16.12.2008 · In Deutschland ist es Nicht-Apothekern verboten, eine Apotheke zu besitzen. Der Generalanwalt beim Europäischen Gerichtshof hat das nun für zulässig erklärt. Das ist ein Rückschlag für große Unternehmen, die in den Markt einsteigen wollen. Doch längst sehen Apotheken nicht mehr aus wie einst.
Von Lisa NienhausIm europäischen Rechtsstreit um eine mögliche Marktöffnung zugunsten von Apothekenketten zeichnet sich vor dem höchsten EU-Gericht ein Sieg für die deutschen Apotheker ab. Nach Ansicht des Generalanwalts beim Europäischen Gerichtshof (EuGH) ist es zulässig, dass Deutschland Nicht-Apothekern verbietet, eine Apotheke zu besitzen. Dies gelte sowohl für den Besitz als auch für den Betrieb von Apotheken, erklärte Generalanwalt Yves Bot am Dienstag in Luxemburg. Die entsprechenden Rechtsvorschriften in Deutschland und Italien seien gerechtfertigt. Die Ansicht des Generalanwalts ist für das Gericht nicht bindend, wird aber meistens befolgt.
Im Zentrum des Rechtsstreits steht der niederländische Pharmavertrieb Doc Morris. Das Saarland hatte der inzwischen zum Pharmahändler Celesio gehörenden Kapitalgesellschaft im Juli 2006 den Betrieb einer Filialapotheke erlaubt. Die Apothekerkammer des Saarlandes und der Deutsche Apothekerverband hatten gegen die Zulassung geklagt, da nur Apotheker mit deutscher Approbation, aber keine Kapitalgesellschaften Apotheken betreiben dürfen. Das Verwaltungsgericht des Saarlandes ließ beim EuGH klären, ob dieses Fremdbesitzverbot gegen die in der Europäischen Union garantierte Niederlassungsfreiheit verstößt.
„Die Tante-Emma-Apotheke ist vom Aussterben bedroht“
Die Stellungnahmen des Generalanwalts bedeutet einen Rückschlag für die großen Unternehmen, die gerne in den Markt einsteigen, Apotheken kaufen und Ketten gründen wollen. Der Pharmagroßhändler Celesio, der zur Hälfte dem Familienunternehmen Haniel gehört, etwa will eigene Apotheken unter dem Namen Doc Morris betreiben. Auch der Konkurrent Phoenix Pharmahandel aus dem Reich Adolf Merckles gilt als interessiert. Supermärkte und Drogerien hatten ebenfalls Interesse geäußert.
Selbst wenn der EuGH dem Generalanwalt folgen und den Markt im Frühjahr nicht öffnen sollte, eins ist trotzdem klar: Die Apotheken werden nicht mehr aussehen wie einst. „Die Tante-Emma-Apotheke ist vom Aussterben bedroht“, sagt Wolfgang Müller vom Marketing-Verein Deutscher Apotheker (MVDA). Kaum ein Apotheker könne sich mehr erlauben, Einzelkämpfer zu sein.
Das kann man in den deutschen Innenstädten besichtigen. Auf einmal gibt es Apotheken, die das grüne Logo von Doc Morris tragen, einheitlich grün-weiß eingerichtet sind und sogar ein erstes Medikament unter der Marke Doc Morris verkaufen: das Schmerzmittel Ibuprofen. Oder eben die Franchisekette Easy Apotheke, die noch deutlicher nach Discount aussieht und Ende des Jahres 30, Ende des nächsten Jahres 100 Apotheken haben will. Es sind selbständige Apotheker, die die einzelnen Apotheken dieser Ketten betreiben, doch sie haben sich einer Marke untergeordnet - als Überlebenskonzept. „Es ist wichtig, eine Eigenmarke aufzubauen, die die Kunden wiedererkennen“, sagt Alexander Irrgang, der am Berliner Ku'damm eine Easy Apotheke betreibt und bald die nächste eröffnen will. „Wer sich jetzt nicht positioniert, wird untergehen.“
Marketinggemeinschaften hinken hinterher
Andere Marketinggemeinschaften wie etwa Linda vom MVDA sind zwar größer, hinken optisch aber noch hinterher. Die rund 1500 Apotheken, die Linda-Mitglied sind, erhalten Linda-Kundenzeitschriften, ein Linda-Logo am Schaufenster und die Möglichkeit, am Payback-System teilzunehmen. „Verpflichten können wir die Apotheker aber nicht, dass sie das Linda-Schild draußen prominenter anbringen als den alten Namen Löwenapotheke oder Rathausapotheke“, sagt Müller vom MVDA. Ohne das Fremdbesitzverbot könnte sich Linda strengere Regeln geben und zum Beispiel einen zentralen Einkauf einführen, um bessere Konditionen auszuhandeln. Daraus scheint jetzt nichts zu werden.
Schon drei Viertel der Apotheker haben sich zu solchen Gemeinschaften zusammengeschlossen. Viele dieser Organisationen sind eng verbunden mit den Pharmagroßhändlern. Doc Morris etwa gehört Celesio, Linda hat Phoenix als Logistikpartner engagiert. Sie haben darauf gesetzt, dass das Fremdbesitzverbot fällt. Dann hätten sie Kontakt zu Apotheken gehabt, die schon wie Ketten aussehen, und hätten daraus schnell eine echte Kette machen können - mit ihnen als Besitzer. Dieses Kalkül scheint nun nicht aufzugehen, es bleibt wohl bei der reinen Kooperation. Die Aktie von Celesio verlor prompt mehr als zehn Prozent an Wert.
Drogerien haben sich mit einem Trick eingeschlichen
Die Medikamentenhändler sind nicht die Einzigen, die Interesse daran haben, Apotheken zu werden. Auch die Drogerien wollen dabei sein - und haben sich mit einem Trick eingeschlichen: Sie kooperieren mit Versandapotheken. Schlecker etwa verteilt die Kataloge der Versandapotheke Vitalsana in seinen Läden, Vitalsana liefert die bestellten Pillen, Cremes und Hustensäfte in den Laden zum Abholen oder nach Hause. Auch bei dm können Patienten ihre Rezepte direkt in der Drogerie abgeben und das bestellte Medikament zwei Tage später an der gleichen Stelle abholen - wie bei der Fotoentwicklung. Es ist die Versandapotheke Europa Apotheek aus dem niederländischen Venlo, welche die Pillen liefert.
Das Konzept scheint zu funktionieren, auch wenn die Drogerien keine Umsatzzahlen herausgeben. „Unsere Kunden nehmen den Medikamentenservice gut an“, sagt Petra Schäfer, die verantwortliche Geschäftsführerin bei dm. „Aus diesem Grund planen wir 2009 alle 1000 dm-Märkte deutschlandweit mit einem Pharma-Punkt auszustatten.“ Bisher können nur Kunden in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Brandenburg, Berlin und vereinzelt in Niedersachsen die Abholstationen nutzen. Schlecker geht noch weiter und will sogar der Pharmaindustrie Konkurrenz machen: Der Partner Vitalsana hat angekündigt, bald auch eine eigene Marke für günstige Arzneimittel einzuführen.
Wüsste man nicht, dass die Öffnung des Apothekenmarkts in Deutschland gerade wieder unwahrscheinlich geworden ist, man könnte glauben, sie wäre längst da.
Lisa Nienhaus Jahrgang 1979, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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