http://www.faz.net/-gqe-74h86
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 20.11.2012, 15:13 Uhr

Wer arbeitet mehr? Von fleißigen Polen und bequemen Deutschen

Bundespräsident Gauck sagt: „Die Polen sind fleißiger als die Deutschen.“ Stimmt das?

von
© dpa Ohne Fleiß kein Preis: Bundespräsident Gauck und sein polnischer Amtskollege Bronislaw Komorowski bei der Arbeit auf dem Musikfestival „Haltestelle Woodstock“

Bundespräsident Joachim Gauck ist ein großer Freund der Polen, das hat er schon mehrfach öffentlich kundgetan. Die aktive Rolle im europäischen Einigungsprozess, die Deutschlands östlicher Nachbar an den Tag legt, imponiert dem ersten Mann im Staat. Anscheinend so sehr, dass sich Gauck bei einem Treffen in Neapel unter anderem mit seinem polnischen Amtskollegen Bronislaw Komorowski zu einem heiklen Vergleich hinreißen ließ. „Polen sind fleißiger als Deutsche“, zitiert die „Bild“-Zeitung den Präsidenten. Unterfüttert wird die These mit Zahlen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, kurz OECD, wonach ein Pole durchschnittlich deutlich mehr Stunden im Jahr arbeite als ein Deutscher. Dass Polen in den vergangenen Jahren ein imponierende Entwicklung hingelegt hat, mag niemand bestreiten. Seine Wirtschaft wuchs als einzige in Europa auch während der Wirtschafts- und Finanzkrise. Aber liegt Gauck wirklich richtig mit seiner These vom fleißigen Polen und dem bequemen Deutschen?

1937 Stunden zu 1413 Stunden

Sven Astheimer Folgen:

Ein Blick auf die Fakten hilft: Laut OECD arbeitete ein Pole im Jahr 2011 im Durchschnitt 1937 Stunden. Das liegt deutlich über dem Durchschnitt von 1776. Ebenso klar darunter liegt Deutschland mit lediglich 1413 Stunden. Nur die Niederländer (1379) verbringen noch weniger Stunden an ihrem Arbeitsplatz. Eins zu Null Gauck, könnte man meinen, doch was besagen die Zahlen eigentlich? Sie besagen, dass diejenigen Personen, die auch wirklich einer Erwerbsarbeit nachgingen, mehr Stunden arbeiteten. Diese Gruppe ist jedoch in Deutschland deutlich größer als in Polen und anders zusammengesetzt. Wie ein Blick auf eine andere OECD-Statistik zeigt, betrug die Beschäftigungsquote in Deutschland im zweiten Quartal dieses Jahres 72,7 Prozent - ein internationaler Spitzenwert. In Polen waren gerade mal 60 Prozent aller Personen im erwerbsfähigen Alter auch beschäftigt, das waren deutlich weniger als der OECD-Durchschnitt von 67,7 Prozent. Dagegen war die Arbeitslosenquote zuletzt mit 5,1 Prozent in Deutschland nur halb so hoch wie in Polen mit 10,1 Prozent.

Mit Deutschland und den Niederlanden liegen auch nicht zufällig die beiden Länder am Ende der Jahresarbeitszeiten, die den größten Anteil Teilzeitbeschäftigter haben. In Deutschland hat vor allem der Anstieg der berufstätigen Frauen dazu geführt, dass im statistischen Durchschnitt die Jahresarbeitszeit gering erscheint. In Polen dagegen wird noch heftig debattiert, ob familienfreundliche Teilzeitmodelle ausgebaut werden sollen. Um ein weiteres Mal die OECD-Datenbank zu bemühen: In Deutschland basiert mehr als jedes fünfte Beschäftigungsverhältnis auf einer reduzierten Wochenstundenzahl, in Polen nicht einmal jedes zehnte. In Deutschland ist das Arbeitsvolumen also auf mehr Köpfe verteilt.

Bleibt die Frage, wie Leistung und Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft generell beurteilt werden sollten. Denn das Sozialprodukt setzt sich aus Köpfen, Zeit und Produktivität zusammen. Bei Letztgenanntem ist die Aussage eindeutig. Um abermals die OECD zu zitieren, diesmal in der Kategorie „Bruttosozialprodukt je Stunde“: Polen 20,50 Euro, Deutschland 43,29 Euro.

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Bundespräsident Gauck will bis Frühsommer über zweite Amtszeit entscheiden

Macht Joachim Gauck weiter oder nicht? Diese Frage bewegt das politische Berlin, doch bis jetzt war vom Bundespräsidenten kein Signal zu vernehmen. Noch vor der Sommerpause werde er sich aber erklären, sagte Gauck jetzt. Mehr

22.04.2016, 15:51 Uhr | Politik
Internationaler Roma-Tag Gauck bei Gedenken an ermordete Sinti und Roma

Mit einer Kundgebung in Berlin hat ein Bündnis von mehr als 20 Organisationen gegen die Diskriminierung von Sinti und Roma protestiert. An der Demonstration am Internationalen Roma-Tag nahmen auch Bundespräsident Joachim Gauck und Integrations-Staatsministerin Aydan Özoguz teil. Mehr

08.04.2016, 18:06 Uhr | Politik
Drogenbericht Deutschland dröhnt sich zu

2015 sind fast 20 Prozent mehr Menschen an ihrem Drogenkonsum gestorben als im Vorjahr. Die Bundesregierung und das BKA legen einen ernüchternden Lagebericht vor. Mehr Von Eckart Lohse, Berlin

28.04.2016, 10:33 Uhr | Gesellschaft
Panama-Leaks Wie die Steuerexperten der OECD arbeiten

Sie bekämpfen seit Jahren Steuerflüchtlinge auf der ganzen Welt. Achim Pross und Pascal Saint-Amans von der OECD haben den Steueroasen und Steuerhinterziehern den Kampf angesagt. Nur Panama wollte nicht mitmachen bei ihrem internationalen Abkommen für einen automatischen Datenaustausch. Bis jetzt. Mehr

01.05.2016, 14:56 Uhr | Wirtschaft
Müssen politikfähig bleiben Gauck verteidigt Abkommen zwischen EU und Türkei

Deutschland habe sich durch die Vereinbarung mit der Türkei in der Flüchtlingskrise erpressbar gemacht, sagen Kritiker. Jetzt erhält die Kanzlerin Rückendeckung von Bundespräsident Gauck. Mehr

24.04.2016, 12:50 Uhr | Politik

Euro-Alchemisten

Von Holger Steltzner

Nachdem die EZB das Aus für den 500-Euro-Schein beschlossen hat, versucht der für Bargeld zuständige EZB-Direktor die Kritiker zu beruhigen. Was er sagt, ist redlich. Aber leider stieß er innerhalb der EZB bislang auf taube Ohren. Mehr 19 61


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Staatsfinanzen Was tun mit noch mehr Steuer-Milliarden?

Deutschland wird wegen der guten Wirtschaftslage wohl noch viel mehr Steuern einnehmen als gedacht. Schon beginnt der Streit, was damit geschehen soll. Mehr 17

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden