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Whisky-Industrie Johnnie Walker in der Krise

29.08.2009 ·  Die schottische Whisky-Industrie wird nach einem langen Aufschwung von der Rezession eingeholt. Der Branchenriese Diageo setzt den Rotstift an. Für Schottland ist der Whisky ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Von Marcus Theurer, London
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Billy Paterson wird seine Flugblätter nicht los. Morgens um sieben Uhr ist selbst die Gegend um die Londoner Einkaufsmeile Oxford Street noch ziemlich ausgestorben. Und so steht der stämmige Schotte etwas ratlos vor der Hauptverwaltung seines Arbeitgebers Diageo und hält Ausschau nach Passanten. Paterson ist hier, weil er seinen Job retten will. Er ist 59 Jahre alt, und 44 Jahre davon hat er in der Whisky-Fabrik von Johnnie Walker in seiner schottischen Heimatstadt Kilmarnock gearbeitet. Es ist der Ort, an dem Unternehmensgründer John Walker 1820 seinen ersten Laden eröffnete. Das 40 Kilometer südlich von Glasgow gelegene Kilmarnock ist die Geburtsstätte der weltweit meistverkauften schottischen Whisky-Marke.

„Wir haben damit gerechnet, dass wegen der Rezession ein paar Stellen wegfallen, das ist normal“, sagt Paterson. „Dass Sie uns ganz abwickeln wollen, war für uns bisher unvorstellbar.“ Aber Diageo, der größte Spirituosenkonzern der Welt, will den Verpackungs-Standort in der 40.000-Einwohner-Stadt tatsächlich komplett schließen. Firmenhistorie hin oder her - die Abfüllung soll ins zwei Autostunden entfernte Fife verlagert werden. Alle 700 Arbeitsplätze in Kilmarnock, wo Johnnie Walker der mit Abstand größte private Arbeitgeber ist, sollen wegfallen. Deshalb sind Paterson und eine Gruppe von Mitstreitern aus Kilmarnock an diesem Morgen hier. Die Chefin der Stadtverwaltung ist da, Lokalpolitiker und der örtliche Unterhaus-Abgeordnete.

Die Sorge wächst

In Schottland schlägt die im Juli angekündigte Schließung der Johnnie-Walker-Fabrik hohe Wellen. An einem Protestzug durch Kilmarnock nahmen kürzlich 20.000 Menschen teil. Die Sorge wächst, dass diese Kürzungen nur der Anfang sind. Kurz nach Diageo gab auch die kleinere Brennerei Whyte & Mackay Stellenstreichungen bekannt. „Wenn ein Unternehmen die Kosten kürzt, fangen auch die anderen an, darüber nachzudenken“, sagt der Alan Gray, Analyst beim Brokerhaus Sutherlands in Edinburgh, der sich seit Jahrzehnten mit der schottischen Whiskyindustrie befasst. Für Schottland ist die Branche mit einem Exportvolumen von mehr als 3 Milliarden Pfund im Jahr ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

40.000 Beschäftigte arbeiten in den mehr als hundert Destillerien im Land, von denen viele Großkonzernen wie Diageo und Pernod Ricard gehören. Bevor die Wirtschaftskrise zuschlug, haben die Scotch-Hersteller glänzende Geschäfte gemacht: Angetrieben von der neuen Nachfrage aus Asien und dem Nahen Osten, ist der Absatz der Branche zwischen 2004 und 2007 um rund ein Fünftel gewachsen. Vergangenes Jahr schrumpfte er dagegen um 5 Prozent, und im ersten Quartal 2009 betrug das Minus nach Schätzung von Gray sogar knapp 20 Prozent.

„Wir bekommen Unterstützung aus der ganzen Welt“

In Kilmarnock hat Rathauschefin Fiona Lees eine Kampagne organisiert, die mittlerweile rund 50 000 Unterschriften gegen die Schließung der Johnnie-Walker-Fabrik gesammelt hat. „Das ist nicht nur ein schottisches Thema. Johnnie Walker ist eine Weltmarke, und wir bekommen Unterstützung aus der ganzen Welt“, sagt Lees. In den kommenden Wochen will die schottische Regierung mit dem Management von Diageo über Alternativen zu den Kürzungsplänen verhandeln.

Der Diageo-Chef verteidigt die Sparmaßnahmen in Kilmarnock und anderswo. „Im derzeitigen Marktumfeld müssen wir sehr, sehr wettbewerbsfähig sein“, sagt Walsh. Diese Woche hat Diageo die Zahlen für das Geschäftsjahr 2008/2009 (30. Juni) veröffentlicht: Der Vor-SteuerGewinn ist um 3,7 Prozent auf 2,0 Milliarden Pfund (knapp 2,3 Milliarden Euro) gesunken. Der Umsatz auf vergleichbarer Basis stagnierte bei 9,3 Milliarden Pfund. Das Geschäft mit Johnnie Walker, einer der wichtigsten Marken von Diageo, ist wegen der Rezession um 11 Prozent geschrumpft. Im wichtigen asiatischen Markt ist der Absatz der Marke sogar um ein Fünftel gefallen.

Millionen von Asiaten haben noch nie von Johnny Walker gehört

Das umstrittene Kürzungsprogramm soll nun die Kosten um weitere 40 Millionen Pfund senken. „Die Einsparungen bringen uns Spielraum, um in Wachstumsmärkten ins Marketing investieren zu können“, sagt Vorstandschef Walsh. Um Marken wie Johnnie Walker, Smirnoff, Baileys oder Guinness populär zu machen, hat Diageo vergangenes Jahr 1,3 Milliarden Pfund ausgegeben. Millionen von Asiaten haben noch nie von Johnnie Walker gehört. Das zu ändern ist teuer.

Der Whisky-Experte Alan Gray kann die Entscheidung von Diageo trotzdem nicht nachvollziehen. Er warnt vor einem Imageschaden für die Marke. „Die Verbindung zwischen Kilmarnock und Johnnie Walker ist sehr eng, und für sehr viele Leute ist das wichtig“, sagt Gray. Er kritisiert, dass Diageo zu kurzfristig denke. „In einem Jahr wird der Whiskymarkt wieder wachsen“, prognostiziert der Experte.

1000 Flaschen im Jahr für China

Mike Keiller muss auf steigende Umsätze nicht bis 2010 warten. „Wir liegen bei Absatz und Erlösen klar über dem Vorjahr“, sagt der Geschäftsführer von Morrison Bowmore. Die Whisky-Brennerei aus Glasgow hat die Wirtschaftskrise bisher in einer Nische des Scotch-Marktes gut überstanden: Morrisson Bowmore hat sich auf sogenannte Single Malts spezialisiert. Anders als „Blended“-Sorten werden diese besonders teuren Whiskys nicht aus den Erzeugnissen verschiedener Brennereien gemischt, sondern nur in einer Destillerie hergestellt.

Die erst in den vergangenen zehn Jahren populär gewordenen luxuriösen Single Malts gibt es mittlerweile auf allen Flughäfen im Duty-Free-Laden, und der Absatz wächst auch ohne schwindelerregende Marketing-Budgets kontinuierlich. Doch noch immer machen Single Malts nur rund zehn Prozent des Gesamtmarktes aus. Im Vergleich zu Johnnie Walker ist Morrison Bowmore ein Zwerg: Das Unternehmen setzt mit seinen 175 Mitarbeitern weniger als 40 Millionen Pfund im Jahr um. Dafür allerdings muss sich Geschäftsführer Keiller auch keine Sorgen über seine Verkaufszahlen im Reich der Mitte machen: „Für uns ist der chinesische Markt winzig. Da setzen wir nur 1000 Flaschen im Jahr ab“, sagt er.

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Jahrgang 1972, Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

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