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Wie wir reich wurden : Der Luxus treibt die Wirtschaft an

  • -Aktualisiert am

Arbeiten war verpönt, reich sein hingegen nicht Bild: AFP

Die Reichen wollen immer mehr haben. Damit wecken sie den Erfindergeist. So wurde die industrielle Revolution möglich. Am Ende profitieren die Armen.

          „Im Ganzen herrscht in Berlin doch viel weniger Luxus als in andern großen Städten. Obgleich der Hof hier residirt und dieß den Wohlstand der Stadt vermehrt, so sind doch bey den gewöhnlichen Ergötzlichkeiten und Festen desselben keine Uebertreibungen, sondern es herrscht überall der Geist der Ordnung.“ Dies ist unter dem Stichwort Luxus im „Berlin-Lexicon“ des Johann Christian Gädicke von 1806 zu lesen. Dem Autor war der Reichtum einiger Berliner ein wenig peinlich, und er betonte, dass es nicht allzu viele dieser Gutgestellten gebe. Aber: „Zu viel Luxus herrscht wohl besonders in Kleidern bey der weiblichen dienenden Classe.“

          Es musste noch mehr als ein Jahrhundert vergehen, bis Werner Sombart 1913 in seinem Buch „Luxus und Kapitalismus“ genau diese angeblich angeborene Schwäche der Frau als wichtige Triebkraft auf dem Weg zur Entstehung des Kapitalismus empfiehlt. Wobei er mit dem Schlagwort „Kapitalismus“ weniger auf die Freiheitlichkeit von Märkten zielt, sondern auf das Volumen, die Abstraktheit, die Internationalität des modernen Wirtschaftens.

          Gelockertes Dogma im Mittelalter

          Mit dem Reichtum hat sich die Christenheit in ihren Sittlichkeitsvorstellungen immer schwergetan - ebenso wie mit dem Konsum, den der Reichtum ermöglicht. In der Antike war man da unbefangener: Als verwerflich galt nicht der Reichtum, sondern nur dessen Erwerb. Geld verdienen zu müssen, war niedrig, Geld zu haben bedeutete Ansehen und Anerkennung. Über materielle Ungleichheit zerbrach man sich im antiken Griechenland nicht den Kopf. Mit dem Christentum hingegen erhielt der Sozialneid seinen theologischen Freispruch. „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in den Himmel kommt“, sagt Jesus im Matthäusevangelium, und dieser Satz prägt unser Denken bis heute.

          Immerhin gelang es Thomas von Aquin im Mittelalter, das Dogma ein wenig zu lockern. Er betrachtete Reichtum als gottgefällig, solange dieser in den Dienst der Nächstenliebe gestellt wird. Reichtum indes, der allein dem egoistischen Konsum dient, hat noch nie die Billigung jener Instanzen gefunden, die sich in der Gesellschaft für Moral zuständig sehen. Eine Ethik der Mäßigung hat sich verfestigt. Luxus gilt als untugendhaft.

          Luxus als relativer Begriff

          Dabei ist Luxus ein relativer Begriff. Fließend Wasser im Haus zu haben war beispielsweise bis ins 19. Jahrhundert hinein Luxus; heute empfindet in Europa kaum jemand mehr so. Luxus ist ein Genuss, der nach den herrschenden Konventionen als nicht notwendig gilt und für die meisten Menschen nicht erschwinglich ist. Heute ist es oft schlicht Müßiggang, der als Luxus empfunden wird.

          Das Unerreichbare übt freilich eine enorme Anziehungskraft aus. Wir wollen besser leben. Und wir wollen mit dem, was wir uns erarbeitet haben, gegenüber Mitmenschen angeben. Darum kaufen wir Autos, die schneller fahren können als erlaubt; Ferienvillen, in denen wir zwei Wochen im Jahr verbringen; Designerkleidung, die zwickt. „Conspicuous consumption“, „zur Schau gestellter Konsum“, nannte Thorstein Veblen dies 1899 in seiner „Theory of the Leisure Class“.

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