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Rezension Mit Derivaten soziale Notlagen abfedern

25.08.2003 ·  Wenn sich in den Vereinigten Staaten Robert Shiller zu Wort meldet, sollte man hinhören: Er hat dort das Ohr von Entscheidungsträgern. Einer davon ist Alan Greenspan.

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Wenn sich in den Vereinigten Staaten Robert Shiller zu Wort meldet, sollte man hinhören: Er hat dort das Ohr von Entscheidungsträgern. Einer davon ist Alan Greenspan. Der Chef der amerikanischen Notenbank warnte 1996, als an der Wall Street die Börsenkurse die Bodenhaftung verloren, in einer Rede vor "irrationalem Überschwang" (irrational exuberance). Wenige Tage zuvor hatte er sich zu einer Unterredung mit dem Professor aus Yale verabredet. Thema war die Verblendung der Anleger, die meinten, an der Börse könnten die Bäume in den Himmel wachsen. Verflüchtigt haben sich mittlerweile viele Kursgewinne, erhalten bleibt Greenspans Wortprägung - nicht zuletzt weil Shiller sie als Titel eines Buches nutzte, das kurz vor dem Rekordhoch des Dow-Jones-Index im März 2000 erschien. Darin sagte er mit perfekter Zeitangabe seinen Lesern Enttäuschungen vorher. Shiller ist ein Prophet, der im eigenen Lande etwas gilt.

Auf Shillers neues Buch ist die Neugier entsprechend groß. Doch wer praktisch verwertbare Weisheiten eines Börsengurus erwartet, kommt nicht auf seine Kosten. Denn Shiller geht es diesmal nicht um eine Diagnose von Kapitalmarktrisiken. Für den Vermögensspiegel der meisten Bürger hätten sie ohnehin nur untergeordnete Bedeutung, meint Shiller, und trotzdem gelte der Absicherung gegen sie unendliche Mühe, während andere Risiken, die für den Wohlstand der meisten Menschen eigentlich viel wichtiger seien, außer Betracht blieben. Börsenverluste kann man zur Not noch wegstecken, aber was tun, wenn beispielsweise das eigene Haus von Jahr zu Jahr an Wert verliert?

Shiller zählt auch noch andere Risiken auf, die im Wohlstand der meisten Bürger viel tiefere Schleifspuren ziehen können als marode Aktien: beispielsweise Arbeitslosigkeit, ein Rentenkrach oder schlicht das Schrumpfen des Bruttosozialprodukts. Um Probleme dieser Größenordnung kümmern sich nach landläufiger Meinung die Sozialpolitiker. Dabei handelt es sich in ihrer Substanz, argumentiert Shiller, um finanzielle Risiken - und man könnte sich gegen sie samt und sonders mit entsprechenden Finanzinstrumenten absichern.

Risiken schwappen um so schneller über Grenzen, je mehr die Volkswirtschaften miteinander verflochten sind. Sie ergreifen in ihrem Strom immer mehr Menschen; soziale Verwerfungen sind unausweichlich. Diese Litanei kennt man aus dem Brevier der Globalisierungsgegner. Aber Shiller behandelt sie aus ungewohnter Perspektive: Risiko sei der Motor für wirtschaftlichen Fortschritt, und die Finanzmärkte seien dazu da, Risiken zu kanalisieren. Man hat an die Finanzmärkte und die auf ihnen gehandelten modernen derivativen Finanzprodukte schon viele Vorwürfe gerichtet - nicht aber jene, die Shiller gegen sie vorträgt: Ihm sind die globalisierten Finanzmärkte nicht hinreichend innovativ. Denn derivative Instrumente eigneten sich nicht nur zur Sicherung von Aktienkursen, sie taugten auch zur Abfederung sozialer Notfälle. Und Shiller demonstriert, wie das funktioniert.

So ist neuerdings auch in Europa die ungewohnte Erfahrung zu machen, daß Immobilienpreise nicht nur steigen, sondern auch sinken können. Daher lohnt sich ein Blick auf die Vereinigten Staaten, wo es Instrumente zur Sicherung des Verkehrswerts von Eigenheimen bereits gibt. Der nationale Index für Immobilienpreise läßt sich in Teilindizes für Städte und Bezirke disaggregieren, und auf den prognostizierten Indexverlauf in der Zukunft werden dann Terminkontrakte konstruiert. Wer sich um den Wertverfall einer Immobilie in einer bestimmten Gegend sorgt, sichert sich durch eine entsprechende Gegenposition ab. Amerikanische Hypothekenbanker machen von dieser Möglichkeit regen Gebrauch.

Solche Terminkontrakte wünscht sich Shiller auch für andere Risikofelder. Die Fortschritte in der Datenverarbeitung ermöglichten längst neue Anwendungen, wie er an einem anderen Beispiel verdeutlicht: an der Entwicklung des Bruttosozialprodukts. Auf den Wohlstand des einzelnen Bürgers hat keine Variable der wirtschaftlichen Entwicklung so starke Auswirkungen wie das Wachstum der Volkswirtschaft, in der er arbeitet. Shiller erinnert daran, daß das argentinische Pro-Kopf-Einkommen 1965 fünfmal so hoch lag wie in Südkorea; 1990 hatten diese Länder die Plätze getauscht. Man kann sich ausmalen, wie weit die Rentenansprüche in diesen beiden Ländern nunmehr auseinanderklaffen. Hätte man aber 1965 Terminkontrakte auf den prognostizierten Verlauf der jeweiligen Volkswirtschaft angeboten, meint der Verfasser, dann hätten sich die argentinischen Pensionskassen angemessen absichern können. Die Konstruktion solcher Kontrakte wäre heutzutage machbar, sagt Shiller. Es werde Zeit, sie zu verwirklichen.

Shiller fordert Risikoinstrumente zur Absicherung der Lebenslagen von jedermann. Man sollte sich hüten, seine Vorschläge als theoretische Gedankenspiele abzutun. Shiller kennt die Märkte als Theoretiker - aber auch als Unternehmer. Indizes für Immobilienpreise vermarktet mit Erfolg die von ihm mitgegründete Firma Case Shiller Weiss seit Jahren. Was heute noch wie Zukunftsmusik tönt, kann sich schon morgen in eine praktische Gebrauchsanweisung verwandeln.

BENEDIKT KOEHLER

Robert Shiller: The New Financial Order. Risk in the 21st Century. Princeton University Press, Princeton 2003, 400 Seiten, 29,95 Dollar.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.08.2003, Nr. 196 / Seite 10
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