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Wirtschaftsfaktor Haustier Das große Geschäft mit den Tieren

25.10.2008 ·  Die demographische Entwicklung beflügelt das Geschäft mit den Haustieren: Die Menschen werden immer älter, und sie haben immer weniger Kinder - dafür schaffen sie immer mehr Haustiere an. Die Deutschen geben Milliarden für Futter, Spielzeug und Accessoires aus.

Von Christian Siedenbiedel
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Ein Knochen reicht längst nicht mehr. Der Hund von heute genießt mittags ein Menü aus Angus-Rind und Barbarie-Ente. Dazu trägt er ein Halsband aus Elchleder. Seinen Urlaub verbringt er in einem Pfötchenhotel mit Hunde-Hallenpool und Hunde-Physiotherapeut, die Nacht für 95 Euro. Und um Freunde zu finden, ist er im Internet unter www.dogspot.de registriert - dem StudiVZ für Vierbeiner.

Das Tier als Familienmitglied

„Alles, was es für Menschen gibt, kommt auch für Tiere auf den Markt - und zwar in immer kürzeren Abständen“, sagt Detlev Nolte vom Industrieverband Heimtierbedarf. „Humanisierung“ nennen Wissenschaftler diesen Trend. Für die Industrie ist das ein lukratives Geschäft: Auf mehr als vier Milliarden Euro schätzen Experten den Markt rund um das Haustier in Deutschland.

Die demographische Entwicklung beflügelt dieses Geschäft: Die Menschen werden immer älter, und sie haben immer weniger Kinder - dafür schaffen sie immer mehr Haustiere an. Mehr als 30 Millionen gibt es inzwischen in Deutschland. „Hunde und Katzen werden zum Kind- oder Partnerersatz“, sagt Nolte. Einsame Menschen sehen das Tier als Familienmitglied - und sind bereit, außergewöhnlich viel dafür auszugeben.

Größter Futter-Produzent ist der Mars-Konzern

Geld lässt sich schon mit der Geburt der Tiere verdienen, und das Geschäft endet auch nicht mit deren Tod. Für einen reinrassigen Hund geben Liebhaber beim Züchter oft mehr als 1000 Euro aus. Scheidet er aus dem Leben, kann der Halter ihn auf einem von 120 Tierfriedhöfen beerdigen lassen. Das kostet schnell 500 Euro.

Dazwischen will der Vierbeiner ernährt und unterhalten werden. Das Futter ist der größte Brocken im Geschäft mit den Tieren. Der Umsatz mit industriell gefertigtem Tierfutter lag 2007 in Deutschland bei 2,5 Milliarden Euro.

Größter Futter-Produzent in Deutschland ist der Mars-Konzern. Er setzt mit Marken wie Whiskas, Sepa und Chappi 700 Millionen Euro im Jahr um - mehr als mit Süßigkeiten für Menschen, für die das Unternehmen bekannt ist.

Begeisterung an technischer Aufrüstung

Am meisten verdienen die Unternehmen an den Katzen. Weil Katzen leichter in der Wohnung zu halten sind, ist ihre Zahl in Deutschland seit Jahren kontinuierlich auf 7,9 Millionen gestiegen - während die Zahl der Hunde bei etwa 5,3 Millionen stagniert. Völlig abgeschlagen sind hingegen die Ziervögel. Sie gelten als „out“. Deshalb ist mit dem Verkauf von Vogelfutter und Käfigen immer weniger zu verdienen. Die Umsätze sanken um 7,6 Prozent.

Steigende Umsätze (plus 2,9 Prozent) melden dagegen die Verkäufer von Zierfischen und Fischfutter - obwohl die Zahl der Aquarienhalter seit Jahren nahezu konstant ist. Bei ihnen handelt es sich zu 95 Prozent um Männer, die an der Zierfisch-Haltung vor allem die Möglichkeiten der technischen Aufrüstung des Aquariums begeistert. Die steigenden Umsätze aber führt die Branche auf ein ganz anderes Phänomen zurück: die wachsende Beliebtheit von Gartenteichen bei Eigenheimbesitzern. Sie führe gleichsam als Nebeneffekt zu mehr Fischverkäufen.

In Kalifornien können Tiere geklont werden

Auch das Geschäft mit der Gesundheit der Haustiere nimmt ständig zu. 9000 Tierarztpraxen kümmern sich mittlerweile in Deutschland um vierbeinige Patienten, außerdem studierte Tierpsychologen und spezielle Tier-Physiotherapeuten. Für gestresste und kranke Vierbeiner gibt es Bachblüten-Produkte, Kuren und selbst Gehhilfen wie Rollatoren und Rollstühle.

Weil Operationen bei Tieren schnell mehrere tausend Euro kosten können, entdecken auch die Versicherungen das Heimtier als interessantes Objekt. Waren es früher vor allem Nischenanbieter wie die Agila, die Krankenversicherungen für Hunde und Katzen anboten, so macht das seit diesem Sommer auch der Konzernriese Allianz. Für eine Katze zahlt man zwischen 18 und 28 Euro im Monat, je nachdem, ob das Tier ein Freigänger ist oder ein ungefährlicheres Wohnungsdasein führt. Hunde sind von 27 Euro an versicherbar. Auch wenn bis jetzt 99 Prozent der Tierbesitzer davon keinen Gebrauch machen - hier entwickelt sich ein großes Geschäft. In Schweden etwa ist bereits jeder zweite Hund krankenversichert.

Weil die Liebe zum Haustier bei manchem Halter alle Grenzen überschreitet, soll jetzt sogar die Barriere zwischen Leben und Tod aufgehoben werden. Eine kalifornische Firma bietet an, Hundebesitzern einen Klon ihres Tieres anzufertigen. Natürlich geht es um Geld: Bedient werden sollen Meistbietende in einer Online-Auktion mit einem Mindestgebot von 100.000 Dollar. Tierschützer kritisieren das Vorhaben allerdings ebenso, wie Wissenschaftler den Erfolg bezweifeln. Das Verfahren sei grausam gegenüber den Hunden, denen Gewebe entnommen werden müsse. Und es sei höchst zweifelhaft, ob der Klon-Hund später tatsächlich auch nur annährend ähnliche Eigenschaften habe wie das so geliebte Orginal.

Designer-Kletterwand und Hundebier

Es gibt nichts, was es nicht gibt: Auf diesen schlichten Zusammenhang lassen sich die Produkte rund um das Haustier mittlerweile reduzieren. Immerhin 500 verschiedene Neuheiten für Hund, Katze, Fisch, Vogel gibt es allein im gerade erschienenen Katalog der Tierhandlungskette Fressnapf. Sie wussten nicht, warum Ihre Maus ein fünfgeschossiges Nagerhaus braucht? Ihre Katze hat noch keine Kletterwand im Stil eines Designer-Schranks? Ihre Dogge schläft noch nicht auf einem Hunde-Wasserbett? Pfui, Sie Tierfeind!

Selbstverständlich wollen auch Tiere an den Jahreszeiten teilhaben. Wer etwa gerade auf dem Oktoberfest war, musste seinen Vierbeiner keineswegs darben lassen, während er eine Maß nach der anderen konsumierte. Angeblich sollen Hunde sogar die Oktoberfest-Schlager mitgebellt haben, wenn sie unter der Zeltbank einen Napf Hundebier (ohne Alkohol, hergestellt aus Rinderbrühe) hingeschoben bekamen. Für den Nager, der vermutlich daheimbleiben musste, gab es gleichwohl einen Körnerleckerbissen im Brotzeitlook - was will man als bajuwarischer Hamster mehr?

Einrichtungstipps für Hundehütten

Aber warum eigentlich den Nager daheim lassen? Die Nagertragetasche im Schlangenlook ermöglicht es doch längst, dass selbst Maus und Ratte nicht allein zu Haus bleiben müssen. Einfach um den Hals gehängt, die Vierbeiner hineingesetzt - und schon kann einem niemand mehr seelische Grausamkeit wegen Vernachlässigung des tierischen Lebensgefährten vorwerfen.

Wer sich sich jemals darüber aufgeregt hat, wie manche Leute ihr Kinderzimmer einrichten, der sollte sich allerdings lieber nicht die Möblierungsangebote für Haustier-Zimmer anschauen. Vorbei die Zeit, als Hasso im Zwinger schlief und Bello in der Hundehütte. Den Hund von heute können anscheinend nur zwei Schicksale treffen, schaut man sich die Kataloge der Accessoire-Anbieter an. Entweder er landet bei einem Romantik-Frauchen, das sein Zimmer ganz in Rosa hält, ihm blumige Tierbilder an die Wand hängt und eine Haus-im-Haus-Hütte mit einem schnörkeligen Namensschriftzug über dem Eingang spendiert. Oder er landet beim Typ aristokratisches Herrchen, das ihm ein Designersofa aus Leder und Stahlrohr vor dem Kamin plaziert. Im einen wie im anderen Fall gilt: Bloß nichts anfassen. Keinen Dreck von draußen mitbringen. Und unbedingt arrogant gucken, sollte zufällig mal Besuch vorbeikommen.

Rollatoren und Rollstühle

Jetzt naht Weihnachten: Da Hund oder Katze zu vergessen sei schlimmer als die Schwiegermutter, suggeriert die Heimtierbranche. Allerdings seien Kauknochen und Katzenkorb für Vierbeiner unter dem Weihnachtsbaum ähnlich „out“ wie Socken und Krawatten für den Ehemann. Fröhliches Mauen oder Bellen ernte man dagegen schon vor dem Fest mit einem Tier-Adventskalender, bei dem hinter jedem Türchen ein anderes Leckerli steckt.

Wie die Menschen, so werden auch die Tiere immer älter. Ob sie dadurch auch vergesslicher werden, ist bislang nicht so genau belegt. Auf jeden Fall ist so mancher von ihnen nicht mehr so gut zu Fuß. Die Heimtierbranche bietet deshalb jetzt sogar schon Rollatoren und Rollstühle an: für Hunde ebenso wie für Hasen, Katzen, Ziegen, Frettchen - und sogar für Wüstenrennmäuse. Dann natürlich auch sandflächentauglich

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Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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