Von Gerd D. Wagner
Alexander von Schönburgs Anleitung zum „stilvollen Verarmen“ wurde vom Rowohlt Verlag mitten in die Berichterstattung über den zweiten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung hineinplaziert. Aber auf den ersten Blick ist das Buch enttäuschend. Über viele Seiten hinweg bietet es bloß eine Ansammlung von Vorurteilen über Neureiche, die sich nicht so benehmen, wie es verarmter Adel - zu dem die tausend Jahre alte Familie des Autors zählt - erwartet.
Allein das Glossar, das er dem Buch beigegeben hat, ist lesenswert, denn in den kurzen Erklärungen kann der frühere Journalist Schönburg seine Stärke der genauen Beobachtung und eindeutigen Bewertung voll entfalten. Erst auf Seite 218 wird es dann ernst: Der Autor erklärt völlig korrekt den Begriff der „relativen Armut“, der auch der ganzen offiziellen Armutsforschung zugrunde liegt: arm ist nicht der, der verhungert, sondern der, der vom „sozialen Leben ausgeschlossen“ ist. Aber Schönburg zieht daraus nicht die notwendige Konsequenz für seine Thesen. Dabei kann im Sinne des Autors „stilvoll“ verarmen nur der, der zuvor jede Menge kulturelles und soziales Kapital mitbekommen hat. Mit wenig Geld kann selbstbewußt und gut nur der leben, der weiß, was Bildungsbürger für gut halten.
Ein irrelevantes Buch
Schönburgs Werbung für das „Kürzertreten“ ist zudem gefährlich, weil es in der Politik Gehör finden könnte. Nicht nur bei Bundesfamilienministerin Renate Schmidt (SPD), die immer wieder darauf hinweist, daß Geld nicht alles ist und sie mit dem wenigen Geld der Sozialhilfe durchaus eine Familie versorgen könnte. Denn sie könne gut kochen, wisse mit Geld umzugehen und ihre Zeit einzuteilen. Sie wäre also nicht auf teures „Junk Food“ angewiesen und würde auch nicht vor dem Fernsehapparat herumhängen. Aber den meisten jungen Sozialhilfeempfängern fehlen genau diese Fähigkeiten, weil viele schon im Elternhaus nichts anderes gegessen und gesehen haben und weil die deutschen Schulen Kindern bildungsferner Eltern solche Fähigkeiten faktisch nicht mehr beizubringen vermögen.
Insofern hat von Schönburg ein für die meisten Leser irrelevantes Buch geschrieben. Denn es zeigt nicht, wie man durch Kürzertreten reich wird, sondern wie man, wenn ein materielles Vermögen dahinschmilzt, dank eines ererbten Kultur- und Sozialkapitals auch ohne viel Geld reich bleiben kann.