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Veröffentlicht: 15.03.2016, 10:49 Uhr

Kirche in der Flüchtlingskrise Müssen wir alle Fremden lieben, Herr Kardinal?

Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, über christliche Prinzipien in der Flüchtlingskrise, den schwarzen Pfarrer von Zorneding und den Streit mit der CSU.

von und
© Jan Roeder Die Aufnahme von Flüchtlingen könnte Deutschland „langfristig viel Gutes bringen“, erklärt Kardinal Reinhard Marx im Interview.

Herr Kardinal, was weiß die Bibel zu den Flüchtlingen: Alle, die mühselig und beladen sind, sollen kommen?

Ralph Bollmann Folgen: Rainer Hank Folgen:

Es gibt das wunderbare Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Ein Mann, der unter die Räuber gefallen ist, liegt am Wegesrand. Der Priester geht einfach weiter, weil er sich fragt: Was wird aus mir, wenn ich ihm helfe? Genauso macht es der Levit, ein gebildeter Mann. Einzig der Samariter, der selbst schon ein Ausgestoßener ist, fragt: Was wird aus ihm, wenn ich vorübergehe?

Was wird aus mir, was wird aus ihm – sind nicht beide Fragen zu bedenken, wenn es heißt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst?

Schon. Trotzdem darf es nie heißen: Liebe nur dich und interessiere dich nicht dafür, welche Folgen dein Tun und Unterlassen für andere hat. Zum Gleichnis vom Samariter gehört auch, dafür zu sorgen, dass die Wege von Jerusalem nach Jericho sicherer werden – damit weniger Leute unter die Räuber fallen. Wir sind aufgerufen, alles zu unternehmen, damit denen geholfen wird, die in Not sind.

Der heilige Augustinus sagt: Wir können nicht alle lieben. Hat er recht?

Gut, da wird in gewisser Weise niemand widersprechen, weil Liebe als persönliche Hinwendung und Nähe verstanden wird. Aber wir sind doch auf verschiedenen Ebenen mitverantwortlich für das, was auf dieser Welt geschieht. Wir müssen unseren Teil dazu beitragen, dass Not langfristig überwunden wird. Und wir müssen grundsätzlich die Folgen unseres Handelns für alle Menschen im Blick behalten.

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Wonach richtet sich, wem wir helfen?

Zuerst hinschauen auf die, die Hilfe erbitten, und dann auf die Möglichkeiten, die wir haben und die vor Ort vorhanden sind. Die Gesamtzahl der Flüchtlinge auf der Welt hat ja gar nicht so sehr zugenommen. Neu ist, dass uns jetzt die Not der Welt erreicht, die der Westen übrigens in Teilen mitverantwortet. Der Irak-Krieg ist zum Beispiel eine Ursache der heutigen Probleme.

Damit hat Deutschland nun wirklich nichts zu tun.

Aber wir sind doch in einer Verantwortungsgemeinschaft auch hinsichtlich vieler anderer Konflikte und Fluchtursachen im Nahen und Mittleren Osten.

Folgt aus dem Gleichnis vom Samariter, dass wir jeden aufnehmen müssen? Oder darf ein Christ auswählen?

Zumindest müssen wir fair prüfen, ob jemand verfolgt ist. Zur Achtung der Menschenwürde gehört: In eine Situation, in der das Leben bedroht ist, dürfen wir niemanden zurückschicken. Sichere Grenze, das heißt scheinbar für einige: Wir sind vor den Flüchtlingen sicher. Aber sichere Grenze heißt auch: Die Flüchtlinge sind bei uns sicher vor Krieg, Verfolgung und existentieller Bedrohung.

 
Kardinal Marx erklärt im Gespräch mit der FAS, wie sich die Kirche in der #Flüchtlingskrise positioniert:
 
Müssen wir alle Fremden lieben? Kardinal Marx im Gespräch mit der F.A.S. über die #Flüchtlingskrise
 
Kardinal Marx: In eine Situation, in der das Leben bedroht ist, dürfen wir niemanden zurückschicken.

Also gibt es keine Obergrenze, da sind Sie bei der Kanzlerin?

Der Begriff Obergrenze hilft überhaupt nicht weiter – was nicht ausschließt, dass Flüchtlinge zurückkehren sollen, wenn das möglich ist. Dabei müssten wir allerdings auch helfen. Von den Balkanflüchtlingen der neunziger Jahre ist nur der kleinere Teil dauerhaft bei uns geblieben. Wir wissen auch jetzt noch nicht, wie sich die Situation entwickelt.

Es gibt Push-Faktoren wie den syrischen Bürgerkrieg. Es gibt aber auch Pull-Faktoren: Wir haben die Flüchtlinge doch regelrecht aufgefordert, in Scharen zu uns zu kommen?

Vergessen wir bitte nicht: Es geht um Menschen, nicht um ein Reiz-Reaktions-Schema. Das ist das mechanistische Menschenbild von manchen Politikern oder Ökonomen, die meinen: Wir haben ein Instrumentarium, dann pfeifen die Menschen nach unserer Melodie. Wenn wir das Kindergeld erhöhen, zeugen sie mehr Nachwuchs. Das ist doch Unsinn! Natürlich sind Menschen beeinflussbar. Aber bis sich jemand auf den Weg macht und mit seiner Familie sein Leben riskiert, muss sehr viel passieren.

Wirtschaftsflüchtlinge kann man zurückschicken?

Das würde ich so einfach nicht sagen. Wir haben jahrelang über Einwanderung nicht vernünftig gesprochen. Und so einfach kann man die Fluchtursachen gar nicht unterscheiden. Nehmen Sie die Frauen, die in Lampedusa aus Afrika ankommen. Natürlich könnte man sagen, sie sind eher Wirtschaftsflüchtlinge. Aber sie haben alles hinter sich gelassen, haben oft schreckliche Erfahrungen bis hin zu Vergewaltigungen hinter sich. Wie können sie zurück in ihre Heimat?

Wäre es besser, die Situation in der Region zu verbessern?

Die Bischöfe von dort sagen: Wenn die Leute in der Nähe bleiben, kommen sie nach den Kriegen mit größerer Wahrscheinlichkeit zurück. Aber die Menschen müssen selbst entscheiden, wo sie ihre Zukunft sehen. Außerdem haben wir im Libanon, in Jordanien, in der Türkei schon Millionen von Flüchtlingen. Was geschieht, wenn diese Länder zusammenbrechen? Glauben wir, dass sie die Situation besser ertragen können als wir? Aber sicher sollte man alles tun, um auch diesen Ländern zu helfen.

Das ist kein gesinnungsethisch-humanitäres Argument, sondern ein verantwortungsethisch-politisches.

Das gehört zusammen! Dabei ist das Wort Gesinnung eigentlich viel zu schwach. Ich rede lieber von Prinzipienethik. In der jetzigen Lage beneide ich niemanden, der Realpolitik betreiben muss. Aber Realpolitik bedeutet jedenfalls nicht, prinzipienlose Politik zu betreiben nach dem Motto: Wenn ein paar Leute im Mittelmeer untergehen, dann müssen wir das hinnehmen.

Warum werben Sie nicht stärker für die Aufnahme von Christen? Verbietet das der Universalismus?

Eine besondere Sorge um die Christen steht uns als Kirche nicht nur gut an, sondern wir haben hier einen konkreten seelsorgerlichen Auftrag. Wir können aber nicht sagen: Nur wenn du Christ bist, wird dir geholfen. Und wenn man jetzt von Spannungen zwischen Muslimen und Christen in den Flüchtlingsheimen hört: Solche Spannungen gibt es mehr noch zwischen Muslimen untereinander. Der große religiöse Konflikt, der natürlich politisch instrumentalisiert wird, verläuft zwischen Schiiten und Sunniten. Es gibt keine einheitliche islamische Front gegen den Westen oder gegen die Christen.

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Haben Sie verstanden, worin der Konflikt theologisch besteht?

Das ist zunächst ein Thema für islamische Theologen. Wir appellieren an die muslimischen Autoritäten, aufeinander zuzugehen. Das erwarte ich besonders von Iran und von Saudi-Arabien. Das sind sehr stark von der Religion geprägte Staaten. Sie müssen einlösen und klären, was sie immer sagen: dass der Islam eine friedliche Religion ist.

Selbst der gläubige Muslim Navid Kermani sagt, der Islam sei inzwischen geistig implodiert.

Nochmals: Die Debatte um den Islam müssen die Islamwissenschaftler und die Muslime selbst führen. Natürlich ist Religion auch in der Geschichte des Christentums dazu benutzt worden, Menschen gegeneinander aufzuhetzen – nehmen Sie nur den Dreißigjährigen Krieg. Vielleicht ist Religion anfällig, weil sie den Menschen ganz ergreifen kann. In allen Religionen werden Fundamentalismen stärker. Aber auch jenseits der Religion nimmt die Neigung zu, in Schwarzweiß-Kategorien zu denken.

Verteidigen Sie die Muslime, weil Sie hinter dem Islamhass eine allgemeine Religionsfeindschaft vermuten?

Gerade in Frankreich kommt derzeit eine laizistische Haltung wieder hoch: Religion an sich ist die Ursache des Problems, sie bringt die Menschen gegeneinander auf. Es ist aber vielmehr so, dass Religion in Konflikten oft für politische Zwecke missbraucht wurde.

Stimmt es, dass mit den drei monotheistischen Religionen eine neue Art von Intoleranz in die Welt kam?

Andere Weltanschauungen sind auch nicht gewaltfrei. Aber die These hat einen wahren Kern. Als sich das Christentum im Römischen Reich zur Staatsreligion entwickelte, wurde es in gewisser Weise intoleranter. Man konnte sich nicht vorstellen, dass verschiedene Wahrheiten nebeneinander existieren, ohne dass man den Wahrheitsanspruch für sich selbst aufgibt.

Die Pegida-Aktivisten sagen, sie kämpfen für das christliche Abendland. Ist das Fundamentalismus?

Viele Äußerungen, die ich höre, sind von Hass und Abgrenzung geprägt. Da erkenne ich von Christentum nicht viel.

Verstehen Sie, was da los ist?

Ich brüte noch über dieser Frage. Wir wissen seit Jahren, dass zehn bis zwölf Prozent der Bevölkerung latent antisemitisch oder rassistisch sind. Es brauchte offenbar die Überwindung einer gewissen Schamschwelle, um das zu artikulieren. Auch scheinbar gebildete Menschen schreiben mir jetzt verstärkt mit einer Hemmungslosigkeit, über die ich entsetzt bin.

Den Fremden gegenüber?

Auch Mitbürgern gegenüber, die andere Meinungen haben. Der politische Streit ist enthemmter geworden. Auch mit Blick auf den amerikanischen Wahlkampf frage ich mich: Ist das ein politischer Diskurs, wie wir ihn wünschen? Ist das wirklich der Höhepunkt der Zivilisation, wie wir ihn denken: Demokratie, Marktwirtschaft, Menschenrechte?

An diesem Sonntag werden mutmaßlich 10 bis 15 Prozent der Menschen in drei Bundesländern AfD wählen. Sind die alle Rassisten?

Solche pauschalen Äußerungen sind nicht meine Sache. Ich schaue mir aber die einzelnen Personen und Aussagen an.

Selbst als die AfD noch vergleichsweise gemäßigt war, haben Sie gesagt: Ein Christ darf sie nicht wählen.

Ich gebe so einfach keine Wahlempfehlung ab. Ich sage: Ein Christ darf seine Stimme niemandem geben, der Hass verbreitet oder Rassismus predigt, der ausgrenzt und ein Freund-Feind-Schema propagiert.

Im oberbayerischen Zorneding wurde ein dunkelhäutiger Pfarrer bedroht und verjagt, auch von christlich-sozialen Lokalpolitikern. Ist die CSU eine Partei, die Hass verbreitet?

Es gab Auseinandersetzungen vor Ort, die nicht gut gelaufen sind. Das hat jedoch Konsequenzen gehabt, aber es wurden auch Versöhnungsgespräche geführt. Jeder Politiker muss sich prüfen, nicht nur ein christlicher: Baue ich Brücken? Bin ich in meiner Kritik so reflektiert, dass ich andere nicht verunglimpfe?

Offensichtlich hat es Ihr Priester dort nicht mehr ausgehalten.

Er hat aus gutem Grund gesagt: Das ist mir zu viel.

Ist die Botschaft: Die Kirche macht einen Rückzieher?

Wir müssen zuerst an den Pfarrer denken. Seine Entscheidung muss ich als Bischof respektieren, obwohl ich den Rückzug bedauere.

Wird er in Bayern neu anfangen?

Natürlich. Da ist er guter Dinge und zuversichtlich.

Handelt die CSU in der Flüchtlingspolitik christlich?

Die Nähe zum Christentum und zur Kirche bestimmen die Parteien selbst. Aber es gibt ethische Basics, die nicht verhandelbar sind. Die habe ich immer wieder deutlich gemacht. Ich gehe davon aus, dass die CSU die akzeptiert. Aber ich gebe zu, dass manche Äußerungen mich zumindest irritiert haben. Dazu gehört der Begriff Obergrenze, der eine Lösung suggeriert, die so nicht zu finden ist.

Vertritt Seehofer eine legitime christliche Position?

Ich nehme Ministerpräsident Seehofer ab, dass er nach bestem Wissen und Gewissen seine Position vertritt. Ich gebe zu, mir wäre wirklich lieber, dass in einer solchen herausfordernden Situation die Regierung gemeinsam und im vertrauensvollen Miteinander agiert.

Die Nähe zwischen katholischer Kirche und CSU war schon mal größer?

Man kann nicht immer einer Meinung sein. Deshalb ist es für mich wichtig, das Gespräch zu suchen, aber auch deutlich Kritik zu üben, wo ich es für nötig halte.

Ist es legitim, über Kosten und Nutzen von Integration zu reden?

Natürlich. Aber ich würde mich freuen, wenn wir den Blick auch auf die Chancen und nicht nur auf die Risiken richten würden. Menschen, die zu uns kommen, teilhaben und sich einbringen, können durchaus zum Gedeihen unseres Landes beitragen.

Gibt es Grenzen der Belastbarkeit?

Für wen – für uns oder für die Flüchtlinge? Da bin ich wieder beim Samariter. Diese Menschen tragen doch erst einmal die Hauptlasten. Selbstverständlich wäre es besser, sie könnten in ihre Heimat zurück. Aber wenn sie hier sind, sollen sie eine Chance bekommen.

Das ist kein Nullsummenspiel wie beim heiligen Martin, der seinen Mantel in der Mitte teilt – und beide haben hinterher gleich wenig?

Die Aufnahme und Integration der Flüchtlinge wird erst einmal viel kosten. Aber sie können langfristig viel Gutes bringen, auch für uns. Wer weiß, welche guten Botschafter Menschen in ihren Ländern sein können, die hier Bildung und Sprache erlernt haben. Denn: Niemand ist überflüssig. Jeder Mensch ist ein Gedanke Gottes – und ein Geschenk an die ganze Welt.

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Von Holger Steltzner

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