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Wie wir reich wurden Die kurze Weltwirtschaftskrise

24.10.2011 ·  Schon im 19. Jahrhundert krachten die Banken. Viele Firmen gingen pleite. Nach zwei Jahren war der Spuk vorbei - und markierte den Anfang eines Aufschwungs.

Von Werner Plumpe
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In den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts waren die Vereinigten Staaten von Amerika das Schwellenland schlechthin: Die Wirtschaft entwickelte sich rasch, die Bevölkerung wuchs, das Land selbst barg ungeahnte Chancen. Die Goldfunde in Kalifornien seit Beginn des Jahrzehnts beförderten Aufschwung und Phantasie. Europäisches Kapital floss in Strömen nach Amerika, um die Entwicklung der Infrastruktur zu finanzieren und den hierfür notwendigen Warenimport aus Europa zu ermöglichen. Die amerikanischen Eisenbahnen wurden zum Hoffnungsträger und zum Spekulationsobjekt. Die Möglichkeiten schienen in der Tat unbegrenzt, Produktion, Handel und Finanzmärkte blühten.

Ein Institut verspekulierte sich - und der Domino-Effekt brach los

Der Knall kam am 24. August 1857, als die Ohio Life Insurance and Trust Company ihre Zahlungen einstellen musste. Das an sich solide Institut hatte sich verspekuliert; kurzfristig fällige Einlagen waren langfristig im Eisenbahnbau angelegt worden. Doch dort gab es Zahlungsschwierigkeiten. Die Ohio Life brach zusammen, ein Domino-Effekt von zuvor ungekanntem Ausmaß setzte ein. Die Banken versuchten, ihr verliehenes Geld zurückzubekommen. Neue Kredite vergaben sie nur gegen exorbitante Zinsen, zeitweilig zu 60 bis 100 Prozent. Innerhalb kurzer Zeit schlossen 14 Eisenbahngesellschaften; die Warenpreise stürzten ab. Das brachte auch die Banken in Schwierigkeiten - und niemand half ihnen, denn eine Zentralbank existierte nicht.

Zwischen dem 25. und dem 29. September 1857 brachen in vier Bundesstaaten 185 Banken zusammen. Am 10. Oktober 1857 kam es in New York zum Bank-Run. Innerhalb der nächsten zwei Tage stellten 50 der 51 New Yorker Bankhäuser ihre Zahlungen ein. Deshalb fehlte es an Bargeld, was den Geschäftsverkehr in New York lähmte. In den nächsten Tagen schlossen allein hier mehr als 100 Handelshäuser, wobei keineswegs alle zahlungsunfähigen Unternehmen wirtschaftlich ungesund waren. Vielmehr brachte die Lähmung der Finanzmärkte auch solide Unternehmen an den Rand der Zahlungsunfähigkeit.

Aus den Konkursmassen der zusammengebrochenen Unternehmen konnten etwa 30 bis 50 Prozent der Gläubiger ganz oder teilweise befriedigt werden. Viele Firmen nahmen später ihr Geschäft wieder auf. Im Dezember 1857 war die akute Krise des Bankensystems überwunden. Zwar zog sich die Krise der Realwirtschaft noch bis 1859 hin, doch sie war nicht dramatisch. Nach der Insolvenzwelle und der mit ihr verbundenen Marktbereinigung setzte der Warenabsatz wieder ein, neue Kredite aus Europa kamen herein, das Geschäftsleben normalisierte sich. Dabei hatten die Unternehmen keine Hilfe vom Staat bekommen.

Die amerikanische Krise pflanzte sich nach Europa fort

Die amerikanische Krise schwappte, wenn auch mit nachrichtentechnisch bedingter Verzögerung, nach Europa. Ende Oktober, Anfang November 1857 kam es zu einer Serie von Bankzusammenbrüchen in Nordengland und in Schottland, was einen Run auf die englischen Banken auslöste. Die Bank of England konnte ihn zwar rasch beenden, doch das ging auf Kosten ihrer Goldbestände. Deshalb erlaubte die Regierung der Bank, zwei Millionen Pfund an ungedeckten Banknoten auszugeben - unter der Bedingung, dass sie ihre Zinsen bei zehn Prozent hielt. Das beruhigte den Markt, verteuerte aber die Kredite. Darum brachen einige Handelshäuser zusammen, die Güterpreise sanken, das Land produzierte weniger, und viele Menschen wurden arbeitslos. Die Arbeitslosigkeit schoss nach oben; 1858 lag sie unter den Gewerkschaftsmitgliedern bei 12 Prozent, während sie vor und nach der Krise um einen Wert von 2 Prozent gependelt war. Erst 1859 wurde das Produktionsniveau von 1856 wieder erreicht.

Auch Kaufleute in Hamburg standen vor dem Nichts

In Deutschland betraf die Krise vor allem das seinerzeit politisch selbständige Hamburg. Die Stadt war bis in die achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts im Grunde ein großer Freihafen. Zwischen dem 15. November und dem 15. Dezember 1857 kamen fast laufend geplatzte Handelswechsel nach Hamburg zurück. Die Kaufleute standen vor dem Nichts. Zahlreiche Insolvenzen drohten, eine geradezu hysterische Stimmung verbreitete sich in Börse und Kaufmannschaft. Der Hamburger Senat richtete mit österreichischem Geld eine Staatsdiscontokasse ein, die einzelnen Häusern mit insgesamt 15 Millionen Mark aushalf. Das beruhigte nach und nach den Markt.

Dieser Staatseingriff war eine Hamburger Spezialität. Weder in den Vereinigten Staaten noch in Großbritannien intervenierte der Staat direkt, diese Länder ließen die Krise ausbrennen. 1858 war weltweit von einer deutlichen wirtschaftlichen Depression gekennzeichnet - und so hofften Karl Marx und Friedrich Engels im Herbst 1857, das letzte Stündlein des Kapitalismus habe geschlagen. Aber zu ihrem Ärger ging die Krise vorüber, ja der Aufschwung setzte 1859 stärker ein als zuvor.

Offensichtlich hatte die Krise eine Art Reinigungsfunktion erfüllt, eine Funktion, die im Gründerkrach 1873-1875 noch offensichtlicher wurde. In Deutschland schlossen 1873/74 innerhalb weniger Monate zwei Drittel der zuvor gegründeten Aktiengesellschaften, der spekulative Spuk verschwand geradezu über Nacht. Ähnlich war es in Amerika und Großbritannien. Krisen, das begriff man nun, gehörten offensichtlich zum Strukturwandel wie Aufschwünge und Boomphasen, sie waren in der kapitalistischen Wirtschaft normal, gleichsam ihr Pulsschlag. Und sie waren nicht apokalyptisch, auch wenn einzelne Marktteilnehmer untergingen. Wenn der Staat eingreift, verändert er diesen Rhythmus nicht unbedingt zum Besseren. Und es wird teuer. Vor 1914 hingegen betrug der Staatsanteil am BIP in Deutschland 14 Prozent, die Staatsschuld war gering.

Werner Plumpe lehrt Wirtschaftsgeschichte an der Universität Frankfurt.

Quelle: F.A.S.
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