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Debatte um Widerspruchslösung : Wird die Organspende zum Normalfall?

Höchste Konzentration: Eine Operation am Universitätsklinikum Essen Bild: LAIF

Wenig Menschen sind noch bereit, nach dem Tod Organe zu geben. Soll künftig jeder zum Spender werden, der nicht zeitlebens ausdrücklich widersprochen hat?

          Die Zahl der Organspender geht seit Jahren immer mehr zurück. Um den Trend zu stoppen und umzukehren, sind im Koalitionsvertrag organisatorische Verbesserungen in den Kliniken verabredet worden. Vielen geht das nicht weit genug, sie fordern eine Änderung der Rechtslage. Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank-Ulrich Montgomery, plädierte gegenüber der F.A.Z. für einen Systemwechsel, weg vom Spenderausweis, hin zur Widerspruchslösung. Die besagt im Kern, dass die Zustimmung zur Organspende gegeben ist, solange ihr nicht ausdrücklich widersprochen wird. Führende Gesundheitspolitiker der Koalition unterstützen solch einen, im Koalitionsvertrag nicht verabredeten Systemwechsel gegenüber der F.A.Z.; es kommt dazu allerdings auch Widerspruch aus den Fraktionen.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          In den Niederlanden war die Einführung der Widerspruchslösung erst zum Jahresanfang beschlossen worden, in der Schweiz soll darüber abgestimmt werden. Sie ist in der großen Mehrzahl der europäischen Staaten die Regel. In Deutschland war die Zahl der Organspenden im vergangenen Jahr auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren gesunken.

          „Es besteht offenkundig Handlungsbedarf“

          Nicht erst seit der Entscheidung in den Niederlanden stehe das Thema Widerspruchslösung auch in Deutschland zur Diskussion, sagte Montgomery. „Ich persönlich halte die Widerspruchslösung für richtig. Aus medizinischer Sicht, vor allem aber aus Sicht der vielen schwerkranken Patienten auf der Warteliste wäre eine solche Regelung der Idealfall“, sagte der Ärztepräsident. Sein Stellvertreter Max Kaplan aus Bayern und der Vorsitzende der Ärztekammer Westfalen, Theodor Windhorst, hatten sich zuvor ähnlich geäußert, auch wenn das über die offizielle Beschlusslage der deutschen Ärzteschaft hinausgeht, die sich damit zuletzt auf dem Ärztetag 2012 befasst hatte.

          In der Koalition gibt es dafür Unterstützung. Georg Nüßlein (CSU), stellvertretender Vorsitzender der Unionsfraktion, sprach sich für eine Änderung der geltenden Regelung aus, wonach ein Organspender seine Entscheidung aktiv durch seine Unterschrift auf dem Spenderausweis dokumentiert haben muss. Die jetzige Regelung sei gescheitert, wie man an der seit Jahren sinkenden Zahl der Organspender sehe. „Es besteht offenkundig Handlungsbedarf“, sagte Nüßlein der F.A.Z und fügte hinzu: „Ich persönlich bin für die doppelte Widerspruchslösung.“ Nach der Regel können auch Angehörige einer Organentnahme dann widersprechen, wenn der potentielle Spender dazu keine Verfügung gemacht hat.

          Der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Karl Lauterbach sagte dieser Zeitung: „Langfristig sehe ich nur in der Widerspruchsregel eine Lösung des Problems mangelnder Organspenden.“ Die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Sabine Dittmar, zeigte sich für das Modell offen. „Man kann es einem Menschen schon abverlangen, sich zu entscheiden“, sagte sie. Allerdings bezweifelte die Allgemeinmedizinerin, dass es dafür aktuell eine Mehrheit Im Bundestag gebe. Kurzfristig könne man durch organisatorische und finanzielle Änderungen in jenen Krankenhäusern, wo Organe entnommen werden, eine Verbesserung der Zahl der Spender erreichen. Dazu heißt es im Koalitionsvertrag: „Dazu werden wir eine verbindliche Freistellungsregelung für Transplantationsbeauftragte schaffen und diese finanzieren. Die Organentnahme wird höher vergütet.“

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