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F.A.Z. Woche : Das Marx-Business

Es hat mittlerweile mehr als eine Million Millionäre. Denn anstelle der klassenlosen Gesellschaft propagiert die Partei seit dem Start der Reformen von Deng Xiaoping Ende in den siebziger Jahren einen hemmungslosen Kapitalismus. Doch gerade deshalb wird die Marke Marx von Chinas Herrschern gern gebraucht: als Beweis für die Existenzberechtigung der Diktatur des Proletariats in Form der Partei. 250 Millionen Yuan (knapp 34 Millionen Euro) lässt Chinas Staatspräsident Xi Jinping, der seinen Doktortitel in marxistischer Theorie erworben hat, jedes Jahr an Subventionen fließen: in Universitäten und Schulen, Denkfabriken und neu errichtete Marx-Archive, um Marx zu ehren. Ein Etikettenschwindel, von dem jeder weiß.

Marx auf Tassen und Stifte, zum Mitnehmen als Souvenir. Ein Widerspruch?

"Weltkonferenz des Marxismus"

Marx, lautet die Propaganda, sei für China immer noch aktuell. Die Straßen der großen Städte sind zwar voller Porsches und Gucci-Läden. Doch das sei nur ein vorübergehender Schritt auf der Reise Chinas zum Endziel der klassenlosen Gesellschaft. So fand vor anderthalb Jahren in Peking die erste "Weltkonferenz des Marxismus" statt. Die Partei hatte Professoren aus aller Welt einfliegen lassen. Die wohnten den Bekundungen der Kadergelehrten aus den Parteischulen bei, die zu begründen versuchten, warum Marx im China der Gegenwart noch eine Rolle spiele.

Dreihundert Yuan bekam jeder Reporter als Prämie, der über das bizarre Spektakel berichtete. Bis heute arbeitet Chinas Marketingkampagne für ein Marx-Comeback mit finanziellen Anreizen: Dozenten, die an Universitäten oder Schulen Marx-Vorlesungen abhalten, bekommen dafür vom Staat zweitausend Yuan je Ideologieeinheit, umgerechnet 270 Euro. In China läuft das Marx-Business staatlich gelenkt. In Deutschland funktioniert es kurz vor dem großen runden Geburtstag ganz von selbst.

Bildungsauftrag im Vordergrund?

In den Kinos lief gerade wochenlang "Der junge Karl Marx". August Diehl spielte die Hauptrolle. Frisch gedruckte Biographien liegen in den Regalen der Buchhändler. Und dann sind da noch die Marx-Schriften selbst, mit denen sich - dank kostenfreier Rechte - gutes Geld verdienen lässt. In Deutschland macht das der Berliner Karl Dietz Verlag, ein kleiner Fachverlag mit einer "langen und trotz aller verlegerischen Verdienste doch unrühmlichen Vergangenheit", wie Verlagsleiter Martin Beck sagt.

Bis 1989 habe der Dietz-Verlag als "ein Flaggschiff der SED-Rechtfertigungspropaganda" fungiert; heute erscheint dort "Das Kapital" in der Ausgabe der Marx-Engels-Werke (MEW). Das Werk gehöre "zu unseren Kassenschlagern", so Beck. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise im Jahr 2008 habe man mehr als 3100 Exemplare des ersten Bandes verkauft - zwei Jahr zuvor seien es weniger als 800 gewesen. Heute liegt die Zahl irgendwo dazwischen. Das steigende Interesse in Krisenzeiten hat Begehrlichkeiten geweckt. Auch die Verlage Kröner und Faber & Faber haben den dicken Wälzer neu aufgelegt.

Mit Marx Geld zu verdienen ist en vogue. Ist es aber nicht ein Widerspruch, den Kapitalismuskritiker selbst zur Ware zu machen? Rainer Auts, der Ausstellungsmanager in Trier, muss über diese Frage erst nachdenken. Dann sagt er: "Diesem Vorwurf wird man sich nicht verwehren können." Für ihn aber stehe der Bildungsauftrag klar im Vordergrund. Werden die Tickets in Trier dann günstiger sein als bei vergleichbaren Ausstellungen? Auts schüttelt den Kopf. "Auch wir unterliegen dem kapitalistischen Verwertungszwang."

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