Erst am Montag mittag hat Werner Müller, der Vorstandsvorsitzende des Essener Energie- und Chemiekonzerns RAG, dem Drängen aus Berlin nachgegeben. In der RAG-Vorstandssitzung in Essen hat sich der ehemalige Bundeswirtschaftsminister entschieden, am heutigen Dienstag in der konstituierenden Aufsichtsratssitzung der Deutsche Bahn AG anstelle von TUI-Chef Michael Frenzel für den Vorsitz des Kontrollgremiums zu kandidieren. Mitlerweile hat das Gremium Müller zum Vorstandschef gemacht.
Müller habe sich das Angebot reiflich und gut überlegt, heißt es in seinem Umfeld. Der in Sprachwissenschaften promovierte 59 Jahre alte Volkswirt, in den Konzernen RWE und Eon zum Energiefachmann herangereifte und in der Bundesregierung politisch geschulte Manager weiß, worauf er sich einläßt. Als einfaches Aufsichtsratsmitglied befaßt er sich seit einigen Jahren mit den Schwierigkeiten des Staatsunternehmens. Wie er auch den kantigen Bahn-Chef Hartmut Mehdorn, der seit seinem Antritt Ende 1999 nach Dieter Vogel nun Frenzel als zweiten Aufsichtratsvorsitzenden mit Industrie- und Börsenerfahrung verschlissen hat, bestens kennt.
Guter Kontakt zum Kanzler
Wie Frenzel erfreut sich auch Müller guter Kontakte zum Bundeskanzler Schröder. Nur ist der ehemalige, parteilose Bundeswirtschaftsminister ein ausgemachter Stratege. Der gebürtige Essener versteht es, sich bei heiklen Aufgaben rechtzeitig den erforderlichen Rückhalt zu sichern. Das hat Müller gerade bei seinen Plänen mit der RAG bewiesen. Für seinen Coup, den Börsengang seines mit dem Problem der Steinkohlensubventionen behafteten Konzerns, hat er zuerst Bundeskanzler und Gewerkschaftsspitze gewonnen.
Noch bevor die SPD/Grünen-Koalition in Nordrhein-Westfalen abgewählt wurde, hat der RAG-Chef Verbündete für seine Börsenpläne in der neuen Düsseldorfer Landesregierung gesucht und gefunden. Deswegen kann man davon ausgehen, daß sich Müller vor seiner Entscheidung zu Kandidatur auch in der CDU-Spitze Unterstützung für den Fall eines Regierungswechsels gesichert hat.
Erfolgreich Visionen umgesetzt
Vogel, der bei Thyssen seine strategischen Geschicke unter Beweis gestellt hatte, hat Mehdorn erst mit erheblichem Druck auf dessen damaligen Arbeitgeber RWE als Sanierer bei der Bahn plaziert, um sich alsbald als aktiver Aufsichtsratsvorsitzender mit seinem Zögling in konzeptionellen Fragen zu überwerfen. Frenzel hat sich als Chef-Aufseher bei dem Berliner Problemkind Bahn durch die sichere Hand empfohlen, mit der er innerhalb weniger Jahre den klassischen Industriekonzern Preussag in einen der führenden Touristikkonzerne Europas umbaute.
Die Achse Mehdorn-Frenzel erhielt aber ihren ersten Riß, als der Aufsichtsratsvorsitzende im vergangenen Herbst über den Kopf des Bahn-Chefs hinweg den Börsengang vertagte. Nun kommt Werner Müller, der in Essen bei der RAG keine zwei Jahre benötigte, um einen Wildwuchs aus vielen schwachen und wenigen starken Unternehmen zu einem klar strukturierten Energie- und Chemiekonzern zu formen. Bei seinem Amtsantritt im Sommer 2003 hätte der Zigarillo-Kettenraucher gewiß noch Hohn und Spott geerntet, wenn er seine Vision von einer börsennotierten RAG offengelegt hätte.
Im Doppelpack mit Mehdorn
Bei seinem dritten Kontrolleur in nur sechs Jahren trifft Mehdorn somit auf einen Menschen, von dem er sich nur im äußeren Auftritt und Arbeitsstil stark unterscheidet. Beide arbeiten zielstrebig daran, „ihr“ Unternehmen börsenfähig zu machen. Beide haben sich eine volkswirtschaftlich anspruchsvolle Aufgabe zu eigen gemacht. Die Bahn soll endlich wirklich an private Investoren verkauft werden, der teure deutsche Steinkohlenbergbau so schnell wie möglich ohne soziale Brüche in den Revieren in den Ruhestand geführt werden.
Während Mehdorn direkt, schnörkellos und polternd seinen Weg geht, ist Müller als Liebhaber guter Musik und guter Weine noch längst kein gemütlicher Mensch, jedoch entschieden ruhiger im Ton. Was jeder für sich noch nicht geschafft hat, mag nun zumindest bei der Bahn im Doppelpack gelingen.