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Wirtschaft und Moral Liebe in Zeiten des Marktes

 ·  Ein Kapitalismus, der vorwiegend auf die dunkleren Seiten der menschlichen Natur setzt und diese dadurch verstärkt, wird immer äußerst anfällig sein. Nicht nur Konkurrenz fördert Leistung. Auch Solidarität und Gemeinschaft bringen den Menschen voran.

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Nichts ist intensiver als der Augenblick, in dem sich ein Mensch in einen anderen verliebt. Verliebtheit ist unökonomisch, der verliebte Mensch unternimmt Sinnloses, Zweckloses, Nutzloses, Hoffnungsloses. Er gibt alles, oft erhält er nichts. Er nährt Illusionen, die er selbst durchschaut. Sein Gefühlshaushalt ist durcheinander, seine Emotionen stehen in keinem Verhältnis zur Bedeutung des Umstands, dass nur wieder einmal zwei Menschen zueinanderfinden.

Gründet das Liebespaar eine Familie, betritt es erst recht das Feld des Unökonomischen. Kinder kosten Kraft, Zeit und Geld. In vielen Ländern sind kinderreiche Familien und Alleinerziehende dem größten Armutsrisiko ausgesetzt; der Staat vernachlässigt diejenigen, die für seine Zukunft sorgen - die Eltern. Früher hatte es einen wirtschaftlichen Sinn, Kinder zu haben. Heute ist das nicht mehr der Fall.

Dessen ungeachtet ist die Kinderliebe der Eltern so bedingungslos wie die Elternliebe der Kinder. Beide beruhen nicht auf Geben und Nehmen. In der Mehrzahl der Familien gehorcht man im Umgang miteinander nicht dem Leistungsprinzip, sondern dem Gefühl der Zusammengehörigkeit. Hier erfährt ein Mensch auch dann Geborgenheit und Anerkennung, wenn er gebrechlich oder krank wird und im ökonomischen Sinn nicht mehr "funktioniert".

Gut aufgehoben, wo die Gesetze der Ökonomie nicht gelten

Nirgends herrscht mehr Vertrauen, nirgends fühlen wir uns so aufgehoben wie in den Freiräumen, in denen die Gesetze der Ökonomie nicht gelten. In der Freundschaft zum Beispiel. Sie ist ein knappes Gut und eine unerschöpfliche Ressource. Die herkömmliche Wirtschaftswissenschaft hat Freunde gar nicht vorgesehen. Und auch die viel jüngere Verhaltensökonomie, die das tatsächliche Benehmen der Menschen untersucht, statt zu unterstellen, sie wollten jederzeit ihren Nutzen maximieren, ignoriert die Freundschaft oft.

Warum arbeiten Menschen gemeinnützig? Wieso setzt ein Passant sein Leben aufs Spiel, um einen Ertrinkenden zu retten? Weswegen gibt es viele Heldinnen und Helden des Alltags, die mit Hingabe einen Behinderten betreuen, einem Hilfsbedürftigen beistehen?

Der Darwinsche Kampf ums Überleben hat die Spezies Mensch nicht nur auf Konkurrenz getrimmt, sondern auch auf Solidarität. Jedes Gemeinwesen hat abzuwägen, wo es auf Wettkampf und wo es auf Verständigung unter seinen Mitgliedern setzt. Die Hypothese, im Zweifel sei Konkurrenz "effizienter" als Kooperation, verkennt die urmenschliche Sehnsucht nach Gemeinschaft. "Zu nichts scheint uns die Natur so sehr bestimmt zu haben wie zur Geselligkeit", schrieb im 16. Jahrhundert der französische Essayist und Politiker Michel de Montaigne. Der Einzelmensch bezieht seine Identität sowohl aus dem Selbstgefühl (ich bin ich) als auch aus dem Mitgefühl (ich könnte du sein) und dem Wir-Gefühl (ich gehöre dazu).

Das Individuum - ein soziales Wesen

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Dieser Text - ein Ausschnitt aus dem neuen Buch des Autors „Nach der Krise - Gibt es einen anderen Kapitalismus?“ - erschien erstmals am 8. November 2009 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

Quelle: F.A.S.
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