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Kirche in der Flüchtlingskrise : Müssen wir alle Fremden lieben, Herr Kardinal?

Die Aufnahme von Flüchtlingen könnte Deutschland „langfristig viel Gutes bringen“, erklärt Kardinal Reinhard Marx im Interview. Bild: Jan Roeder

Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, über christliche Prinzipien in der Flüchtlingskrise, den schwarzen Pfarrer von Zorneding und den Streit mit der CSU.

          Herr Kardinal, was weiß die Bibel zu den Flüchtlingen: Alle, die mühselig und beladen sind, sollen kommen?

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Rainer Hank

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es gibt das wunderbare Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Ein Mann, der unter die Räuber gefallen ist, liegt am Wegesrand. Der Priester geht einfach weiter, weil er sich fragt: Was wird aus mir, wenn ich ihm helfe? Genauso macht es der Levit, ein gebildeter Mann. Einzig der Samariter, der selbst schon ein Ausgestoßener ist, fragt: Was wird aus ihm, wenn ich vorübergehe?

          Was wird aus mir, was wird aus ihm – sind nicht beide Fragen zu bedenken, wenn es heißt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst?

          Schon. Trotzdem darf es nie heißen: Liebe nur dich und interessiere dich nicht dafür, welche Folgen dein Tun und Unterlassen für andere hat. Zum Gleichnis vom Samariter gehört auch, dafür zu sorgen, dass die Wege von Jerusalem nach Jericho sicherer werden – damit weniger Leute unter die Räuber fallen. Wir sind aufgerufen, alles zu unternehmen, damit denen geholfen wird, die in Not sind.

          Der heilige Augustinus sagt: Wir können nicht alle lieben. Hat er recht?

          Gut, da wird in gewisser Weise niemand widersprechen, weil Liebe als persönliche Hinwendung und Nähe verstanden wird. Aber wir sind doch auf verschiedenen Ebenen mitverantwortlich für das, was auf dieser Welt geschieht. Wir müssen unseren Teil dazu beitragen, dass Not langfristig überwunden wird. Und wir müssen grundsätzlich die Folgen unseres Handelns für alle Menschen im Blick behalten.

          Wonach richtet sich, wem wir helfen?

          Zuerst hinschauen auf die, die Hilfe erbitten, und dann auf die Möglichkeiten, die wir haben und die vor Ort vorhanden sind. Die Gesamtzahl der Flüchtlinge auf der Welt hat ja gar nicht so sehr zugenommen. Neu ist, dass uns jetzt die Not der Welt erreicht, die der Westen übrigens in Teilen mitverantwortet. Der Irak-Krieg ist zum Beispiel eine Ursache der heutigen Probleme.

          Damit hat Deutschland nun wirklich nichts zu tun.

          Aber wir sind doch in einer Verantwortungsgemeinschaft auch hinsichtlich vieler anderer Konflikte und Fluchtursachen im Nahen und Mittleren Osten.

          Folgt aus dem Gleichnis vom Samariter, dass wir jeden aufnehmen müssen? Oder darf ein Christ auswählen?

          Zumindest müssen wir fair prüfen, ob jemand verfolgt ist. Zur Achtung der Menschenwürde gehört: In eine Situation, in der das Leben bedroht ist, dürfen wir niemanden zurückschicken. Sichere Grenze, das heißt scheinbar für einige: Wir sind vor den Flüchtlingen sicher. Aber sichere Grenze heißt auch: Die Flüchtlinge sind bei uns sicher vor Krieg, Verfolgung und existentieller Bedrohung.

          Also gibt es keine Obergrenze, da sind Sie bei der Kanzlerin?

          Der Begriff Obergrenze hilft überhaupt nicht weiter – was nicht ausschließt, dass Flüchtlinge zurückkehren sollen, wenn das möglich ist. Dabei müssten wir allerdings auch helfen. Von den Balkanflüchtlingen der neunziger Jahre ist nur der kleinere Teil dauerhaft bei uns geblieben. Wir wissen auch jetzt noch nicht, wie sich die Situation entwickelt.

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