie diese Austeritätspolitik ins Werk gesetzt wurde, vergrößerte die Kluft weiter.

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So war es, nachdem die Italiener vor 150 Jahren ihren Nationalstaat gründeten, aus so gegensätzlichen Teilen wie dem liberalen Piemont und dem feudalistischen Königreich beider Sizilien. Bis heute vereint das Land die ökonomischen Extreme Europas innerhalb der eigenen Grenzen. Im Süden lag die Jugendarbeitslosigkeit schon vor der Krise bei 50 Prozent, in einigen Regionen des Nordens herrschte hingegen stets Vollbeschäftigung. Die Frage ist, was sich aus diesem Europa im Kleinen für das große Ganze lernen lässt.

Bis heute stehen Nord- und Süditalien für die ökonomischen Extreme Europas

Erstaunlich ist in Italien vor allem, wie hartnäckig sich innerhalb eines Landes die ökonomischen Ungleichheiten halten. In Belgien starb die Industrie des einst reichen Wallonien, während die armen Flamen zu Wohlstand gelangten. In Deutschland schaffte Bayern den Sprung zum Industrieland, während das Ruhrgebiet zur Problemregion abstieg. Nur in Italien blieben die Kalabresen im Süden immer arm und die Lombarden im Norden immer reich. Von der mediterranen Lebenslust, die den Italienern gern zugeschrieben wird, ist im kargen Süden am allerwenigsten zu spüren.

So klar war das allerdings nicht abzusehen, als sich das Königreich Piemont-Sardinien 1861 fast die gesamte Apenninenhalbinsel einverleibte und seine Lira allerorten als Zahlungsmittel einführte. Zu diesem Zeitpunkt war auch der Norden kaum industrialisiert, während Neapel mit seinen Manufakturen vom Ruhm des 18. Jahrhunderts zehrte, als es neben Paris und London die größte Stadt Europas war. Nach jüngeren Berechnungen unterschied sich das Sozialprodukt pro Kopf kaum - auch wenn es im Süden viel ungleicher verteilt war und adelige Großgrundbesitzer in der Hauptstadt den Wohlstand verzehrten, den sie aus ihren Gütern auf dem Land herauspressten.

Die Eliten des Nordens glaubten an diese Zahlen ebenso wie später westdeutsche Politiker und Ökonomen an den Mythos von der DDR als zehntgrößtem Industrieland der Welt. Die Perspektiven, die man sich in Turin für Süditalien, den „Mezzogiorno“, ausmalte, erinnern an die „blühenden Landschaften“ Helmut Kohls: Unter einer aufgeklärten Regierung werde der natürliche Reichtum der südlichen Provinzen quasi von selbst erblühen, glaubte man - und hielt spezielle Strategien für überflüssig.

Gesetze wurden vor allem für den Norden gemacht

Förderprogramme gab es zunächst überhaupt nicht und bis zum Zweiten Weltkrieg allenfalls in sehr bescheidener Form. Es dauerte volle 40 Jahre, bis zum ersten Mal ein Ministerpräsident die Regionen des Südens bereiste. Die führenden Politiker, vom nationalistischen Freischärler Giuseppe Garibaldi zum Anschluss des Südens ohnehin nur genötigt, schlossen einen historischen Kompromiss: Sie erkauften sich die Zustimmung zu ihrer Modernisierungspolitik, indem sie den sozialen Status der Landlords im Süden nicht antasteten. Auf eine politische und ökonomische Liberalisierung verzichteten sie im Mezzogiorno bewusst und beschränkten sich auf ein Laissez-faire. Sie waren wohl auch froh, dass sie sich mit dem Thema nicht weiter befassen mussten - ganz ähnlich, wie die Europäische Union lange Zeit mit Griechenland verfuhr.

Gesetze wurden folglich vor allem für den Norden gemacht, ohne größere Rücksicht auf Kollateralschäden im Süden. Um die Kosten der Vereinigung zu finanzieren, verfiel die Regierung 1868 auf eine „Mahlsteuer“, die auf alle Grundnahrungsmittel zu zahlen war und deshalb vor allem ärmere Bevölkerungsschichten belastete. Selbst nach deren Abschaffung trug der Süden nach Berechnungen des Ökonomen Maffeo Pantaleoni um 1900 noch stolze 32 Prozent der italienischen Steuerlast, obwohl er nur 27 Prozent der Wirtschaftsleistung erbrachte.

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