30.01.2006 · Karl Polanyis Schriften über Sozialismus, Faschismus, Demokratie
Die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen war eine Zeit, in welcher der Liberalismus generell den aussterbenden Arten zugeordnet wurde. Zu denen, die ihn für definitiv überholt hielten, zählte Karl Polanyi (1886 bis 1964). Der österreichische Ökonom und Sozialwissenschaftler stand stets im Schatten seines berühmten (und ungleich liberaleren) Bruders Michael Polanyi. In dem Band, der Aufsätze von 1920 bis 1947 versammelt, werden die Grundgedanken Karl Polanyis, die er später in seinem Hauptwerk "The Great Transformation" - geschrieben im kanadischen Exil - ausführlich zusammenfaßte, in ihrer Entstehung und Entwicklung sichtbar. Beeinflußt von Karl Marx und den Kathedersozialisten, erklärte Polanyi, daß der Kapitalismus zwar rückständige, undemokratische Gesellschaften überwunden habe, damit zugleich jedoch auch die gesellschaftliche Kontrolle des Ökonomischen abgeschafft habe. Die Ökonomie herrsche nunmehr über die Menschen und nicht die Menschen über sich selbst. Es bedürfe einer neuen Demokratie, in der die Menschen rational und selbstbestimmt ihre Gesellschaft bedürfnisgerecht gestalteten.
Obwohl die These von der vollständigen "Ökonomisierung der Gesellschaft" auch heute noch zum Phrasenrepertoire der Globalisierungsgegner gehört, könnte man Polanyis Sozialismus - als ein im Gegensatz zum Liberalismus tatsächlich überholtes Relikt vergangener Zeiten - getrost in den Regalen verstauben lassen, statt ihn neu aufzulegen. Und doch bringt die Lektüre des Bandes dann so manches zutage, das auch heute noch von äußerstem Interesse ist. Denn als durchaus nachdenklicher Sozialist machte es sich Polanyi nie einfach mit seinen Argumenten - insbesondere bei der Debatte mit politischen Gegnern. Interessant ist hier unter anderem seine Auseinandersetzung mit der Sozialismuskritik des liberalen Ökonomen Ludwig von Mises, der aufgrund seiner subjektiven Wertlehre den sich frei bildenden Preis als einziges effizientes Koordinationsinstrument in komplexen Wirtschaften sah, weshalb er auch jeder sozialistischen Wirtschaft die Fähigkeit rationaler Kalkulation absprach. Es ist erstaunlich, bis zu welchem Maß Polanyi hier dem Gegner recht gibt. Um den Preis, daß seine verbleibende Argumentation für einen demokratischen Sozialismus recht dünn ausfällt, stellt er fest: "Wir geben . . . unumwunden zu, daß wir die Lösung des Problems der Rechnungslegung in einer zentralen Verwaltungswirtschaft für unmöglich erachten." Das ist mehr, als die meisten Sozialisten in dieser Zeit konzedierten.
Bemerkenswert ist auch die Auseinandersetzung mit dem Faschismus und dessen Theoretikern (insbesondere mit Othmar Spann). Obwohl Polanyi letztlich doch der These anhängt, der Faschismus sei ein degenerierter (oder gar konsequenter) Kapitalismus, scheint ihn doch die Einsicht zu ängstigen, daß Faschismus und Sozialismus auf funktionaler Ebene eine "verblüffende Ähnlichkeit" kennzeichne.
Die Zwischenkriegszeit war dann von tiefen ideologischen Grabenkämpfen geprägt. Polanyis Ideen - so überwunden sie großenteils sein dürften - tragen in ihrer Weise dazu bei, dem heutigen Leser diese Zeit und die Intensität ihrer Debatten zu vermitteln.
DETMAR DOERING.
Liberales Institut der Friedrich-Naumann-Stiftung, Potsdam.
Karl Polanyi: Chronik der großen Transformation. Artikel und Aufsätze (1920-1947), Band 3: Menschliche Freiheit, politische Demokratie und die Auseinandersetzung zwischen Sozialismus und Faschismus. Herausgegeben von Michele Cangiani, Kari Polanyi-Levitt und Claus Thomasberger. Metropolis-Verlag, Marburg 2005, 339 Seiten, 29,80 Euro.
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