24.09.2010 · In immer mehr Regionen Deutschlands zahlen die Bürger nicht mehr mit Euro, sondern mit alternativen Währungen. Sie heißen „Chiemgauer“, „Sterntaler“ oder „Havelblüte“ - und funktionieren manchmal erstaunlich gut.
Von Patrick Abele, Nadine Hofmann, Sophie Kirsten und Katrin VerschaffelDie bunten Scheine wirken auf Außenstehende zuweilen wie Spielgeld, das jemand für den Kaufladen seiner Kinder gebastelt hat. Doch zumindest im Chiemgau genießt das Papiergeld in gelb, lila, orange oder grün mittlerweile einen mindestens so guten Ruf wie der Euro - wenn nicht sogar einen besseren. Die Rede ist vom „Chiemgauer“, einer so genannten Regionalwährung, geschaffen als Alternative zum herkömmlichen Geld. Der Chiemgauer Verein, der die alternativen Scheine herausgibt, zählt mehr als 3000 Mitglieder - Tendenz steigend. Das Prinzip: Vereinsmitglieder zahlen ihre täglichen Einkäufe statt mit Euro mit dem Chiemgauer. Den nehmen nur bestimmte Unternehmen in der eigenen Region an. Jeder, der mit der Regiowährung zahlt unterstützt somit die Betriebe der Region. Fast automatisch entsteht eine Art „eingeschworene Gemeinschaft“. Ein Erfolgsprinzip, dem Fachleute eine rosige Zukunft voraussagen. Denn durch Web-2.0-Plattformen wie Facebook oder XING könnten regionale Währungen auch außerhalb des Chiemgaus bekannter und damit erfolgreicher werden.
Die Entstehungsgeschichte des „Chiemgauers“ reicht zurück in das Jahr 2002: Sechs Schülerinnen der Waldorfschule in Prien am Chiemsee brachten zusammen mit ihrem Lehrer Christian Gelleri eine Regionalwährung an den Start. Ursprünglich sollte durch diese Währung die Schule finanziell unterstützt werden. Mit einem ganz einfachen Mechanismus: Verbraucher tauschten Euro im Verhältnis eins zu eins gegen Chiemgauer. Die teilnehmenden Unternehmen spendeten bei jedem Einkauf, der mit dem Chiemgauer bezahlt wurde, einen Teil des Umsatzes an die Schule. Dadurch profitierten letztlich alle Beteiligten: Denn die Eltern kauften vermehrt in diesen Geschäften ein, um die Schule ihrer Kinder zu unterstützen. Und die Einnahmen der Schule stiegen tatsächlich. Schnell breitete sich das Projekt aus.
Das Sparen wird bestraft
„Während der Euro Währungen in großem Maßstab zu vereinen versucht, konzentriert sich das Lokalgeld auf die Identifikation der Teilnehmer mit ihrer Region und ihrer Währung“, sagt Franziska Ziegler, die sich im Rahmen ihrer Diplomarbeit an der Universität Passau im Jahr 2009 intensiv mit dem Thema Regionalwährungen auseinandergesetzt hat. Mittlerweile sind 491.860 Chiemgauer im Umlauf. 579 Einzelhandels- und Dienstleistungsunternehmen akzeptieren die Währung und handeln selbst mit ihr. Doch trotz des enormen Wachstums ist der Community-Gedanke nicht verloren gegangen; der Chiemgauer erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit.
Auch die strengen Auflagen schrecken nicht ab. So wird das Sparen des Chiemgauers beispielsweise mit Gebühren bestraft. Das Regionalgeld besitzt einen Negativzins von zwei Prozent je Quartal und ist alle drei Monate mit Klebemarken aufzuwerten (siehe dazu auch: Fragen und Antworten zum Regiogeld ). So soll ein hoher Umlaufimpuls gesichert werden. Diese Idee ist übrigens nicht neu. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts forderte der Finanztheoretiker und Sozialreformer Silvio Gesell, dass Geld in der Hand eines Geldbesitzers wie menschliche Arbeitskraft und Waren mit der Zeit an Wert einbüßen müsse. Damit unterlägen Geldbesitzer einem ständigen Weitergabedruck. Niemand würde sein Geld zu lange zurückhalten, sondern damit Waren oder Dienstleistungen kaufen, laufende Rechnungen begleichen oder es ohne Zinsforderung verleihen, um so der Wertminderung zu entgehen. So wirke Geld als Diener des Menschen und nicht als dessen Herrscher.
Der Chiemgauer folgt genau diesem Prinzip. Doch es geht den Beteiligten weniger um den abschreckenden Gedanken des Wertverlusts als um die Förderung der regionalen Wirtschaft und um die Unterstützung sozialer Einrichtungen und gemeinnütziger Vereine. Denn diese erhalten drei Prozent der fünfprozentigen Gebühr, wenn Unternehmen die Chiemgauer in Euro zurücktauschen. Die übrigen zwei Prozent der Tauschgebühr fließen in den „Chiemgauer Service“, der für die komplette Organisation und Abwicklung der Regiowährung zuständig ist. Einige bezeichnen das Prinzip als zu kompliziert - doch der Erfolg spricht für sich, die Währung breitet sich immer weiter aus und hat inzwischen sogar Ableger in Baden-Württemberg gefunden - weit entfernt vom Chiemsee. Das Konzept hat sich als so erfolgreich herausgestellt, dass es inzwischen in vielen Regionen im In- und Ausland kopiert wird. Der überregionale Verband Regiogeld e.V. verzeichnet derzeit insgesamt 63 bereits bestehende und startende Regiowährungen - vom „Ammerlechtaler“ bis zum „Zschopautaler“.
In Altona ohne Erfolg
Doch nicht immer gelingt der Start neuer Regiowährungen so reibungslos wie es im Chiemgau der Fall war. Der Hamburger Coach und Berater Dieter Bensmann etwa wollte den „Alto“ als ergänzende Währung zum Euro in seinem Stadtteil Altona einführen, scheiterte aber mit seinem Versuch. Mehr als ein Jahr lang konnten die Altonaer Bürger mit dem Alto bezahlen und regionale Unternehmen konnten mit ihm handeln. Doch in diesem Fall gelang es nicht, genügend Unternehmen und Verbraucher von der Währung zu überzeugen. „Geld ist Vertrauenssache“, sagt Initiator Bensmann rückblickend, „und Vertrauen ist somit die Basis für das Funktionieren von alternativen Währungen.“
Das Vertrauen der Altonaer konnte Bensmann nicht gewinnen. Dabei hatte er sich den erfolgreichen „Chiemgauer“ zum Vorbild genommen. Doch der Community-Gedanke, der in Süddeutschland stark ausgeprägt ist, kam beim Alto im hohen Norden nicht auf. „Die beteiligten Unternehmen haben nicht verstanden, dass Regiowährungen nur als Gemeinschaftsprojekt funktionieren“, erinnert sich Bensmann. „Sie haben einfach die Schürze aufgehalten und sich beschwert, wenn keine Altos reingefallen sind. Der eigene Beitrag zum Projekt hat bei vielen leider gefehlt.“ Bensmann räumt auch ein, dass die fehlende Kompetenz der Initiatoren zum Scheitern der Hamburger Regiowährung beigetragen haben könne. Bensmann hält jedoch an seiner Vision fest. Er ist der Meinung, dass Regionalwährungen davon profitieren müssten, dass seit der Griechenland-Krise die Schwächen des Euro stärker ins Bewusstsein gerückt sind.
Kein Ersatz für den Euro
Dabei soll eine Regionalwährung den Euro zu keiner Zeit ersetzen. „Das wäre schon vom Gesetz her ausgeschlossen“, erklärt die Expertin Franziska Ziegler. „Nach Paragraph 35 des Bundesbankgesetzes ist es verboten, unbefugt Geld in Umlauf zu bringen.“ Bei Regiowährungen wie dem Chiemgauer handele es sich jedoch strikt genommen nur um Gutscheine, so Ziegler. Diese seien geeignet, im Zahlungsverkehr an Stelle der gesetzlich zugelassenen Münzen oder Banknoten verwendet zu werden. Außerdem seien durch das Regiogeld keine Inflationsgefahren zu erwarten, weshalb auch die Europäische Zentralbank die Initiativen gewähren lasse. Durch Regiowährungen soll ausschließlich die lokale Wirtschaft gestärkt werden - der Euro bleibt weiterhin für das nationale und internationale Finanzsystem unentbehrlich.
Daneben feiern erstaunlich viele Regiowährungen Erfolgsgeschichten. Der gescheiterte Einführungsversuch des „Alto“ in Hamburg gilt eher als Ausnahme, denn als Regel. Deshalb soll auch die Region Hamburg bald noch einmal eine neue Chance bekommen: Der Banker Daniel Schlingelhof ist der Initiator einer neuen Regiowährung für die Hansestadt. Der Community-Gedanke soll diesmal über virtuelle soziale Netzwerke gestützt werden und so eine bessere Identifikation der Bewohner mit dem alternativen Zahlungsmittel ermöglichen. „Über Plattformen wie XING und Facebook können wir direkt mit den Verbrauchern kommunizieren und den Bekanntheitsgrad der neuen Regiowährung sehr schnell erhöhen“, erklärt Schlingelhof. Damit es diesmal klappt, sollen auch alle vom Projekt profitierenden Unternehmen und Vereine in die Pflicht genommen werden. „Die Unternehmen und Vereine müssen Werbung für die Währung machen, um einen möglichst hohen Umlaufimpuls zu gewährleisten“, so Schlingelhof. „Wer einen Teil vom Kuchen abhaben möchte, der muss auch etwas investieren.“
In der FAZ.NET-Serie „Wirtschaft anders denken“ schreiben Studenten des Studiengangs Online-Journalismus der Fachhochschule Darmstadt in loser Folge über wirtschaftliche Trends abseits der gängigen Unternehmensmeldungen und jenseits der wirtschaftswissenschaftlichen Konzepte vom nutzenmaximierenden homo oeconomicus.
In dieser Reihe bislang erschienen:
Wirtschaft anders denken (1): Nicht mehr das Schwein im Sack kaufen
Wirtschaft anders denken (2): Abschied vom Junkfood fürs Gehirn
Wirtschaft anders denken (3): Frischer Wind in den Kommunen
Aber, aber!
Peter Remmert (premmert)
- 23.09.2010, 23:31 Uhr
Interessantes Experoiment
Michael Meier (never1)
- 24.09.2010, 00:59 Uhr
" Die Identifikation der Teilnehmer."
Konrad Fit (Einstein-1)
- 24.09.2010, 01:14 Uhr
Komplementärwährungen ...
Bernd Helfert (Helfert)
- 24.09.2010, 01:21 Uhr
Gute Idee,
Alex Zunker (zunker)
- 24.09.2010, 02:11 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.394,15 | +1,26% |
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