27.09.2007 · Zwar leistet sich die Militärdiktatur Burma mit 375.000 Soldaten eine der stärksten Armeen der Welt. Doch der Hunger treibt die Menschen auf die Straße: Hühnchenfleisch kostet inzwischen das Doppelte wie noch vor zwölf Monaten.
Von Christoph Hein, SingapurDie goldenen Dächer der Pagoden, das gut gerüstete Militär - die Fernsehbilder täuschen über den wahren Zustand Burmas. Letztlich hat die katastrophale wirtschaftliche Lage des Landes die Proteste gegen die Regierung ausgelöst. Der Ostasiatische Verein (OAV) in Hamburg, ein Zusammenschluss der deutschen Wirtschaft, die in der Region tätig ist, spricht in einer offiziellen Stellungnahme seiner Geschäftsführerin von „dramatischen sozialen Missständen“ in Burma. Und er bezieht Stellung: „An der Berechtigung der derzeitigen Proteste gibt es keinen Zweifel.“
Immer wieder bilden sich in der burmesischen Metropole Rangun schon bei Morgendämmerung lange Schlangen - dann, wenn ein Laden etwa Bratöl oder Zucker anbietet. Wer mit dem Taxi fährt, muss sich daran gewöhnen, durch den verrosteten Boden des Wagens die Straße zu sehen. Auf dem Land gilt der Ochsenkarren der breiten Masse noch als luxuriösestes Fortbewegungsmittel. Die Wege in Rangun sind von tiefen Schlaglöchern übersät. Kanaldeckel fehlen; fällt die Straßenbeleuchtung nachts aus, wird das Gehen zur Mutprobe. Frisches Wasser oder Elektrizität sind Luxusgüter. Die Korruption kostet das letzte Bargeld.
Vor 60 Jahren das gesegnete Land Südostasiens
Nur die Waffen- und Rauschgifthändler, die Bordell- und Casinobetreiber in den Grenzstädten des Nordens fahren schwere Geländewagen, die aus China eingeführt wurden. Mehr als ein Viertel der gut 55 Millionen Einwohner aber müssen mit weniger als einem Dollar am Tag auskommen. Während die Nachbarländer in Indochina die Armut abbauen und eine neue Mittelschicht heranwächst, bleibt Burma zurück. Dabei ist es erst 60 Jahre her, dass die gerade unabhängig gewordene britische Kolonie noch als das gesegnete Land Südostasiens galt. Tropenholz, Bodenschätze und seine strategische Lage zwischen China und Indien mit Zugang zum Golf von Bengalen machten es zu einem bedeutenden Standort. Heute liegt das Pro-Kopf-Einkommen Burmas bei weniger als einem Zehntel desjenigen seines Nachbarlandes Thailand.
Geleistet aber hat sich die Regierung den Umzug in die am Reißbrett entstandene Geisterstadt Nay Pyi Daw, deren Baukosten auf mindestens 300 Millionen Dollar geschätzt wird. Ein Video der Prunkhochzeit von Thandar Shwe, der diamantenbehängten Tochter des Junta-Führers, landete auch in Burma im Internet. Und mit 375.000 Soldaten leistet sich die Militärdiktatur eine der stärksten Armeen der Welt. Die Gehälter der Staatsdiener erhöhten die Machthaber zeitgleich mit ihrer Flucht aus der Hauptstadt drastisch - zum Teil verzehnfachten sie sich.
Sanktionen treffen die Falschen
Die Sanktionen des Westens, die die Junta weichklopfen sollen, treffen die Falschen: Die Generäle und ihre Speichellecker können dank der Hilfe Chinas, Russlands und auch Indiens bestens leben. „Das wirtschaftliche Umfeld ist sehr, sehr schwierig - das Regime ist nicht wirklich an westlichen Investitionen interessiert oder auf sie angewiesen“, sagt Mathias Haase, Regionalmanager Südostasien beim OAV. Damit ist die Waffe des Boykotts stumpf. Er verfehlt sein Ziel, weil es zum einen ausreichend Ersatzinvestitionen aus den Nachbarländern gibt.
Zum anderen, weil er nur halbherzig angelegt ist: Denn eine generelle Handelssanktion oder ein allgemeines Investitionsverbot der EU gibt es nicht. Sie verbietet lediglich die Bereitstellung von Finanzierungen für einige wenige, namentlich genannte Konglomerate, die direkt dem Militär unterstehen. So können etwa französische oder britische Energiekonzerne ungehindert in Burma nach Öl und Gas bohren und damit die Kassen der Militärregierung füllen.
„Abschottung führt nicht weiter“
„Die Einnahmen aus Erdöl- und Erdgasexporten werden nicht zu strukturellen Reformen und Armutsminderung eingesetzt“, kritisiert der OAV. Darüber hinaus gibt es noch das Handelsverbot für militärische Güter und ein Einreiseverbot für hochrangige Vertreter des Landes. „Die Sanktionen haben bisher nichts geändert, sondern nur der Zivilbevölkerung geschadet. Eine Abschottung führt nicht weiter“, sagt Haase.
Der im Exil lebende Autor Thant Myint-U geht noch weiter: „Das Regime kann den westlichen Sanktionen mühelos widerstehen, die Volkswirtschaft ist mit den Machthabern verknüpft, und eine wachsende Unterschicht ist mit größeren Missständen konfrontiert als jemals zuvor. Millionen Armer aus den ländlichen Gebieten suchen nach Arbeit und Nahrung. Trotzdem liegt die internationale Hilfe an Burma nur bei einem Zwanzigstel dessen, was Kambodscha, Laos oder Vietnam erhalten.“
Seit Jahren keine Haushaltspläne
An die katastrophale Versorgung schien sich die leidgeprüfte Bevölkerung über Jahre gewöhnt zu haben. Dann aber verschätzte sich die Regierung: Denn während sie einerseits international für den Ausbau der Gas- und Öllagerstätten warb, erhöhte sie im eigenen Land die Preise für den Brennstoff am 15. August drastisch. Der Preis für Gas stieg um 500 Prozent, derjenige für Diesel wurde verdoppelt. Seit April des Jahres, so berichten Burmesen, hätten sich die Lebenshaltungskosten um mehr als 40 Prozent erhöht. Ein Viss (1,7 Kilogramm) Hühnchenfleisch kostet das Doppelte wie noch vor zwölf Monaten.
Auch 1988 waren es Preiserhöhungen (damals für Reis) und die plötzliche Geldentwertung, die die Menschen auf die Straße trieb. Offiziell kostet ein Dollar 6 Kyat. In Wirklichkeit liegt der Kurs bei mehr als 1300 Kyat. Über das reale Wirtschaftswachstum kann man nur rätseln. „Eine Einschätzung der ökonomischen Entwicklung wird durch unvollständige Informationen und durch wenig verlässliche Daten erschwert“, heißt es im Jahresbericht der Asiatischen Entwicklungsbank. Der OAV spricht von einer „konzeptlosen, erratischen Wirtschaftspolitik“. Die Regierung selbst legt schon seit Jahren keine Haushaltspläne mehr vor.
Christoph Hein Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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