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Wie wir reich wurden : Kleider machen Karrieren

Auf der Rennbahn (Zeichnung von 1927) Bild: INTERFOTO

Die Kleiderordnung signalisierte früher die Zugehörigkeit zu einer Schicht. Das machte das Leben leichter und half dem Geschäft.

          Eigentum ist nicht nur ein Rechtstitel, nicht nur eine Quelle des Konsums, nicht nur eine Sicherheit. Eigentum ist auch eine Mitteilung. Man versucht deshalb nicht nur zu besitzen, was man liebt. Man liebt auch, was man besitzt - weil man sich dadurch ausgezeichnet sieht und die Wahrnehmung anderer dadurch auf sich, den Besitzer, hinlenken kann.

          Georg Simmel hat darauf 1908 in seiner „Soziologie“ in einem „Exkurs über den Schmuck“ hingewiesen. Der Schmuck diene dem Egoismus mittels Großzügigkeit. Man zeichne sich aus, indem man dem Gegenüber eine Freude zu sein versuche. Man hebt sich heraus, kann das aber nur, insofern man beachtet, was als bewundernswert gilt. Wer sein Ego unterstreichen will, sieht sich auf die Gesichtspunkte der anderen verwiesen.

          Der Schmuck und die Mode stehen darum seit jeher in der Polarität von persönlichem Akzent und Teilhabe am, Gehorsam gegenüber dem Kollektiv. Die Kleiderordnungen der guten Gesellschaft geben ein Beispiel für diesen Zusammenhang. Überall dort, wo Schichtzugehörigkeit der entscheidende soziale Unterscheidungsgesichtspunkt war, in Europa weit bis ins 18. Jahrhundert, lag es nahe, ihre Wahrnehmung zu erleichtern: durch strikte Regulierung, wem was zu tragen gestattet ist. Man unterstrich sein Ego nur als Repräsentant der Familie, des Standes, der Berufsgruppe - und konnte entsprechenden Respekt verlangen. Kleidung teilte Zugehörigkeit mit. Schon Tacitus berichtet, dass die Briten, als sie sich den Römern annäherten, auch begannen, die Toga zu tragen, und er verwendet den Begriff „Habitus“ dafür: „Inde etiam habitus nostri honor et frequens toga.“

          Warum? Zum einen hatte man etwas gegen Mischungen. Unter Trajan soll der Präfekt Ägyptens einen Ortsansässigen getötet haben, der im Theater von Alexandria nicht weiß gekleidet erschienen war. In der Öffentlichkeit und an zeremoniellem Ort sollte man sich also gerade nicht als Einzelner hervortun. „Soll der Schmuck das Individuum durch ein Überindividuelles erweitern, das zu Allen hinstrebt und von Allen aufgenommen und geschätzt wird, so muss er, jenseits seiner bloßen Materialwirkung, Stil haben“, schreibt Simmel. Stil ist Wiedererkennbarkeit, Stil ist Verneigung vor dem Publikum.

          Das Konzil von Trier (1277) legte Mönche und Nonnen* auf schmuckloses Erscheinen fest, was bis heute in einer bunten Umgebung seinerseits stilvoll wirkt. Die Kleiderordnungen des 14. Jahrhunderts kannten Farben für Amtsträger, Dirnen hatten Gelb oder Gelb-Rot zu tragen, purpurne Mäntel standen unter Adelsvorbehalt und so weiter. Für die Hersteller hieß das Berechenbarkeit.

          Zum anderen ist die Ständegesellschaft rangempfindlich, und die Rangwahrnehmung ist irrrtumsempfindlich. Sklaven, heißt es in der „Historia Augusta“, sollten erkennbar sein. Salvian von Marseille, der Chronist der Völkerwanderung, notiert, wer seine Kleider wechsele, wechsele seinen Rang. Geregelt war die Verteilung der Farben später nicht zuletzt, weil sie teuer waren und es unerwünscht schien, dass der Besitz den Rang aussticht. Noch sollte man Eigentum nicht einfach in Ansehen umtauschen können. Kleiderordnungen des 14. Jahrhunderts banden die Mode an die Steuerleistung. Vor allem die Nachahmung höfischer Mode durch Nichtadlige sollte unterbunden werden. Zum anderen bekämpfte man die Prunksucht durch Obergrenzen, die für Kleiderausgaben festgelegt wurden.

          „Ein Kaiser neuerer Zeiten“, schreibt der junge Hegel Ende des 18. Jahrhunderts, sei nach wie vor "als derselbe Kaiser, der Karl der Große war, dargestellt, dass er ja sogar noch dessen eigne Kleider trägt". Das führt auf einen letzten Grund der Kleiderordnung: das politische Ritual einer Gesellschaft, der an ständiger Sichtbarmachung ihrer Strukturen gelegen war. Feste, Turniere, Hochzeiten, Einzüge und Huldigungen, so die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger, waren nicht „kulturelles Beiwerk“, Freizeit, sondern gehörten zur Politik, weil Politik auf der ständigen Demonstration von Verwandtschaft, Loyalität und Anerkennung von Machtdifferenzen diente. Entsprechend hatten die Juweliere, die Schneider, Goldschmiede und Nadelspitzenmacher als Dekorateure der Macht viel zu tun.

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