10.04.2006 · Hans-Hermann Hoppes Jugendschrift in deutscher Übersetzung
Es ist auch für einen Minimalstaatler immer erfrischend, Schriften aus dem Lager der Anarchokapitalisten zu lesen. Der Anarchokapitalismus mit seinem soliden "österreichischen" Fundament ist eine Lehre, die in sich konsequent ist und deren Schlußfolgerungen klar und eindeutig sind, wenn man gewisse Basisannahmen teilt: zum Beispiel das Eigentum als Urkategorie, Freiheit und Wohlstand als daraus abgeleitete Werte. Ein dermaßen vehementes Vertrauen auf Markt und freien Vertrag ist in Europa - von einigen versprengten Libertären in allen Ländern abgesehen - kaum anzutreffen. Wohl aber in der Jugendschrift Hans-Hermann Hoppes von 1986, die nun erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt.
Der Staat gilt den "Anarchos" wie dem Ökonomen von der Universität Nevada in Las Vegas als institutionalisierte Aggression gegen Eigentum und persönliche Freiheit. Er ist in seiner permanenten "Gewalt"-Anwendung schlimmer als ein Straßenräuber. Hoppe zitiert hierzu den amerikanischen Anarchisten des neunzehnten Jahrhunderts, Lysander Spooner: "Der Straßenräuber nimmt die Verantwortung, die Gefahr und das Verbrechen seiner Handlung ganz allein auf sich. Er gibt nicht vor, daß er einen rechtlichen Anspruch auf dein Geld hätte oder daß er beabsichtigt, es zu deinem eigenen Nutzen zu verwenden. Er gibt nicht vor, etwas anderes zu sein als ein Räuber. Er hat nicht genügend Unverschämtheit, zu verkünden, er sei nur ein ,Beschützer' und daß er das Geld der Menschen gegen ihren Willen nur nimmt, um diese verblendeten Reisenden zu ,beschützen' ... Der Straßenräuber ist zu sehr Gentleman, um sich eines solchen Betruges, solcher Beleidigungen und solcher Schurkereien schuldig zu machen ... Er versucht nicht, zusätzlich dazu, daß er dich ausraubt, dich auch noch entweder zu seinem Narren oder zu seinem Sklaven zu machen. Die Vorgehensweisen dieser Räuber und Mörder, die sich selbst die ,Regierung' nennen, sind exakt das Gegenteil von denen eines einfachen Straßenräubers."
Der Staat ist eben in dieser Sichtweise die Gewaltorganisation schlechthin. Alles, was sie leistet, was sie tut, beruht im letzten auf Gewalt, möge diese auch von der großen Mehrheit verblendeter Bürger für legitim erklärt werden. Schließlich hat der Staat auch das Bildungswesen usurpiert. Der Staat muß sich in jedem Fall Mittel mit "Gewalt" aneignen (beispielsweise über den Steuerzwang) - ob er nun "Hilfe für arbeitende Mütter und von ihnen abhängige Kinder zur Verfügung stellt oder medizinische Versorgung, sich mit dem Bau von Straßen und Flughäfen beschäftigt, ob er Bauern oder Studenten Vergünstigungen gewährt, sich der Produktion von Erziehungsdienstleistungen usw. widmet ... er kann nichts ohne die vorherige, nichtvertragliche Enteignung von natürlichen Eigentümern tun", schreibt Hoppe.
Es gibt kein Monopolproblem außerhalb des staatlichen Monopols. Nur wenn der Staat auf die Bühne tritt, entsteht ein solches Problem - und ergeben sich Monopolpreise. Der Staat ist der einzige, der nicht darauf angewiesen ist, daß die Bürger seine Leistungen und seine Preise akzeptieren. Mit dem Zwangsinstrument Steuer kann er beliebig Güter produzieren und die Mittel dazu den Bürgern wegnehmen. So bleibt von der Theorie der öffentlichen Güter bei Hoppe nichts übrig. Selbst der berühmte Leuchtturm als angeblich unvermeidliches Gut ohne "Rivalitäten im Konsum" versinkt unrettbar im Meer.
In der Kritik am Sozialismus steht Hoppe in der Tradition seines Meisters Ludwig Mises: Der Sozialismus, da er nicht rechnen kann, da er keine Preise kennt, ist zu rationaler Planung unfähig. Er überflutet die Leute mit Hemden, während man sie nötigt, barfuß zu gehen - oder mit Schuhen, während sie genötigt werden, ohne Hemd zu gehen. Enorme Mengen von Schreibpapier werden angeboten, aber keine Schreibstifte oder Tinte dazu: Das ist die Wirklichkeit des Sozialismus, wie wir ihn in der DDR bis zur Neige kennenlernten. Dabei gehört auch der Konservatismus, der Preise, Konditionen oder Verhaltensweisen reguliert, für Hoppe konzeptionell in die Kategorie "Sozialismus": Er verfälscht die natürliche, freie Ordnung und vermindert so den Wohlstand.
Zugeben kann man Hoppe (und Mises) wohl ihren umstrittenen erkenntnistheoretischen Apriorismus in dem Sinne, daß es gewisse Handlungs- wie auch Denkkategorien gibt, die unabhängig und vor aller Erfahrung sind - selbst wenn sie sich erst evolutionistisch durch Erfahrung gebildet haben. Leider indes findet sich auch bei Hoppe die phantastische Annahme seines Lehrers Murray Rothbard von einem natürlichen Widerstandsrecht unmündiger Kinder. Sie können ihre Eltern verlassen und von zu Hause weglaufen, sie dürfen nicht zurückgeführt werden, wenn sie dies ablehnen. Auch ist es verwegen optimistisch, anzunehmen, daß konkurrierende private Sicherheitsfirmen von den Waffen, die sie besitzen - darunter vielleicht atomare oder chemische -, nicht gelegentlich auch einmal Gebrauch zur Erweiterung ihres Kundenkreises machen; daß sie nach einer Monopolrendite streben, indem sie alle Wettbewerber tätlich ausschalten. Die am Ende mächtigste Firma wäre dann der neue monopolistische Staat - in privater Form. Hoppe gibt diese Möglichkeit zu. Wie Rothbard indes meint er, man habe dann wenigstens ein schönes Zwischenspiel genossen, einen Urlaub vom Staat. Die Frage lautet nur: Wer trägt die Kosten dieses Experiments? Und: wer ist bereit, sie zu tragen?
GERD HABERMANN.
Hans-Hermann Hoppe: Sozialismus oder Kapitalismus. Gestaltung und Entwicklung der menschlichen Gesellschaft. Capitalista, Grevenbroich 2005, 275 Seiten, 29,90 Euro.