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Wirtschaft in der Schule Wer wenig weiß, muss viel glauben

 ·  Wirtschaftsunterricht ist in den Schulen lange vernachlässigt worden. Das ändert sich zwar langsam. Doch vor allem an Gymnasien sind die Defizite groß. Wenn Wirtschaft dort unterrichtet wird, dann von Lehrern, die gar nicht Wirtschaft studiert haben.

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Fachleute für ökonomische Bildung stellen den Deutschen ein schlechtes Zeugnis aus: Nur ein kleinerer Teil der Bevölkerung verstehe das Krisengeschehen der vergangenen Jahre. Verwunderlich ist das nicht, ist doch Wirtschaftsunterricht in den allgemeinbildenden Schulen lange stiefmütterlich behandelt worden.

Seit ein paar Jahren bricht sich zwar mehr und mehr die Erkenntnis Bahn, dass grundlegende Kenntnisse über Wirtschaft kein Spezialwissen für wenige, sondern Allgemeinbildung für viele sein müssten; doch wird es wohl noch sehr lange dauern, bis kein Schüler mehr die Schule ohne ein grundlegendes Verständnis für Ökonomie verlässt. Besonders defizitär ist die Wirtschaftsbildung an den Gymnasien - und es ist nicht zu erkennen, dass sich dies auf absehbare Zeit ändern wird.

Die Lehrer müssen über eine ökonomische Ausbildung verfügen

Zwar werden ökonomische Themen an allgemeinbildenden Schulen, auch an Gymnasien, inzwischen stärker gelehrt. Doch ist es in der Regel so, dass nur jene Schüler, die Wirtschaft als eigenes Fach wählen, intensiv in Wirtschaft unterrichtet werden. Ansonsten wird Ökonomie an andere Fächer wie Politik, Sozialkunde, Erdkunde oder Recht gekoppelt und erhält damit schon zeitlich einen geringeren Stellenwert als in einem eigenen Fach Wirtschaft. Hinzu kommt, dass die Schüler dann von Lehrern unterrichtet werden, die nicht Wirtschaft, sondern Politik, Erdkunde oder Geschichte studiert haben. Ihr Wirtschaftswissen haben sie sich oft selbst angeeignet.

Diese Situation ist nicht hinnehmbar und müsste so rasch wie möglich geändert werden. Wirtschaft muss an den allgemeinbildenden Schulen ein verpflichtendes Fach werden, das von gut ausgebildeten Lehrern unterrichtet wird. Ökonomie ist ein zwar komplexes Gebiet; sie kann aber durchaus auch an Schulen verständlich und auf gutem Niveau vermittelt werden. Dazu müssen die Lehrer über eine vernünftige ökonomische Ausbildung verfügen. Diese eignen sie sich am besten in einem Wirtschaftsstudium an. Wer Ökonomie studiert hat, weiß, dass man ein tieferes Verständnis für diese komplizierte Materie erst nach einigen Semestern, vielleicht erst zum Ende des Studiums, wenn sich viele Kreise schließen, entwickelt. Doch braucht ein solches differenziertes Wissen, wer Schülern die Grundzüge der Ökonomie nahebringen möchte.

Wirtschaftslehrer mit Wirtschaftsstudium und damit umfassenden systemischen Kenntnissen wären auch deshalb wichtig, weil Ökonomieunterricht nicht nur Berufsorientierung beinhaltet oder die Vorbereitung der Schüler auf ihre Rolle als Konsumenten. Es geht in hohem Maße auch um ihre Erziehung zu mündigen Bürgern. Politik ist nämlich sehr oft auch Wirtschaftspolitik, in den vergangenen vier Jahren war Politik in Deutschland sogar hauptsächlich Wirtschaftspolitik. Doch wie will sich ein Bürger, der kaum etwas von Wirtschaft versteht, zu den weitreichenden, auch ihn betreffenden Entscheidungen, die derzeit getroffen werden - zum Beispiel zum Umfang des dauerhaften Krisenfonds ESM oder der Rolle der Europäischen Zentralbank -, positionieren, wenn er die Grundzüge der Finanz- und Geldpolitik nicht kennt?

Keine Frage: Auch Ökonomen haben derzeit keine Patentrezepte. Sie streiten über den richtigen wirtschaftspolitischen Weg zur Stabilisierung des Finanzsystems und zur Lösung der Staatsschuldenkrise. Das schmälert aber nicht die Bedeutung ökonomischer Bildung. Immerhin verfügen die wirtschaftlich Gebildeteren über ein Wissen, auf dem sie aufbauen und mit dem sie argumentieren können. Immerhin haben sie eine gute Chance, die Finger in die Wunden der Politik und der Märkte zu legen. Wer wenig oder nichts über Geldpolitik und die Rolle des Staates in der Wirtschaft gelernt hat, kann dies nicht.

Für wirtschaftlich schlecht Gebildete bleibt oft nur die Gier der Banker als Erklärung

Politisch bedeutsam ist, dass ökonomisch gebildete und ungebildete Menschen sehr unterschiedliche Auffassungen über die Ursachen der Krise haben und deshalb sehr unterschiedliche Schlussfolgerungen ziehen. Für wirtschaftlich schlecht Gebildete bleibt oft nur die Gier der Banker als Erklärung. Wer differenziertes Wirtschaftswissen hat, kommt nicht umhin, systemische Ursachen einzubeziehen: zum Beispiel die laxe Geldpolitik in den Vereinigten Staaten, die die „Party“, auf der so viele kurz vor dem Zusammenbruch noch wild getanzt haben, erst ermöglichte. Oder eine Politik, die stark dazu beigetragen hat, dass Amerikaner, die nicht kreditwürdig waren, Hypothekenkredite zu unverantwortlichen Konditionen bekommen haben.

Wer mehr über die Ursachen der jüngsten Krisen weiß und Ahnung hat, unter welchen Bedingungen Wirtschaftswachstum eigentlich entsteht, wird der Lösungskompetenz der Politik und ihren vielen Rettungsversprechen mit gesunder Skepsis begegnen. Selten war es so gut zu erkennen wie zurzeit: Wer einiges von Wirtschaft versteht, kann mitreden, wer wenig versteht, muss viel glauben. Die Schüler jedenfalls wollen lieber wissen als glauben. In Umfragen sprechen sie sich mit überwältigender Mehrheit für ein eigenständiges Fach Wirtschaft in der Schule aus.

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Jahrgang 1966, Redakteurin in der Wirtschaft

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