Home
http://www.faz.net/-gqe-6z19o
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Wettbewerbsfähigkeit Frankreich unter Druck

 ·  Knapp zwei Wochen vor der Präsidentenwahl in Frankreich wird dort heftig über die Wirtschaftspolitik gestritten. Grund ist zum einen die steigende Arbeitslosigkeit, aber noch mehr der Verlust der Top-Bonitätsnote. Frankreichs Wettbewerbsfähigkeit ist bedroht.

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (14)

Inwieweit eine Regierung die Wirtschaft und die Notenbank steuern soll, darüber ist man diesseits und jenseits des Rheins unterschiedlicher Meinung. Das hat die Euro-Krise klar gezeigt. Am deutlichsten wurden die Differenzen bei der Frage, welche Aufgaben die Europäische Zentralbank in der Krisenbekämpfung übernehmen soll. Nicht nur die französische Regierung, auch zahlreiche bekannte französische Ökonomen wie Jean-Paul Fitoussi, Jacques Attali oder Benoît Coeuré forderten ein stärkeres Engagement der Notenbank.

Eine längerfristige Perspektive zeigt jedoch, dass sich die wirtschaftspolitischen Vorstellungen beider Länder angenähert haben. So groß wie in der Nachkriegszeit sind die Unterschiede heute nicht mehr. Hierzulande wurde damals den ordnungspolitischen Vorstellungen von Walter Eucken und Alfred Müller-Armack folgend der freie Wettbewerb als Instrument der Koordinierung etabliert. Im Wettbewerb sollte sich entscheiden, wie knappe Ressourcen verwendet werden.

Noch immer hoher Einfluss des Staates

Anders in Frankreich: Dort verstaatlichte man viele große Unternehmen und plante die Industrialisierung des Landes zentralstaatlich. Gleichzeitig kontrollierte der Staat die Geld- und Lohnpolitik sowie große Teile des Finanzsektors. Später verfolgte die Regierung das Ziel, heimische Unternehmen zu internationalen Großkonzernen aufzubauen. Noch in den achtziger Jahren wurden Preise reguliert.

Als das französische Modell Mitte der siebziger Jahre - in der Phase der Stagflation nach der Ölpreiskrise - unter Druck geriet, wurde der Einfluss des Staates auf die Wirtschaft zurückgenommen. Später begrenzte die europäische Integration die Möglichkeiten der Pariser Regierung, in das Wirtschaftsgeschehen einzugreifen. Doch trotz dieser Liberalisierung ist der Einfluss des französischen Staates auf die heimische Wirtschaft weiter groß.

Im Moment wird über die französische Wirtschaftspolitik abermals heftig gestritten. Grund hierfür ist zum einen die steigende Arbeitslosigkeit, noch mehr aber der Verlust der Top-Bonitätsnote AAA durch die Ratingagentur S & P im Januar. Betrachtet man die Entwicklung des Default-Index des Centrums für Europäische Politik (CEP), wird deutlich, dass der wirtschaftliche Verfall Frankreichs schon mehrere Jahre andauert. Der Index, der die Fähigkeit von Volkswirtschaften misst, im Ausland aufgenommene Kredite zurückzuzahlen, sank 2011 zum vierten Mal in Folge. Zurückzuführen ist dies auf die zunehmenden Leistungsbilanzdefizite Frankreichs und die damit einhergehende Abhängigkeit von ausländischen Krediten.

Ausgelöst wurde die Entwicklung durch einen Verlust der Wettbewerbsfähigkeit, der sich in der Entwicklung der französischen Lohnstückkosten manifestiert. Seit der Euro-Einführung sind sie um 26 Prozent gestiegen. Der Anstieg liegt damit nicht nur merklich über dem Durchschnitt des Euroraums (21,7 Prozent), sondern weit über dem Deutschlands (6,3 Prozent), des wichtigsten Handelspartners Frankreichs.

Die nachlassende französische Wettbewerbsfähigkeit zeigt sich auch im geringen Exportwachstum. In der Zeit vor dem Euro hat die französische Regierung solche Wettbewerbsnachteile regelmäßig durch eine Abwertung des Franc gelöst. So entsprach im Jahr 1953 ein Franc noch einer 1,19 DM. Als der Euro eingeführt wurde, waren es nur noch 0,30 DM. Dieser Weg einer Abwertung ist nun versperrt. Um die Leistungsbilanzdefizite und mithin die Abhängigkeit von ausländischen Krediten zu reduzieren, müssen die französischen Lohnstückkosten im Vergleich zu den Haupthandelspartnern sinken.

Kaum Innovationen aus Frankreich

Eine Senkung der Lohnstückkosten ist grundsätzlich auf zwei Arten möglich: über eine Steigerung der Arbeitsproduktivität durch Investitionen und Innovationen oder durch Senkung der Arbeitskosten. Die französischen Investitionen sind seit mehreren Jahren überdurchschnittlich. Die nachlassende Wettbewerbsfähigkeit ist somit nicht auf eine geringe Investitionstätigkeit zurückzuführen.

Die Innovationsfähigkeit der französischen Wirtschaft weist jedoch Schwächen auf. In den vergangenen Jahren ist es kaum gelungen, durch innovative Produkte Weltmarktanteile zu erobern. Dementsprechend bestehen die französischen Exporte zum großen Teil aus Gütern mit einem geringen oder mittleren Technologiegehalt, wie sie auch von Schwellenländern hergestellt werden. Der Preiswettbewerb ist bei diesen Gütern besonders hart.

Frankreich hat besonders in den siebziger Jahren Großunternehmen gefördert, nun fehlen aber kleine und mittlere High-Tech-Unternehmen. In den vergangenen Jahren hat die Pariser Regierung zwar mehrere Maßnahmen verabschiedet, um die Innovationsfähigkeit zu verbessern. Der Erfolg solcher Maßnahmen kann sich jedoch erst mittelfristig zeigen. Ein substantieller Anstieg der Arbeitsproduktivität ist kurzfristig nicht zu erwarten.

Um die Wettbewerbsfähigkeit kurzfristig wieder herzustellen, bleibt somit nur eine moderate Entwicklung der Löhne Seit 1999 sind sie in Frankreich um 41,7 Prozent gestiegen. Der Anstieg lag damit sowohl über den Produktivitätsfortschritten als auch über dem Wachstum der

Arbeitnehmerentgelte in der Eurozone (28,3 Prozent) und in Deutschland (19,2 Prozent). Problematisch sind insbesondere die hohen Lohnnebenkosten. Sie zählen europaweit zu den höchsten.

Die Wiederherstellung der französischen Wettbewerbsfähigkeit setzt eine weitere Liberalisierung der Wirtschaft voraus. Ob die französische Regierung dazu bereit ist, scheint jedoch zweifelhaft. Die Forderungen an Deutschland, die Binnennachfrage zu steigern und die Löhne zu erhöhen, lassen vielmehr vermuten, dass Frankreich seine Wettbewerbsfähigkeit auch zukünftig durch staatliche Eingriffe wiedererlangen möchte.

Der Autor ist Fachbereichsleiter am Centrum für Europäische Politik in Freiburg.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Mütter der (Solar-)Subvention

Von Lisa Nienhaus

Wieso regen wir uns auf über billige chinesische Solarmodule? Eigentlich sollten wir uns einfach bedanken und freuen, dass die Energiewende so etwas günstiger vonstatten geht. Mehr 5

Umfrage

Gentests machen Aussagen über das Risiko künftiger Krankheiten. Wollen Sie Ihr Risiko kennen?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

Wichtigste Werte
Name Wert Änderung
  F.A.Z.-Index --  --
  Dax --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  F.A.Z.-Anleih… --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --
  Bund Future --  --