Home
http://www.faz.net/-gqe-74h86
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
Digitale Exzellenz

Wer arbeitet mehr? Von fleißigen Polen und bequemen Deutschen

Bundespräsident Gauck sagt: „Die Polen sind fleißiger als die Deutschen.“ Stimmt das?

© dpa Vergrößern Ohne Fleiß kein Preis: Bundespräsident Gauck und sein polnischer Amtskollege Bronislaw Komorowski bei der Arbeit auf dem Musikfestival „Haltestelle Woodstock“

Bundespräsident Joachim Gauck ist ein großer Freund der Polen, das hat er schon mehrfach öffentlich kundgetan. Die aktive Rolle im europäischen Einigungsprozess, die Deutschlands östlicher Nachbar an den Tag legt, imponiert dem ersten Mann im Staat. Anscheinend so sehr, dass sich Gauck bei einem Treffen in Neapel unter anderem mit seinem polnischen Amtskollegen Bronislaw Komorowski zu einem heiklen Vergleich hinreißen ließ. „Polen sind fleißiger als Deutsche“, zitiert die „Bild“-Zeitung den Präsidenten. Unterfüttert wird die These mit Zahlen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, kurz OECD, wonach ein Pole durchschnittlich deutlich mehr Stunden im Jahr arbeite als ein Deutscher. Dass Polen in den vergangenen Jahren ein imponierende Entwicklung hingelegt hat, mag niemand bestreiten. Seine Wirtschaft wuchs als einzige in Europa auch während der Wirtschafts- und Finanzkrise. Aber liegt Gauck wirklich richtig mit seiner These vom fleißigen Polen und dem bequemen Deutschen?

1937 Stunden zu 1413 Stunden

Sven Astheimer Folgen:  

Ein Blick auf die Fakten hilft: Laut OECD arbeitete ein Pole im Jahr 2011 im Durchschnitt 1937 Stunden. Das liegt deutlich über dem Durchschnitt von 1776. Ebenso klar darunter liegt Deutschland mit lediglich 1413 Stunden. Nur die Niederländer (1379) verbringen noch weniger Stunden an ihrem Arbeitsplatz. Eins zu Null Gauck, könnte man meinen, doch was besagen die Zahlen eigentlich? Sie besagen, dass diejenigen Personen, die auch wirklich einer Erwerbsarbeit nachgingen, mehr Stunden arbeiteten. Diese Gruppe ist jedoch in Deutschland deutlich größer als in Polen und anders zusammengesetzt. Wie ein Blick auf eine andere OECD-Statistik zeigt, betrug die Beschäftigungsquote in Deutschland im zweiten Quartal dieses Jahres 72,7 Prozent - ein internationaler Spitzenwert. In Polen waren gerade mal 60 Prozent aller Personen im erwerbsfähigen Alter auch beschäftigt, das waren deutlich weniger als der OECD-Durchschnitt von 67,7 Prozent. Dagegen war die Arbeitslosenquote zuletzt mit 5,1 Prozent in Deutschland nur halb so hoch wie in Polen mit 10,1 Prozent.

Mit Deutschland und den Niederlanden liegen auch nicht zufällig die beiden Länder am Ende der Jahresarbeitszeiten, die den größten Anteil Teilzeitbeschäftigter haben. In Deutschland hat vor allem der Anstieg der berufstätigen Frauen dazu geführt, dass im statistischen Durchschnitt die Jahresarbeitszeit gering erscheint. In Polen dagegen wird noch heftig debattiert, ob familienfreundliche Teilzeitmodelle ausgebaut werden sollen. Um ein weiteres Mal die OECD-Datenbank zu bemühen: In Deutschland basiert mehr als jedes fünfte Beschäftigungsverhältnis auf einer reduzierten Wochenstundenzahl, in Polen nicht einmal jedes zehnte. In Deutschland ist das Arbeitsvolumen also auf mehr Köpfe verteilt.

Bleibt die Frage, wie Leistung und Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft generell beurteilt werden sollten. Denn das Sozialprodukt setzt sich aus Köpfen, Zeit und Produktivität zusammen. Bei Letztgenanntem ist die Aussage eindeutig. Um abermals die OECD zu zitieren, diesmal in der Kategorie „Bruttosozialprodukt je Stunde“: Polen 20,50 Euro, Deutschland 43,29 Euro.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Verlängerung des Hilfspakets Bundestag billigt Hilfen für Athen

Mit großer Mehrheit hat der Bundestag einer Verlängerung des Hilfspakets für Griechenland zugestimmt. Lediglich 32 Abgeordnete stimmten mit Nein, 13 enthielten sich. In der Debatte zuvor hatte Finanzminister Schäuble die Griechen gemahnt: Solidarität hat auch etwas mit Verlässlichkeit zu tun. Mehr

27.02.2015, 11:37 Uhr | Politik
Antrittsbesuch Spanisches Königspaar in Berlin

Der Bundespräsident Joachim Gauck hat den spanischen König Felipe und seine Frau Letizia in Berlin empfangen. Es war der erste offizielle Besuch der beiden Majestäten in Deutschland. Mehr

01.12.2014, 17:06 Uhr | Gesellschaft
Russischer Botschafter Nato ist bereits am Ukraine-Konflikt beteiligt

Der russische Botschafter in Großbritannien sieht die geplante Entsendung von bis zu 75 Soldaten als Beweis dafür, dass die Nato bereits in den Ukraine-Konflikt verwickelt ist. Für Deutschland kommt ein solcher Schritt nicht in Frage. Mehr

25.02.2015, 15:52 Uhr | Politik
Ehemaliger Bundespräsident Merkel und Gauck würdigen Richard von Weizsäcker

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Joachim Gauck haben an den verstorbenen Altbundespräsidenten Richard von Weizsäcker erinnert: Er habe das Amt des Bundespräsidenten auf bleibende Weise geprägt. Mehr

01.02.2015, 14:21 Uhr | Politik
Stream Jetzt live: Griechenland-Debatte im Bundestag

Sollen die Hilfen für Athen auch in den kommenden Monaten weiterlaufen oder nicht? Bundespräsident Gauck hofft auf ein deutliches Ja. Verfolgen Sie die Bundestags-Abstimmung in unserem Livestream. Mehr

27.02.2015, 08:24 Uhr | Wirtschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 20.11.2012, 15:13 Uhr

Die perfekte Regie von Airbus

Von Rüdiger Köhn

Airbus legt die Latte niedrig und hüpft dann weit drüber. Der Konzern hat einen neuen Verkaufshit - aber mit dem kann noch einiges schiefgehen. Mehr 1


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Grafik des Tages Länger krank

Die Grippewelle macht Deutschlands Betrieben zu schaffen. Doch normalerweise sind es nicht die Infekte, die den Unternehmen Schwierigkeiten bereiten. Mehr 1

Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden