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Windräder Briten planen größte Offshore-Windparks der Welt

07.01.2010 ·  Die britische Regierung vergibt die Baurechte für rund 5000 Windräder vor der Küste. Unter den Bewerbern für das energiepolitische Riesenprojekt sind auch die deutschen Konzerne Eon und RWE.

Von Marcus Theurer, London
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Sie sollen sich weit draußen vor der Küste von Nordengland drehen und vor der Südküste von Devon, hoch oben vor Schottland und in der rauen Irischen See. Noch in dieser Woche gibt die britische Regierung den Startschuss für den Bau der weltgrößten Meeres-Windkraftanlagen zur Stromerzeugung: Bis zum Jahr 2020 sollen nach dem Willen von Premierminister Gordon Brown gut 5000 Offshore-Windräder in britischen Gewässern ins Meer gepflanzt werden.

Das Prestigeprojekt ist eine gewaltige technische und finanzielle Herausforderung. Kein anderes Land setzt so stark auf die maritime Windkraft wie Großbritannien. Bei Vollauslastung können die mehr als 200 Meter hohen Meeresriesen theoretisch eine Spitzenleistung von zusammen rund 25 Gigawatt liefern - soviel wie rund zwei Dutzend Atomkraftwerke. Die Kapazität der Stromerzeugung aus der maritimen Windkraft in Großbritannien wird sich dadurch mehr als vervierfachen.

Am Freitag gibt Energieminister Ed Miliband bekannt, welche Unternehmen die Baurechte für das von der Regierung stark subventionierte Megaprojekt erhalten werden. Fachleute schätzen die Kosten auf rund 80 Milliarden Pfund (rund 90 Milliarden Euro). Zu vergeben sind die Nutzungsrechte für neun Gebiete in den Gewässern rund um die britische Insel, die dem Crown Estate, der königlichen Liegenschaftsverwaltung gehören. An der Ausschreibung haben sich insgesamt 18 Unternehmen und Konsortien beteiligt. Viele europäische Energiekonzerne sind mit von der Partie - unter anderem Eon und RWE aus Deutschland, Centrica aus Großbritannien, Vattenfall aus Schweden, Iberdrola aus Spanien und Dong aus Dänemark. Auch Siemens als einer der Weltmarktführer beim Bau von Windkraftanlagen könnte als Zulieferer profitieren.

Für Großbritannien soll die Vergabe der Beginn einer energiepolitischen Aufholjagd werden. Denn bisher zählt das Land, was erneuerbare Energien angeht, zu den Schlusslichtern in Europa. Nur gut 2 Prozent des Energiebedarfs wurden im vergangenen Jahr durch Wasserkraft, Windenergie, Solartechnik und Biomasse gedeckt. Bis zum Jahr 2020 soll der Anteil dagegen auf 15 Prozent versiebenfacht werden - so sieht es zumindest der von Regierungschef Brown ausgerufene ehrgeizige Plan vor. Das Land braucht dringend hohe Investitionen in seine Energieversorgung.

Die Lage ist prekär: "Wann gehen die Lichter aus?" fragte kürzlich das britische Wirtschaftsmagazin "Economist" düster auf seiner Titelseite. Viele alte Kohlekraftwerke werden in den kommenden Jahren vom Netz gehen. Die Regierung schätzt, dass allein bis zum Jahr 2015 rund ein Viertel der Kraftwerkskapazität im Land ersetzt werden muss.

Technisches und wirtschaftliches Neuland

Die beiden größten deutschen Energiekonzerne haben sich für die Ausschreibung in Großbritannien jeweils mit anderen Energieversorgern zu Bieterkonsortien zusammengetan. Eon kooperiert mit der dänischen Dong und der norwegischen Fred Olson Renewables, RWE mit Scotish und Southern Energy, sowie Statkraft und Statoilhydro aus Norwegen. Eon und RWE sind schon heute wichtige Spieler im britischen Energiemarkt und haben dort auch in Offshore-Windanlagen investiert. Eon ist am Bau des bisher größten maritimen Windparks "London Array" vor der Küste von Kent beteiligt.

Die Vergabe der Baurechte in dieser Woche ist allerdings nur der erste Schritt auf einem langen Weg. "Es ist in vielen Fällen unwahrscheinlich, dass der Baubeginn vor 2015 sein wird", sagt ein Eon-Sprecher. Solch große Windparks in Gewässern mit mehr als 30 Meter Tiefe und teilweise viele Meilen vom Land entfernt sind technisches und wirtschaftliches Neuland. Bisher ist die Windkraft auf See eine der teuersten Formen der erneuerbaren Energien. Schon der mit 2,2 Milliarden Euro veranschlagte Bau von "London Array" drohte Anfang 2009 an der Finanzierung zu scheitern. Der Ölkonzern Shell hatte sich als Investor zurückgezogen und die Regierung konnte nur mit höheren Subventionszusagen das Aus verhindern.

Ob die jetzt zu vergebenden Baurechte jemals vollständig genutzt werden, ist deshalb ungewiss. Wer den Zuschlag erhält, geht damit keine Verpflichtung ein, auch zu bauen. Ob die großen Pläne vor Britanniens Küsten Wirklichkeit werden, hängt maßgeblich von der staatlichen Unterstützung ab und die bisherigen großzügige Subventionierung der maritimen Windkraft in Großbritannien gilt nur bis zum Jahr 2014. Wie es danach weitergeht, ist offen. Kritiker glauben, dass die britische Begeisterung für die Offshore-Windenergie ein Irrweg ist (F.A.Z. vom 23. Oktober 2009). "Diese Ziele sind finanziell und technisch völlig unrealistisch und hinter vorgehaltener Hand gibt das auch jeder Politiker zu", sagt der Energieökonom Dieter Helm von der Universität Oxford.

Neues Stromnetz in der Nordsee

Noch ziehen sich wenige Stromleitungen durch Nord- und Ostsee. Keine Spur von einem Netz mit Querverbindungen zu den Anrainerstaaten, mit vielen Ein- und Ausspeisepunkten. Doch zeigt die Karte, wie es einmal werden könnte, zumindest, wie es sich die Vereinigung der Europäischen Windenergieanbieter vorstellt. Damit würden vor allem die neuen Windfarmen in Großbritannien, der Deutschen Bucht, der Ostsee und rund um Dänemark verbunden und Skandinavien besser an das zentraleuropäische Netz angeschlossen. Das würde dem Strom aus Seewind mächtig Auftrieb geben, die Nachfrage nach Kohlestrom reduzieren und damit den Ausstoß von Kohlendioxid senken. Und es könnte nicht zuletzt dem Wettbewerb der Stromanbieter auf die Sprünge helfen. Allerdings muss vorher das Netz ausgebaut werden. Die dafür notwendigen Milliarden zahlen die Verbraucher mit der Stromrechnung. (ami.)

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Jahrgang 1972, Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

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