Tsuneaki Iguchi ist verärgert. Vier Wochen sind vergangen, seitdem der verheerende Tsunami vom 11. März auch in seiner Stadt Iwanuma Hunderte Häuser dem Erdboden gleichgemacht hat. Tokio ist weit von hier, sagt er. Und Tokio interessiere sich nicht richtig für das, was die Menschen hier in der Präfektur Miyagi seit der Katastrophe vom 11. März durchmachten. „Das Schlimmste war, dass wir überhaupt kein Benzin hatten“, berichtet Iguchi, der Bürgermeister der 44 000-Einwohner-Stadt Iwanuma ist. „Wir konnten nichts machen. Nach zwei Tagen wurde das Essen knapp.“
Es sei schlimm gewesen, sich so hilflos zu fühlen. Immer wieder habe er die Missstände an die Zentralregierung nach Tokio gemeldet. „Wir brauchen Benzin, vor allem Benzin“, sagte Iguchi. Wir kümmern uns, lautete die lapidare Antwort. Es passierte nichts. Zwei Wochen nach der Katastrophe telefonierte Iguchi dann mit Japans Regierungschef Naoto Kan. „Wir haben immer noch kein Benzin“, sagte der Bürgermeister seinem Premierminister. „Wie? Kein Benzin?“ Kan habe ganz offensichtlich keine Informationen darüber bekommen, wie das Bild in den verwüsteten Regionen wirklich aussah Erst jetzt habe sich die Lage langsam normalisiert, meint Iguchi, der seit dem 11. März Tag und Nacht in seinem Krisenstab verbringt und sein Zuhause seit diesem Tag nicht mehr gesehen hat. Er sagt das am Donnerstagnachmittag. Sechs Stunden später, genau 28 Minuten vor Mitternacht, bebt die Erde in Iwanuma wieder.
Das Salzwasser hat den Boden zerstört
Bei allen Problemen, die er mit der Zentralregierung hat – bei einem Projekt bekommt Iguchi starke Unterstützung aus Tokio. Auf dem Gelände der Stadt liegt der Flughafen von Sendai, der benachbarten Präfekturhauptstadt. Dort ist der Schutt bereits weggeräumt. Die amerikanische Armee half, die Landebahnen zu säubern, nur noch vereinzelt sieht man zerstörte Sportflugzeuge am Straßenrand. Mit Hochdruck arbeiten Bautrupps daran, den Flughafen so schnell wie möglich wieder aufzubauen. „Das ist wichtig für die Region“, sagt der Bürgermeister. Am Freitag kündigte die Regierung an, Inlandsflüge sollen vom 13. April an wieder möglich sein. All Nippon Airlines (ANA) kündigte daraufhin an, Sendai von diesem Tag an wieder drei Mal täglich anzufliegen.
Iguchis größte Sorge sind in diesen Tagen aber die Reisbauern. Die Reisanbaugebiete vor der Stadt bieten ein Bild der Verwüstung. Die Wohnungen der Menschen, die hier – nahe am Pazifik – lebten, sind oft bis auf die Grundmauern zerstört. Über Kilometer ziehen sich die Bilder des Grauens, Schuttberge, zerstörte Autos, Felder mit Brackwasser, Matsch und Unrat bepackt. „Zwei bis drei Jahre wird es dauern, bis hier wieder Reis angebaut werden kann“, sagt Iguchi. Das Salzwasser habe den Boden zerstört. Die Salzkonzentration des Tsunamis, der hier kilometerweit alles mit sich riss, sei zehnmal so hoch wie üblich gewesen. Es gibt Fachleute, die sogar für die nächsten zehn Jahre Reisanbau für unmöglich halten. Auf 64 Hektar wird in dieser Region Reis angebaut. Zwei Drittel der Felder sind Schätzungen zufolge zerstört und durch das Salzwasser unbrauchbar geworden. Allein das Aufräumen werde bis ins nächste Jahr andauern, meint Herr Sasaki, der für die Bauern in Ost-Sendai spricht. „Ich habe durch den Tsunami alles verloren“, sagt er, „mein Haus, meine Ausrüstung, Traktoren.“ Er schluckt, „alles weg“.
„Ich erwarte, dass die Regierung endlich Ideen entwickelt“
Bürgermeister Iguchi hat sich mit den Bauern seiner Stadt schon zu einer ersten Krisensitzung getroffen. 10 Prozent der Menschen hier leben von der Landwirtschaft, fast 20 Prozent arbeiten als Teilzeitbauern. „Was sollen wir tun?“, hätten ihn die Landwirte gefragt. Durch die Zerstörung der Reisfelder ist ihre Existenzgrundlage vernichtet worden. Wieder wird der sonst so ruhige und bedächtige Bürgermeister ein bisschen wütend. Was sollte er den Männern auch antworten? „Ich habe wenig Hoffnung, dass wir hier so schnell wieder Reisanbau haben werden“, sagt er. „Aber ich erwarte, dass die Regierung endlich Ideen entwickelt, was wir tun können.“ Er habe vorgeschlagen, in einem ersten Schritt überhaupt erst einmal Hilfen für die Arbeitslosen zu prüfen. Iguchi zuckt mit den Schultern. Hilfe zu fordern, das ist seine Aufgabe als Bürgermeister einer Stadt. Hilfe zu erwarten, ist etwas anderes. „Ich vertraue nicht darauf, dass die Regierung etwas für unsere Landwirtschaft tut“, sagt er. „Wir stehen bei denen an letzter Stelle.“
Immerhin kann der Bürgermeister von den anderen großen Arbeitgebern der Stadt Positives berichten. Die örtliche Papiermühle werde spätestens Ende des Monats wieder normal arbeiten können. Das zweite Unternehmen, ein Reifenhersteller, habe durch das Beben und den Tsunami nur geringe Schäden gehabt. „Aber 80 Prozent der Produktion gehen in den Export“, sagt Iguchi. Das meiste nach Amerika. „Und da läuft derzeit nichts, denn der Containerhafen von Sendai ist durch den Tsunami schwer zerstört worden.“
„Die Natur ist freundlich zu euch“
Der Containerhafen, etwa zehn Kilometer nördlich von Iwanuma gelegen, gehört zu den zerstörten Stadtteilen, in die man nur mit Sondergenehmigung kommt. Polizisten mit Mundschutz kontrollieren die Papiere. Auch vier Wochen nach dem Beben gibt es noch Angst vor Plünderungen. Vereinzelt sieht man immer noch Männer, die mit Fahrrädern die Absperrungen umfahren haben und nun in großen Plastiksäcken sammeln, was noch zu gebrauchen ist.
Der Weg zum Hafen führt durch zerstörte Wohnviertel. Im Klassenzimmer einer verwüsteten Grundschule liegen noch die Schulranzen. Niemand kann genau sagen, ob es gelungen ist, alle Kinder rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. An der Fassade der Schule prangt in großen grünen Lettern ein Lob der Natur. „Die Natur ist freundlich zu euch.“ Das hat der Tsunami, der über die Schule hinweg rollte, nicht zerstört. Viele Häuser rings um die Schule sind dagegen bis auf die Fundamente hinweggespült.
Im Containerhafen herrscht gespenstische Ruhe. Genaue Angaben über die Schadenshöhe gibt es noch nicht. Mehr als 200 Container soll der Tsunami ins Meer gespült haben. Hunderte der 12 Meter langen und drei Meter hohen Container liegen im Hafen, am Strand, teilweise bis zur Hälfte mit Sand bedeckt. Vereinzelt sieht man Männer in Arbeitsanzügen, die Container sichern. Die meisten Helfer sind damit beschäftigt, die Piers und die Ladekräne wieder funktionstüchtig zu machen.
Viele Menschen haben sich auf die Straße geflüchtet
„Wir wissen nicht, wann der Hafen seinen Betrieb wieder aufnehmen kann“, sagt Iguchi, als ihm ein Mitarbeiter einen Zettel mit den aktuellen Schadenszahlen reicht. Am Donnerstag mussten in Iwanuma nur noch 591 Menschen in einem der verbliebenen drei Aufnahmeplätze leben. In den Tagen nach dem Tsunami waren es noch 6500. 474 Häuser wurden total zerstört, 130 bis knapp unters Dach, mehr als 1000 zur Hälfte oder bis zum Obergeschoss. 1081 Haushalte meldeten, dass ihr Haus teilweise zerstört wurde.
Der Bürgermeister war gerade auf dem Weg zu einer Sitzung beim Governeur in Sendai, als am 11. März die Erde bebte. Er drehte sofort wieder um, fuhr zurück ins Rathaus und lief hinauf in den 5. Stock. „Normalerweise kann man von hier aus den Pazifik nicht sehen“, berichtet er. „An diesem Tag sahen wir, wie die weiße Wand der See auf die Stadt zurollte.“ Bis zu 2,5 Kilometer drang das Wasser ins Landesinnere vor. Der Wall der Schnellstraße, die Sendai mit Iwanuma und den südlicher gelegenen Städten verbindet, hat den Tsunami gestoppt. Viele Menschen haben sich auf die Straße geflüchtet.
„Ich habe einen genauen Plan, wie wir den Wiederaufbau schaffen“, sagt Iguchi. Zuerst muss der Schutt weg. Eine Fläche von 1,5 Kilometern Länge und Breite hat er dafür bereits ausgesucht. Bis zu fünf Meter hoch soll der Schutt dort vorübergehend gelagert werden. In Miyagi fällt durch den Tsunami in einem Jahr so viel Müll und Abfall an wie sonst in 23 Jahren, heißt es. „Das schaffen wir“, sagt der Bürgermeister und zum ersten Mal während des Gesprächs lächelt er. „Kommen Sie in sechs Monaten wieder, und sehen es sich an.“
Die gruenen Lettern sagen etwas anderes
Christine Kanemaru-Lange (ckanemaru)
- 09.04.2011, 15:41 Uhr