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Veröffentlicht: 08.02.2010, 13:39 Uhr

Serie: Wie wir reich wurden (21) Wandern für den Wohlstand

Die Geschichte der Menschheit ist auch eine Geschichte der Wanderung. Migranten bringen neue Technik, Ideen und neue Gene in entfernte Gegenden der Welt. Das nützt am Ende allen. Folge 21 der Serie „Wie wir reich wurden“.

von Thomas Straubhaar
© dpa Völkerwanderung in Bayern

Die Geschichte der Menschheit ist auch eine Geschichte der Wanderung. Den "Homo migrans" also, sagt Historiker Klaus Bade, gibt es, seit es den "Homo sapiens" gibt: Das Alte Testament beginnt mit einer Vertreibung, das Neue Testament mit einer Flucht. Überhaupt zeigt die Bibel auf, was passiert, wenn Menschen wandern:

Das Erste Buch Mose erzählt von einer typischen Tellerwäscher-Karriere. Nachdem er von seinen Brüdern nach Ägypten verkauft wurde, steigt der Einwanderer Joseph fern von zu Hause vom Mundschenk des Pharaos zum obersten Verwalter Ägyptens auf. Das Zweite Buch, der "Exodus", schildert die Massenflucht Israels aus Ägypten ins Gelobte Land. Menschen sind immer wieder dorthin gegangen, wo es Chancen gab, wenn zu Hause die Hoffnungslosigkeit grassierte. Meist erhofften sie sich wirtschaftliche Verbesserungen. Manchmal auch die Möglichkeit, gesellschaftliche Ideen oder religiöse Prinzipien umzusetzen.

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Damit ist auch wenig verwunderlich, dass die Geschichte der Migration eine Geschichte der Eroberung, der Zerstörung und Ausbeutung ist. Migration hat Konflikte und Kriege verursacht und damit Gewinner und Verlierer produziert. Die Erwartungen der Wandernden sind zusammengeprallt mit den über Jahrhunderte gewachsenen Strukturen der sesshaften Bevölkerung. Wer bestimmt die Regeln des Zusammenlebens? Gehört das gelobte Land den neuen Siedlern oder den alten Ureinwohnern? Wessen Sprache wird gesprochen? Wer muss sich anpassen?

illustration / serie / wie wir reich wurden (mit text) © Vergrößern

Die Migration war die Mutter vieler Innovationen

Die Besiedelung ferner Kontinente und die Entstehung künstlicher Staaten haben zu Beginn der Neuzeit starke Wanderungsströme erzeugt. Kriege und Friedensverträge, Befreiungskämpfe und das Auseinanderbrechen von Staaten sorgten dafür, dass im Laufe der Jahrhunderte beides in Bewegung war: Menschen und Grenzen. Ja, gerade weil viele Grenzen verschoben wurden, mussten viele Menschen über Grenzen ziehen.

Am Anfang des 21. Jahrhunderts nun steht das Thema der Klimaflüchtlinge im Vordergrund. Steigen die Meeresspiegel wirklich an, werden sich Millionen von Menschen auf die Suche nach einer neuen Lebensgrundlage machen müssen. Dazu kommen die Opfer von Gewalt und Misswirtschaft in vielen Krisengebieten, denen nichts anderes bleibt als ein Marsch nach Norden, um überleben zu können. Diese möglichen Völkerwanderungen stellen die westeuropäischen Demokratien auf harte Belastungsproben: Von Lohndumping ausländischer Hilfskräfte als Folge entgrenzter Arbeitsmärkte ist die Rede. Die Angst vor einer "Invasion der Armen" lässt Abwehrkonzepte der verschiedensten Art entstehen. Ist das die richtige Strategie? Was passiert eigentlich, wenn Menschen wandern?

Bei allen Ausnahmen von der Regel zeigt die Menschheitsgeschichte relativ eindeutig, dass die Wanderung - trotz aller oft blutigen Konflikte - eine Erfolgskomponente auf dem langen Weg der wirtschaftlichen Entwicklung war. Wenn nicht sogar die entscheidende Erfolgskomponente. Wenn der Krieg der Vater aller Dinge sein soll, war die Migration die Mutter vieler Innovationen. Und beide sind eng miteinander verbunden.

Die Neugier des Entdeckers stimulierte auch den Geist des Erfinders. Um über die Weltmeere zu segeln, Sümpfe trockenzulegen und Bodenschätze zu erschließen, waren innovative Ideen unverzichtbar. Um bei der Eroberung von Land schneller zum Ziel zu kommen, wurden neue Transport- und Kommunikationssysteme geschaffen und wirkungsvollere Lagerhaltungs- und Nachschubkonzepte. Das Ergebnis der meisten Eroberungszüge war ein Innovationswettbewerb um effizientere Lösungen.

Dazu gehört auch, dass unbekannte Technologien von Urbewohnern übernommen und weiterentwickelt wurden. Nicht nur der technologische Wissenspool wurde dadurch größer - auch der für die Evolution so wichtige Genpool wurde erweitert. Als Beispiel dient der nordamerikanische Meltingpot. Auch die Schweiz hat der intellektuellen Inspiration viel zu verdanken, die von Hugenotten, jüdischen Flüchtlingen, südeuropäischen Gastarbeitern, Asylsuchenden aus Sri Lanka oder den helvetischen Nobelpreisträgern mit ausländischen Eltern ausging.

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