16.10.2008 · Hessische Kinder gewöhnen sich früh an Zahnärzte: Viele Kindertagesstätten haben einen Patenschaftszahnarzt. Von Alexander Wurst
hessen. Wenn Bernd Henrich das "Montessori Kinderhaus Globus" in Wiesbaden betritt, hat er immer eine Zahnbürste unter dem Arm: Sie ist quietschgelb und 1,20 Meter lang - größer als viele der Kinder in der Kindertagesstätte an der Scharnhorststraße. Viermal im Jahr besucht der Zahnarzt die Einrichtung, weil er, wie etwa 1600 Zahnärzte in Hessen, Patenschaften für Kindertagesstätten übernommen hat. Henrich betreut derzeit sechs mit etwa 350 Kindern.
"Da ist der Doktor Henrich!", ruft ein Junge seinen Spielkameraden zu, als er den Zahnarzt sieht. Seine Haare sind verwuschelt, die Augen noch sehr klein, die Ringe dafür recht groß. Es ist kurz vor acht Uhr, und Henrich kommt, um mit den "Sternenkindern" zu frühstücken. So heißt die Gruppe der 21 Jungen und Mädchen zwischen drei und sechs Jahren. Die Erd-, Sonnen- und Mondkinder spielen in den Räumen nebenan.
Henrich hängt seinen beigen Trenchcoat an einen Garderobenhaken zwischen die Jacken der Kleinen. Er trägt ein weißes Hemd, auf die Brusttasche ist Hexe Irma gestickt. Sie ist das Zahnmaskottchen der 21 Arbeitskreise für Jugendzahnpflege in Hessen, hat grüne zerzauste Haare und hält eine orangerote Zahnbürste wie ein Surfbrett aufrecht neben sich.
Der gut 1,80 Meter große Mann setzt sich zu den Kindern auf einen nur wenige Zentimeter hohen Stuhl. Die kindergroße gelbe Zahnbürste legt er auf den Boden. Vollkornbrot, Obst und Gemüse, Käse und Wurst stehen vor ihm auf dem mehrere Meter langen, sehr niedrigen Tisch, denn gesunde Ernährung ist ein Teil der sogenannten Gruppenprophylaxe: Zuerst treffen die Patenschaftszahnärzte die Kinder im Kindergarten und sprechen mit ihnen über Zahnpflege. Später besuchen sie gemeinsam die Arztpraxis, damit die Kinder die Scheu oder gar Angst vor dem Zahnarzt verlieren.
2007 gaben die gesetzlichen Krankenkassen nach Angaben der hessischen Ersatzkassenverbände etwa 5,7 Millionen Euro für Programme aus, die Zahnerkrankungen bei Kindern und Jugendlichen vorbeugen sollen, darunter für die Gruppenprophylaxe. "Können wir jetzt Zähne putzen?", fragt ein kleines Mädchen und stupst Henrich am Arm. Der 44 Jahre alte Zahnarzt lächelt sie an und geht mit sechs Kindern in den Waschraum. Zwischen 60 und 80 Zentimeter sind die drei Waschbecken hoch. Kreise, Dreiecke und Vierecke in verschiedenen Farben kleben auf den Zahnputzbechern, in denen je eine Zahnbürste steckt. Sofort schnappt sich jedes Kind Becher und Bürste. Sie geben eine Tube Zahnpasta herum, drücken die weiße Creme auf die Borsten und halten sie unter den geöffneten Wasserhahn. "Jetzt stellen wir die Bürste auf die Kaufläche und versuchen dann, mit der Bürste zu kreisen", sagt Henrich. Er geht in die Hocke und putzt selbst. Manche schäumen sich den Mund und das Kinn mehr ein als die Zähne. Ein Mädchen kaut hingegen auf der Bürste. "Magst du nicht mitmachen?", fragt Henrich. Sie antwortet: "Ich will nach Hause."
Viermal putzt sich Henrich an diesem Morgen die Zähne, bis er es jeder Gruppe gezeigt hat. "Sonst würde ich ihnen etwas von sauberen Zähnen und vom Zähneputzen erzählen, und sie halten mir dann vor, dass ich selbst nicht einmal geputzt habe", sagt der Mediziner. Die Kinder müssten lernen, Zähneputzen zu ritualisieren. Das ersetze aber noch nicht die Arbeit der Eltern, die die Zähne kontrollieren und nachputzen müssten. Gelinge es den Kindern, ein gesundes Milchgebiss zu erhalten, liegt die Chance seiner Ansicht nach bei 90 Prozent, dass das auch für die zweiten Zähne gilt.
Mit Verena Katzenbach, der Leiterin der Kindertagesstätte, organisiert Henrich regelmäßig Elternabende, um sie auf ihre Aufgabe hinzuweisen. Auch das gehört zum Programm der Gruppenprophylaxe. Er sagt: "Eltern sind ein wichtiger Baustein meiner Arbeit, denn wenn am Abend oder am Wochenende nicht richtig geputzt wird, erreicht man hier gar nichts." Katzenbach sieht aber auch, wie Kinder ihre Eltern beeinflussen: "Durch die Patenschaft kennen sie die Arbeit eines Zahnarztes und erzählen das zu Hause, so werden Eltern manchmal mehr von ihren Kindern erzogen als umgekehrt."
Später sitzt Henrich, die große gelbe Zahnbürste in der Hand, mit den 21 Kindern und ihren beiden Erzieherinnen in einem Kreis. Sie singen: "Zahnbürste, tanz in meinem Mund, halt die Zähne mir gesund." Der Zahnarzt streicht mit der Riesenbürste über den Teppich und fragt die Kinder, warum Zähne putzen so wichtig sei. Fünf Kinder melden sich sofort. Sie sehen Henrich öfter als die anderen: Ihre Eltern sind seine Patienten und bringen die Kinder mit in seine Praxis, die gegenüber der Tagesstätte auf der anderen Straßenseite liegt.
Nach etwa eineinhalb Stunden muss Henrich dorthin zurück. Er schlüpft in seinen Mantel, sucht allerdings noch die große gelbe Zahnbürste. Schließlich findet er sie: Im Waschraum ziehen zwei Jungs an ihren Enden wie an einem Tau. Als sie Henrich sehen, lachen sie und beenden den Kraftvergleich. "Dürfen wir die behalten?", fragt einer. "Nein", sagt Henrich, "aber beim nächsten Mal bringe ich sie wieder mit."
Sollen Kinderlose einen „Solidarzuschlag" zahlen?
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.757,94 | +0,44% |
| FAZ-INDEX | 1.508,12 | +0,49% |
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| MDAX | 10.353,00 | +0,97% |
| SDAX | 5.020,82 | −0,06% |
| REX | 421,24 | −0,10% |
| Eurostoxx 50 | 2.493,96 | +0,23% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 80,55 | +0,36% |
| Dow Jones | 12.781,00 | −0,76% |
| Nasdaq 100 | 2.556,01 | −0,75% |
| S&P500 | 1.343,23 | −0,54% |
| Nikkei225 | 9.260,34 | +2,30% |
| EUR/USD | 1,3016 | −0,34% |
| Rohöl Brent Crude | 118,53 $ | −0,43% |
| Gold | 1.733,00 $ | +0,64% |
| Bund Future | 139,05 € | +0,38% |